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Sibirien-Expedition bei stern.de: Jakutsk - Stadt auf ewigem Frost

Das Leben der Menschen unter den Bedingungen des Permafrosts ist ungewöhnlich und ungewöhnlich sind oft auch die Wege, die sie beschreiten müssen, um unter diesen Bedingungen zu überleben.

Die 1632 gegründete Stadt Jakutsk liegt in der Nähe des Dorfes, das als kältester von Menschen bewohnter Ort der Erde gilt. In Jakutsk schwanken die Temperaturen zwischen +30°C im Sommer und unter -50°C im Winter. Das Permafrost-Institut von Jakutsk ist das einzige Institut der Welt, das sich nur mit der Erforschung des Permafrosts beschäftigt und für die unter diesen Bedingungen lebenden Menschen Lösungen für ihre vielfältigen Probleme erarbeitet. Eine ehemalige, langjährige Mitarbeiterin dieses Instituts, Frau Dr. Siegert, hat uns auch bei der Vorbereitung unserer Expedition immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Dieses Institut am Stadtrand von Jakutsk besuchen wir und ein Wissenschaftler erläutert uns bei einer Führung die Aktivitäten des Instituts.

Wie baue ich im Bereich des Permafrosts ein Haus? Dies ist nicht so einfach, wie die Russen dachten, als sie ihre traditionellen Holzhäuser in Jakutsk errichteten. In diesen Häusern ist es in der Mitte am wärmsten und diese Wärme lässt den darunter liegenden Permafrostboden schmelzen. Die Folge ist, dass das Haus in der Mitte etwas einsinkt, wie man auch auf dem Foto sehen kann. Manchmal führt die Abwärme der Häuser auch dazu, das sich unter den Häusern kleine Eiskerne bilden, die sich hoch drücken und die Häuser etwas verschieben.

Diese alten, wellenförmigen und häufig etwas heruntergekommenen Holzhäuser finden sich überall im Zentrum von Jakutsk. Die meisten Menschen wohnen jedoch in großen Hochhauskomplexen. Die Bauweise für diese Hochhäuser wurde in den 40er Jahren vom Permafrost-Institut entwickelt. Für Wohnhäuser bohrt man rund 10 Meter tiefe Löcher in den Permafrost, in die zuvor gegossene Betonpfähle eingelassen werden. Die Betonpfähle müssen außerhalb des Bohrlochs fertig gestellt werden, da bei der Kälte des Permafrosts der Zement sonst nicht abbinden würde. Fast alle größeren Häuser in Jakutsk stehen auf diesen Betonpfählen. Sie können eine Tiefe von bis zu 40 Metern erreichen, wie beispielsweise beim Fernsehturm von Jakutsk.

Auch der Bau von Staudämmen zur Gewinnung von Elektrizität ist ein großes Problem. Traditionelle Staudämme würden auf dem sich langsam verändernden Permafrost ihre Stabilität verlieren. In Jakutien wird der Permafrost in die Staudämme integriert. Wenn die in einen Staudamm integrierte Permafrostschicht anfängt zu schmelzen, so muss diese Schicht durch Kühlaggregate künstlich wieder hergestellt werden, damit die Statik des Staudamms nicht gefährdet ist.

Der Straßenbau auf Permafrost ist ein nach wie vor nicht befriedigend gelöstes Problem. Wegen des Permafrostbodens kann das Regenwasser schon bei geringen Niederschlägen nicht richtig abfließen. Eine Kanalisation unter der Straße kann aber auch nicht gebaut werden, da sie in jedem Winter wieder von Veränderungen des Permafrostbodens zerstört würde. Die Folge ist, dass bei Niederschlägen viele Straßen in Jakutsk längere Zeit unter Wasser stehen. Uns ist aufgefallen, dass im Straßenbild von Jakutsk fast keine Behinderten zu sehen sind. Auf unsere Nachfrage teilt man uns bedauernd mit, dass unter den Bedingungen des Permafrosts weder Häuser noch Straßen behindertengerecht gebaut werden können.

Ein weiteres Problem stellt die Wasserversorgung dar. Ähnlich wie in vielen anderen Städten wollte im Jahre 1827 ein Bürger für seine Wasserversorgung einen Brunnen bis zum Grundwasser graben. Er fand aber kein Grundwasser, sondern nur den Permafrost. Er grub dann noch fast zehn Jahre weiter bis zu einer Tiefe von über 200 Meter und war natürlich immer noch im Permafrost. Dies war der Beginn der Permafrostforschung und das Ende des Traums von der Wasserversorgung aus dem Grundwasser. Trinkwasser in Jakutsk wird heute aus dem Wasser der Lena gewonnen.

