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"Tor zur Unterwelt": Hier brach die Erde auf: Unterwegs mit Elfenbeinjägern in einem Loch am Ende der Welt

Im Osten Sibiriens entstand vor 50 Jahren eine Schlucht. Heute suchen die Menschen in diesem Mammutfriedhof wertvolles Elfenbein aus der Urzeit. Zu einem hohen Preis.

Von Bettina Sengling

Alles rutscht, schmilzt, stürzt. Jeden Sommer frisst sich das Loch etwa zehn Meter weiter in die Taiga.

Alles rutscht, schmilzt, stürzt. Jeden Sommer frisst sich das Loch etwa zehn Meter weiter in die Taiga.

Als sei das Loch irgendwann einfach da gewesen, so kommt es allen im Nachhinein vor. Es gab keinen Knall, keine Explosion. Nichts fiel vom Himmel. Die Erde öffnete sich langsam, wie ein winziger Riss in einem gespannten Stück Stoff, der immer weiter wächst, bis nichts mehr hält. Vor etwa 50 Jahren wurden vor der Stadt Batagaj im Osten Sibiriens die Bäume gefällt, die Sonne wärmte den Permafrost der oberen Erdschicht. Langsam brach danach diese Schlucht auf. Ein riesiges braunes Loch in der Taiga, geformt wie eine Qualle, die im endlosen Grün herumschwimmt.

Es stinkt muffig. Nach Dreck, Verwesung – und Tod

Viele Menschen in der Nähe fürchten sich vor dem Loch, nennen es "Tor zur Unterwelt" und sind überzeugt davon, dass alles Unglück in der Gegend seinen Ursprung in diesem Abgrund hat. Vielleicht liegt es am Getöse, das der Krater verursacht. Vielleicht am Schlamm. In der Wärme rutscht er von den Kraterrändern nach unten, reißt Baumstämme und Steine mit, ein schwarzes Gemisch aus Wurzeln und Permafrost. Schlammige Erd­stücke donnern an den Eiswänden fast hundert Meter in die Tiefe und schlagen dort krachend auf. Steine und Eis regnen herab. Alles bröckelt, bröselt, schmilzt und rutscht. Es stinkt muffig, nach Dreck, Verwesung und Tod.

Unten, im Abgrund, saugen Matsch und Schlamm auch unsere Gummistiefel fest. Nur Mischas nicht, denn er ist hier dauernd unterwegs. Manchmal legt die Wärme auch wertvolles Elfenbein frei, Mammutzähne, das ist das Gute an dem Loch. Denn wie eine Tiefkühltruhe bewahrt der Permafrost alles, auch die Toten der Vergangenheit. Der Frost verdaut nichts. Schatzsucher und Glücksritter sind deshalb hier unterwegs.

Jakutien, der kälteste Teil Sibiriens

Kaum eine Gegend der Welt ist vom Klimawandel so betroffen wie Jakutien, der kälteste Teil Sibiriens. Die Menschen verstehen allerdings nicht, was daran so schlimm sein soll. Im vergangenen Winter haben sie hier minus 60 Grad gemessen, es ist die kälteste bewohnte Gegend der Welt. Nach ihrer Logik könnten ein paar Grad mehr nicht schaden. Und vielleicht spuckt die Erde so schneller ihre Schätze aus, denken sie. Gold, Öl, Zinn, Kohle. Hier in Batagaj: Elfenbein.

Wir schleppen uns Abhänge rauf und runter, durch den Schlamm, Mischa rennt vor, wir kommen kaum nach, dabei bleibt er manchmal stehen und starrt durch ein Fernrohr, sein Blick sucht die Wände ab. Mischa, ehemaliger Po­lizist, ist ein ernster und wortkarger Mann. Gestern trat er aus der Trunkenheit heraus, in die er sich einige Zeit lang zurückgezogen hatte. So heißt der Ausdruck im Russischen, er wird hier häufig gebraucht, denn die Welt zeigt sich in Batagaj nicht von ihrer schönen Seite. Der Krater frisst sich jedes Jahr weiter in die Taiga, aber auch das Leben hier löst sich auf seltsame Weise auf, wie in einem großen Experiment, in dem der Staat seine Bürger in der Einöde sich selbst überlässt. Fast nichts funktioniert so, dass es vernünftig wäre. Und JWD, janz weit draußen, ist das Loch auch. Sogar JJWD, es ist das Ende der Welt.

