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Nach Anthrax-Ausbruch: 250.000 Rentiere sollen in Sibirien getötet werden

Der Klimawandel führt dazu, dass in Sibirien Jahrzehnte alte Rentier-Kadaver auftauen - und mit ihnen alte Milzbrand-Erreger. Zur Weihnachtszeit sollen die Herden massiv "ausgedünnt" werden, um die Verbreitung der Krankheit zu verhindern.

Rentiere

In Sibirien leben über 700.000 Rentiere - die örtlichen Behörden wollen diese Zahl nun drastisch reduzieren

Der Klimawandel hat massive Folgen für Tiere, Umwelt und Menschen. In Sibirien wächst nun die Sorge vor einer Krankheit, die in der Region seit Jahrzehnten nicht mehr auftauchte - bis vor Kurzem. Durch das Auftauen des Permafrosts verbreiten sich nun wieder uralte Milzbranderreger in Sibirien, die in den gefrorenen Kadavern von Rentieren schlummerten. Mindestens eine Person ist seit dem Wiederauftauchen der Krankheit bereits daran gestorben. Auch 1349 Rentiere wurden Opfer des Milzbrand-Erregers. Insgesamt wurden bislang drei neue Ausbrüche registriert.

Um zu verhindern, dass sich die Krankheit ungezügelt in den riesigen Rentier-Herden Sibiriens verbreitet, wird nun die Tötung von bis zu 250.000 Tieren in der Region geplant. Ein Ausdünnen der Herden auf der Jamal-Halbinsel soll demnach die Chance verringern, dass sich der Erreger rapide verbreitet. Laut der Zeitung "Siberian Times", halten örtlich Behörden die derzeitige Population von zirka 730.000 Tieren zudem für "nicht nachhaltig". In der Zeit zwischen November und Dezember ist in Sibirien traditionell Schlachtsaison. Dieses Jahr soll die Zahl der zu tötenden Tiere demnach massiv angehoben werden.

Rentier-Bestände zu Sowjet-Zeiten deutlich geringer

Nomadische Hirten sollen mit Geld und bezahlbaren Darlehen für Wohnungen davon überzeugt werden, ihre Tiere zur Tötung freizugeben. Im Winter 2013 waren bereits 70.000 Tiere durch eine Hungersnot verendet.

Wie die "Siberian Times" den stellvertretenden Leiter der zuständigen Regierungsbehörde Nikolai Vlasov zitiert, seien die "Rentier-Bestände in der Jamal-Region zu hoch". "Je dichter die Tierpopulation ist desto besser kann sich die Krankheit ausbreiten und umso mehr Tiere werden krank." Laut Vlasov müsse die Zahl der Tiere anhand wissenschaftlicher Vorgaben reguliert werden. Dabei wolle er sich an Populationszahlen aus der Sowjet-Zeit orientieren: "Damals wurden die Viehbestände zwischen 300.000 und 400.000 gehalten. Heute sind es schon 700.000."

Steckt mehr hinter den Plänen der Behörden?

Laut Behörden gibt es noch ein weiteres Problem mit der hohen Rentier Population in der Region. Demnach sei die Jamal-Halbinsel stark überweidet. Optional könnten auch große Teile der Rentier-Bestände in eine südlichere Region umgesiedelt werden, um der Überweidung entgegenzuwirken.

Doch könnte laut der "Siberian Times" auch mehr hinter den Umsiedlungsplänen der Regierung stecken, denn in der Region sollen die größten Naturgas-Vorkommen Russlands liegen. Die Anthropologin Olga Murashko äußerte sich gegenüber der Zeitung besorgt: "Die Pläne der Regierung, die Zahl der Rentiere um ein Drittel zu reduzieren, werden publik, während gleichzeitig im Schnelldurchlauf Lizenzen zur Gasförderung in der Region vergeben werden. Das weckt große Bedenken mit Blick auf das Schicksal der Rentier-Hirten."

amt
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