Nach diesen vielen Eindrücken über das Leben unter den Bedingungen des Permafrosts gehen wir in den Permafrostkeller des Instituts. Wir ziehen unsere Pullover über die T-Shirts, die wir wegen des strahlenden Sonnenscheins anhaben. Der Keller wurde vier Meter tief in den Permafrost getrieben und bei -7°C sehen wir überall Eiskristalle an den Wänden. Eiszapfen hängen von der Decke und vom Boden ragen ihnen ebenfalls Eiszapfen entgegen. Es sieht aus wie in einer Tropfsteinhöhle. In der Mitte ist eine Nachbildung des Mammutbabys Dima. Als wir kurz darauf noch leicht fröstelnd im warmen Sonnenschein vor dem Springbrunnen des Instituts mit einer Mammutnachbildung stehen, denken wir noch lange an diese eiskalte Welt unter unseren Füßen, die das Leben dieser Stadt so sehr prägt. Aber nicht nur dieser Stadt wie wir erfahren: Permafrost befindet sich unter 65 Prozent der Fläche Russlands und unter 20 Prozent der Erdoberfläche weltweit. Der einzige Kontinent ohne Permafrost ist Australien.

Aus den Tiefen des Permafrosts fahren wir wieder mit dem Bus nach Jakutsk zurück. In der Stadt sind viele Geschäfte und Restaurants zu finden. Eingekauft wird in Supermärkten selten, meist in kleinen Kiosken, die zur Grundversorgung überall in der Stadt zu finden sind. Viele haben sogar Tag und Nacht geöffnet. Die Preise sind bei vielen Dingen sehr niedrig, nur bei Importprodukten oder Luxusartikeln erreichen sie ein westliches Niveau.

Obwohl die Sowjetunion schon lange Vergangenheit ist, grüßt immer noch die Lenin-Statue auf dem gleichnamigen Platz mit ausgesteckter Hand - scheinbar hinüber zu einer wenige hundert Meter entfernten russisch-orthodoxen Kirche, die in den Zwanzigerjahren durch die kommunistische Regierung zerstört und vor zwei Jahren wieder aufgebaut wurde. Kulturelle Einrichtungen wie Theater und Kinos befinden sich ebenfalls direkt in der Nähe. Viele moderne Bauten im Stadtkern – Konstruktionen aus Glas, Stahl und Beton, die oft Kristallformen variieren – geben Jakutsk ein abwechslungsreiches Aussehen. Der Verkehr wird von vielen Autos geprägt, die das Steuerrad sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite haben, obwohl hier Rechtsverkehr herrscht. Gekauft wir das jeweils preisgünstigste Fahrzeug. Uns würde interessieren, ob dadurch mehr Verkehrsunfälle als bei uns in Deutschland entstehen.

Busse erfreuen sich aufgrund ihre geringen Fahrpreises von umgerechnet 20 Cent großer Beliebtheit - viele Menschen besitzen gar keinen eigenen Wagen. Andere Verkehrsmittel, wie Straßenbahnen oder U-Bahnen, gibt es nicht. In Jakutsk ist es viel üblicher als in Deutschland, als Anhalter mitzufahren. Es wird meistens aber auch Geld dafür gezahlt. Unser Abflugtag, Dienstag, der 24. August, rückt näher und wir müssen uns von vielen neu gewonnenen Freunden verabschieden. In der deutschen Schule von Jakutsk singen viele jakutische Schüler Lieder für uns. Von uns wünscht man sich das deutsche Weihnachtslied "O Tannenbaum".

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, hier in Sibirien bei strahlender Sommersonne vor vielen jakutischen Schülern, die Deutsch lernen, dieses deutsche Weihnachtlied anzustimmen. 400 Schülerinnen und Schüler lernen hier unsere Sprache. Überhaupt hat es uns erstaunt, wie viele Menschen wir hier in Jakutien getroffen haben, die Deutsch sprechen. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet.

Nach unserem letzten Abschiedsessen in einem italienischen Restaurant, packen wir endgültig die Koffer. Am nächsten Morgen bringt uns Iwan, den wir in der Deutsch-Schule von Jakutsk kennengelernt haben, mit einem großen LKW zum Flughafen. Zum Abschied bekommen wir noch das Geweih eines Rentieres geschenkt, das Ewenen, ein Nomadenvolk im Norden Jakutiens, erst am Tag zuvor erlegt haben. Wir bedanken uns, obwohl wir beuweifeln, ob wir mit diesem äußerst sperrigen Gepäckstück durch den Zoll nach Deutschland kommen werden. Das Flugzeug hebt ab und langsam verschwinden Jakutsk und die Lena in gleißendem Sonnenschein unter uns.

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