Ein Zahn wäre Aufstieg, der Ausstieg

An einem Abhang im Krater begegnen wir zwei Männern, vor denen im Städtchen alle warnen, weil sie 20 Jahre im Lager gesessen haben und gerade entlassen wurden. Sie zelten am Abgrund, irgendwer aus dem Dorf bringt ihnen morgens Brot. Ihre Stiefel haben sie zum Trocknen auf lange Stöcke gespießt. Zweimal am Tag machen sie die Runde durch das Loch und gucken, was die Wärme so abgeworfen hat. Überall liegen Knochen von Mammuts, Urzeitbisons und Urzeitpferden herum, sie interessieren niemanden.

Ein Zahn jedoch kann 25.000 Euro wert sein oder mehr, ein Zahn wäre Aufstieg, der Ausstieg, eine Wohnung irgendwo in der normalen Welt, wo man im Winter nicht bei minus 50 Grad auf ein Plumpsklo gehen muss und im  Sommer keine braune Brühe aus dem Wasserhahn tropft wie in Batagaj. Ganze Dörfer sind in Jakutien im Sommer auf der Suche nach dem Elfenbein, auch deshalb, weil es nicht viel mehr zu tun gibt.

Wer das Elfenbein zuerst berührt, dem gehört es

Mischa wäre einmal fast im Krater gestorben. Aus einer Eiswand ragte etwas heraus, vielleicht Holz, vielleicht aber auch Elfenbein, das war nicht zu er­kennen. Seine Freunde und er beschlossen, das Ding von oben zu überprüfen. Denn unten waren andere Mammutjäger unterwegs. Und das ungeschriebene  Gesetz besagt: Wer das Elfenbein zuerst berührt, dem gehört es. Also seilten sie Mischa an der Wand ab.

Das Seil riss. Mischa blieb auf einem Vorsprung aus Eis und Schlamm hängen, unter ihm klaffte der Abgrund 70 Meter tief. Er klammerte sich fest und tastete nach dem Handy, er wollte schnell noch ein paar Abschiedsworte aufnehmen. Doch jemand besorgte ein neues Seil, ein Wunder geschah. Sie zogen Mischa wieder hoch. In Batagaj guckten sie ihn am nächsten Tag an, als sei er aus einem Grab auferstanden, und ihm selbst kam es nicht anders vor.

Damals war es immerhin Elfenbein.

Sibirien: Das Loch am Ende der Welt
Im Innern des Kraters sucht Mammutjäger Mischa die Wände nach Stoßzähnen ab, die manchmal aus dem Permafrost herausragen

Im Innern des Kraters sucht Mammutjäger Mischa die Wände nach Stoßzähnen ab, die manchmal aus dem Permafrost herausragen

Mischas Ausbeute in diesem Jahr: nichts. Andere waren erfolgreicher. Eine Statistik gibt es nicht, denn die systematische Suche nach den Fossilien ist eigentlich verboten. Jeder versteckt seine Beute deshalb, sie lagert irgendwo in den Eiskellern, den Erdlöchern, die im Permafrost automatisch auch Tiefkühltruhen sind. Dann kaufen die Zwischenhändler sie auf. So wie ein Chinese, der sich Jura nennt und jeden Sommer in Batagaj verbringt. Fast alles Elfenbein geht in den Handel nach China, insgesamt etwa 60 Tonnen im Jahr, denn dort gilt das  verschnitzte Material seit Jahrhunderten als Statussymbol. 90 Prozent aller Mammut-Stoßzähne weltweit stammen aus dem jakutischen Frost.

Auch Alik aus Batagaj kauft Elfenbein und verkauft es dann weiter. Wir begegnen ihm einmal ganz kurz, er gilt als einer der reichsten Männer im Ort und rast mit seinem Jeep über die aufgeschlagenen Schotterpisten. Irgendjemand nennt ihn Don Corleone, wie den Paten aus dem Kinofilm, aber das ist wohl eher ein Witz. Für uns aktiviert er seine Deutschkenntnisse und begrüßt uns mit einem lauten: "Heil Hitler! Ich habe Klassendienst!" Der tollste Fund im Krater dieses Jahr: ein Urzeitfohlen, etwa 40.000 Jahre alt, aber dennoch mit Hufen, Schweif und Fell. Sogar in Deutschland landete die Meldung auf den Panorama-Seiten der Zeitungen. Wissenschaftler hätten es gefunden, hieß es da. Das stimmt natürlich nicht, auch die Forscher haben wenig Geld, in Wirklichkeit waren es Mammutjäger, die dann die Wissenschaftler anriefen. Die Wissenschaftler in Jakutsk lieben die Jäger – alle wichtigen Funde der letzten Jahre stammen von ihnen.

