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Gulag-Doku: Russischer Youtuber landet Hit – mit Film über Sowjet-Straflager

Josef Stalin und seine Straflager – dieses Thema wird in Russland bis heute ungern diskutiert. Ein junger Youtuber fährt hinaus in die Kälte und dreht einen Film darüber. Mit ungeahntem Erfolg.

Kolyma: Ein skurriler Roadtrip durch Sibirien

Er lässt sich von minus 55 Grad Kälte nicht abschrecken und kämpft gegen die Schneemassen: "Kolyma – Geburtsort unserer Angst" heißt der Film, den der russische Youtuber Juri Dud am eisigen Rand Russlands gedreht hat. Kolyma – das ist auch der Name eines Flusses im Fernen Osten, an dessen Ufern Menschen bis in die 1980er Jahre in Straflagern schufteten.

Seit gut einem Monat ist der fast zweieinhalb Stunden lange Film auf der Videoplattform Youtube zu sehen. Und er stößt in Russland eine Debatte an, die bis heute ungern geführt wird: die über die Terrorherrschaft Josef Stalins mit ihren Straflagern, in denen Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten mussten und in denen auch Millionen zu Tode kamen.

Zusammen mit einem lokalen Breakdance-Star und weiteren Bewohnern versucht Youtuber Juri Dud mitten im Winter auf der sogenannten Straße der Knochen mit einer Länge von rund 2000 Kilometern, dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Sowjetunion zu beleuchten.

Stalin ist mehr als 66 Jahre tot – die Folgen seiner Herrschaft bleiben

Denn auch noch heute, 66 Jahre nach dem Tod des Sowjetdiktators, wird über dieses Thema in Russland nur selten und wenn, dann mit leiser Stimme gesprochen. Der Journalist Dud landet damit jedoch bei den Jungen einen lauten Interneterfolg: Mehr als 15 Millionen Mal wurde sein Video über das Gulag-System bisher gesehen. Er sticht dabei absichtlich in das Wespennest des Nichtwissens einer Generation – und treibt so die Schüler und Studenten scharenweise ins Museum.

Mit Schneeschuhen stapft der 32-Jährige im windfesten und knallroten Parka und topgestylt bei seinen Recherchen mühsam zu verlassenen Baracken und Gefängnissen. Mit einer Drohne im Gepäck filmt er die unwirkliche Natur und sucht nach dem Grund, warum junge Menschen noch immer hier leben wollen. "Dieses Land ist wunderschön und brutal. Es hat eine furchtbare Geschichte und komplizierte Gegenwart", sagt er seinen Zuschauern zu Beginn der Reise.

Nachfahren der Gulag-Zwangsarbeiter

Von Magadan am Pazifik reist er mit dem Auto bis nach Jakutsk, einem der kältesten Orte der Welt. Dort spricht er mit Nachkommen von Gulag-Häftlingen, die die Autobahn in Eis und Kälte bauten und vielfach dabei umkamen. Auch heute leben noch viele Enkel und Urenkel der Opfer und auch der Täter in der Region. Das Leben sei teuer und gleichzeitig eintönig, erzählt ihm der junge Mann Rostislaw, der als Historiker arbeitet und gleichzeitig Breakdance-Champion der Region ist. "Jeder will weg, nur leisten kann man es sich nicht", sagt er im Film. Irgendwie müsse man sich arrangieren – auch mit der allgegenwärtigen Vergangenheit.

Der Begriff Gulag, eine Abkürzung für "Hauptverwaltung der Lager" (Glawnoje Uprawlenje Lagerej), steht bis heute als Inbegriff der Schreckensherrschaft von Stalin. In der Region wurden die Häftlinge gezwungen, bei jedem Wetter Straßen zu errichten – und eben auch Gold und Uran abzubauen. Die Lager wurden für rund 20 Millionen Menschen zum Schicksal, etwa zwei Millionen starben.

Dennoch durchweht der Mythos Stalin bis heute die russische Gesellschaft. Nach einer Umfrage des Forschungsinstituts Lewada bewundert jeder vierte Russe den einstigen Kremlchef. Gleichzeitig gibt knapp jeder dritte Jugendliche an, noch nie etwas von den Verbrechen Stalins gehört zu haben.

Dud ist für seine politisch-provokanten Videos bekannt

Genau das gibt Dud, der in Russland schon lange aufgrund provokanter Interviews auf seinem Youtube-Kanal mit Kremlkritikern und Politikern bekannt ist, als Grund für seine ungewöhnliche Recherche an. "Die jungen Menschen fühlen sich dabei nicht überfordert, unwissend und klein", erklärt die Historikerin Irina Scherbakowa von der renommierten Menschenrechtsgruppe Memorial. Mit bewusst naiven und streitlustigen Fragen sei Dud ein Gegenpol zum Staatsfernsehen und Propagandasendern, die Stalin heroisieren und die Verbrechen vielfach nur nebenbei erwähnen.

Deshalb sei so ein Projekt schon lange notwendig gewesen, sagt Scherbakowa der Deutschen Presse-Agentur. "In Russland wird der Stalin-Kult immer stärker. Das kommt von der Politik und das wünscht sich auch die Gesellschaft", sagt die Expertin. "Der Geist ist da, auch bei den Lehrern." Gleichzeitig gebe es immer mehr Interesse, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten. "In Russland ist die Zukunft unsicher. Die jungen Menschen wollen deshalb wissen, woher sie kommen und ihre Identität kennenlernen." Im Internet fänden Interessierte viel leichter Daten, vor allem wenn ihnen der Zugang zu Archiven erschwert werde, sagt sie. Dud habe also einen Nerv getroffen.

Ansturm auf Gulag-Museum in Moskau

Einige Kommentatoren wetterten kurz nach der Veröffentlichung, dass das Projekt zu banal sei. Die Jugendlichen sollten sich zu diesem Thema nicht im Internet herumtummeln, hieß es. Doch Duds Fans lässt das Kapitel auch weiter nicht kalt: Der Film habe einen Besucherboom im Gulag-Museum in Moskau ausgelöst, bestätigten Mitarbeiter auf Anfrage. Das gibt Historikerin Scherbakowa eine leise Hoffnung: "Wenn der Film es schafft, den immensen Geschichtsdurst junger Menschen zu stillen, dann ist das der größte Erfolg. Eine politische Diskussion wird es in diesem System aber nicht geben.

anb / DPA