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Erste Ergebnisse zu Sibirien-Fund: Wollnashorn schlummerte 45.000 Jahre im sibirischen Permafrostboden

Sibirische Jäger hatten bereits 2014 die Überreste eines eingefrorenen Wollnashorns entdeckt. An der Uni Hildesheim werden zwei Milchzähne des Tieres untersucht - die ersten Ergebnisse überraschen.

Die zur Hälfte erhaltenen Überreste des Wollnashorns befinden sich in Russland und werden dort von einem internationalen Team untersucht.

Die zur Hälfte erhaltenen Überreste des Wollnashorns befinden sich in Russland und werden dort von einem internationalen Team untersucht.

Nachdem ein kleines Wollnashorn rund 45.000 Jahre lang im sibirischen Permafrostboden eingefroren war, kam die Eismumie nun zum Vorschein - vermutlich weil sich die Fundregion wegen des Klimawandels zunehmend erwärmt. Russische Jäger entdeckten die Überreste des eiszeitlichen Rhinozerosses Ende 2014. Vor einem Jahr präsentierte die Akademie der Wissenschaften der Republik Jakutien stolz "den einzigartigen Fund", der jetzt mit Beteiligung von Biologen der Universität Hildesheim untersucht wird. 

Der Kadaver ist ungefähr zur Hälfte erhalten: Dazu zählen der Kopf mit den beiden noch sehr kleinen Hörnern, ein Auge, ein Ohr, Teile der Beine und jede Menge hellbraunes Fell. Das Jungtier wurde nach einem seiner Entdecker "Sasha" getauft und ist jetzt Forschungsobjekt für ein internationales Wissenschaftlerteam. Seit gut drei Monaten beschäftigen sich die niedersächsischen Zoologen Horst und Uwe Kierdorf - die beiden sind Zwillinge - sowie Carsten Witzel mit zwei extrem gut erhaltenen Milchzähnen von "Sasha". 

Sasha ist höchstens 6 Monate alt geworden

Die drei Wissenschaftler sind Experten für tierische Hartsubstanzen - anhand von Zähnen und Knochen haben sie beispielsweise Aussagen über die Umweltbelastungen von Beuteltieren in Australien getroffen. Von "Sashas" sechs Zentimeter hohen Backenzähnen fertigen sie sogenannte Anschliff- und Dünnschliffpräparate für die Analyse mit dem Elektronen- und Lichtmikroskop.

"Anhand bestimmter Strukturen lässt sich der vor der Geburt gebildete Zahnanteil von dem nach der Geburt entstandenen abgrenzen", sagt Horst Kierdorf. "Nach unseren vorläufigen Ergebnissen starb "Sasha" mit höchstens sechs Monaten." Bei der ersten Präsentation in Russland war das Tier zunächst auf 12 bis 18 Monate geschätzt worden.

Das Klonen des Wollnashorns wird ausgeschlossen

Das Baby-Rhinozeros wurde noch von seiner Mutter gesäugt, muss aber zusätzlich schon Gras und Kräuter gefressen haben. Das belegen Abriebspuren und Nahrungsreste an den Zähnen. Ihre chemische Zusammensetzung wird in England untersucht, wo die Koordinatorin der Zahnuntersuchungen, Wendy Dirks, forscht. Dort ist auch eine Isotopen-Analyse an den Haaren geplant. Darüber hinaus könnte eine DNA-Analyse enthüllen, ob "Sasha" ein Junge oder Mädchen war. 

Häufig wird über das Klonen von Mammuts oder Dinosauriern spekuliert. Ließe sich das eiszeitliche Wollnashorn mit Hilfe von "Sashas" Überresten wieder zum Leben erwecken? "Dies wird vermutlich eines Tages möglich sein, aber wozu wollen Sie eine Art wiederbeleben, deren Lebensraum es nicht mehr gibt?", sagt Uwe Kierdorf. "Viel sinnvoller wäre es, sich um den nächsten lebenden Verwandten, das vom Aussterben bedrohte Sumatra-Nashorn, zu kümmern." Dieser Ansicht ist auch der Bonner Paläontologe Rico Schellhorn. "Klonen wäre ethisch nicht vertretbar", betont der Experte für Wollnashörner. 

Sasha ist vermutlich eines natürlichen Todes gestorben

Anders als bei der Südtiroler Eismumie "Ötzi" gibt es bei "Sasha" keine Hinweise auf einen unnatürlichen Tod. Erst der angetaute Kadaver wurde von Wildtieren wie Füchsen oder Mäusen angeknabbert. Die Mumie lagert jetzt strikt gekühlt, selbst die entnommenen Zähne werden im Kühlschrank aufbewahrt.

Nach Abschluss der Untersuchungen werden "Sashas" Zähne zurück nach Russland gebracht. Ob das Wollnashorn dort in einem Museum zu sehen sein wird, ist unklar. Nach Einschätzung der Hildesheimer Biologen sind weitere Funde von Frostmumien eiszeitlicher Großsäuger in Sibirien zu erwarten. Uwe Kierdorf: "Durch den Klimawandel wird der Permafrost zurückgedrängt. Nach und nach kommen dort Dinge zum Vorschein, die Tausende von Jahren gefroren waren."

jlp / DPA