Ein abgewracktes Örtchen, das einst Gulag-Gefangene bauten

In Batagaj wiederum interessiert so ein Fund kaum jemanden, denn Wissenschaftler, das weiß hier jeder, zahlen schlecht. Und was soll man auch mit einem einzigartigen Urzeitfohlen anfangen, wenn ein Fass Trinkwasser im Dorfladen "Tatjana 24" umgerechnet bereits zehn Euro kostet? Nach ein paar Stunden bricht Mischa die Suche ab und fährt zurück nach Batagaj. Es ist ein abgewracktes Örtchen, das einst Gulag-Gefangene bauten, weil es dort Zinn gab. Längst sind die Minen ­geschlossen, und Batagaj ist eine windschiefe Siedlung am Rande der Zeit. Überall sind Wohnblöcke verlassen, Hütten zerbrochen, die Wege aufgerissen, Farbe blättert, Gras wuchert.

Fast aller Zerfall ist für immer, kaum etwas wird je wieder gerichtet, bemalt, repariert. Im Winter kriecht die Kälte durch die morschen Wände, das Krankenhaus schickt sogar schwangere Frauen mit dem Flugzeug nach Jakutsk. Dennoch gewinnt Wladimir Putin auch hier die Wahlen. Warum, weiß keiner. Populär ist er nicht. Die Versorgung: eine Katastrophe. Fernstraßen gibt es nur im Winter, wenn die Flüsse zugefroren sind. In manchen Dörfern werden im Sommer deshalb nicht einmal Kartoffeln verkauft, alles ist etwa dreimal so teuer wie anderswo in Russland. In der Jana, dem Fluss, stecken oft Kohleschiffe im seichten Wasser fest. Vielleicht steigt es später, im Herbst, ­sagen die Leute. Vielleicht auch nicht. Es wundert niemanden, nicht einmal die Seeleute an Deck.

In Batagaj gibt es außer dem Loch noch weitere Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel den weißen Sand. Saina, Rosa und Aljona zeigen uns dieses Phänomen am Ortsausgang. Wir haben die Frauen zufällig kennengelernt, als sie abends auf der Suche nach Abwechslung durch die Stadt kurvten. Im Sand, so der Plan, wollen sie ein paar Fotos machen, er sieht ein bisschen nach Strand aus. Dabei ist es gar keiner, stellt sich heraus, nur ein chemischer Rückstand, der hier seit ein paar Jahrzehnten herumgammelt. Lange wollen die Frauen deshalb lieber nicht bleiben. Es gibt auch: eine kaputte Fabrik, in der man herumklettern kann. Und den Liebeshügel, auch so eine Ruine, in der sich am Abend die Paare treffen.

Die drei Frauen verdienen zwar nicht viel, haben aber einen sicheren Job, denn sie arbeiten in der Kreditvergabe, einem blühenden Wirtschaftszweig in Batagaj. 27 Prozent Jahreszins verlangt ihr Büro und gehört damit noch zu den günstigen Anbietern. Andere berechnen bis zu 317 Prozent. Fast alle finanzieren das teure Leben mit ein oder zwei Krediten, die jungen Frauen selbst, auch Mischa. Manche nehmen einen Kredit auf, nur um kurz aus Batagaj wegzukommen, zum Beispiel nach Jakutsk, die Hauptstadt Jakutiens. Die Flugtickets kosten umgerechnet etwa 300 Euro hin und zurück – für viele ein Monatsgehalt.

Auch manche der Mammutjäger brauchen einen Kredit, nur um zu arbeiten. Denn viele verbringen den Sommer in einem Zeltlager am Fluss. Mammutfriedhof nennen sie diesen Ort. Warum an einer Stelle Elfenbein zu finden ist und an anderer nicht, wissen selbst die Ex­perten nicht: Vielleicht schwemmte ein  Fluss die Skelette an, vielleicht verhakten sie sich oder blieben im Geröll liegen. Dieser Mammutfriedhof ist schon seit hundert Jahren bekannt und liegt von Batagaj aus nur acht Stunden mit dem Motorboot entfernt, nach lokalen Maßstäben also quasi in der Nachbarschaft. Genau genommen ist dies die einzige Industrie im Umkreis von Batagaj, die funktioniert, allerdings ist sie handgemacht, improvisiert und teilweise illegal. Wir fahren hin.

Eine verzweifelte, teure, aufwendige Suche

Von Weitem könnte das Lager auch eine Goldgräbersiedlung sein, die sich in den wilden Osten verirrt hat. Schwarze Höhlen gähnen schon am Ufer in den Abhängen. Feuerwehrschläuche ziehen sich weit in die Taiga hinein. Motoren rattern. Im Dreck stehen Zelte. Die Männer nennen sich Bergarbeiter, aber das ist natürlich untertrieben.  Es ist eine verzweifelte, teure, aufwendige Suche. Denn sie pumpen Wasser in den Berg, waschen Löcher in den Permafrost, kriechen hinein. Von den Seiten tropfen Eis, Wasser, Schlamm, durchsetzt von Pflanzenresten, altem Wurzelwerk. Selbst der Gestank bleibt im Eis jahrtausendelang frisch.

Etwas marode sieht das alles aus, doch in diesem Lager ist es das Ergebnis von ausgeklügelter Logistik. Die gesamte Ausrüstung musste auf Motorbooten in die Wildnis: Matratzen, Schläuche, Fässer mit Diesel, Zigaretten, Nudeln, Konserven, Schrauben, Werkzeug, Töpfe. Beim Ministerium für Katastrophenschutz mieteten sich einige Männer ein Zelt. Zum ersten Mal gibt es darin einen Fernseher, das Gerät läuft sogar nachts. Dafür hat Witja aus Jakutsk gesorgt, ein Brigadenchef, der auch eine Brotbackmaschine mit ans Ende der Welt brachte.

Ein Leben im Zelt, ein Leben im Schlamm

Ein paar Tage wohnen wir bei den Männern im Zelt, leben ihr Leben im Schlamm. Tags schwirren Millionen von Mücken um uns herum: Wer kein Netz um den Mund trägt, schluckt sie manchmal beim Reden. Nachts dröhnen die Pumpen. In manchen Zelten gibt es Streit um Lebensmittel, erzählen die Männer, denn die Vorräte sind knapp. Knapp sind auch: Diesel, Zigaretten, Alkohol. Ist genügend Wodka da, wird auch das zum Problem: In diesem Sommer stürzte sich ein Besoffener auf Slawa, einen Mann aus Witjas Zelt, und rammte ihm ein Messer in den Bauch.

Wir lernen Afanasij kennen, einen Boxer, der bei den Olympischen Spielen in Peking dabei war. Und Semjon, Taxifahrer aus Jakutsk, der einen Kredit abbezahlen muss. Letztes Jahr suchte er Elfenbein auf den Neusibirischen Inseln im Ozean und wäre fast verrückt geworden in der Kälte und Einsamkeit, erzählt er. Verrückt auch vor Heimweh. Einmal im Monat rief er mit dem Satellitentelefon zu Hause an und hörte fünf Minuten die Stimmen seiner kleinen Töchter.

Wir begegnen Wassilij und seiner Familie, die ganz in der Nähe des Mammutfriedhofs im Dorf Sajdy wohnen. In seiner Freizeit schreibt Wassilij Lieder, die manchmal im jakutischen Radio gespielt werden. Zum Beispiel darüber, wie schön sein Land ist. Nie ist etwas lau. Nie einfach. Nie nah. Woanders hält es Wassilij nicht lange aus, nicht einmal in Jakutsk, sagt er. Einmal war er in Moskau, und die Leute hielten ihn, den Jakuten, den Bewohner Sibiriens, für einen Chinesen. Die Wahrheit ist: Die Männer suchen auch nach Elfenbein, um am Ende der Welt bleiben zu können. Selbst wenn sich alles auflöst, zusammenbricht, schmilzt. Es ist hier der Sinn des Lebens, zu überleben.

Diese Geschichte stammt aus der siebten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.