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Mister Gay Syria: Hussein liebt Männer. Dafür wird er mit dem Tod bedroht, auch von seinem Vater

Als Hussein den Wettbewerb zum Mister Gay Syria gewinnt, fühlt er sich endlich frei. Doch dann werden die Übergriffe auf Schwule immer brutaler, auch in seiner Familie – und sein Kampf beginnt von vorn.

Von Raphael Geiger

Ein Tag der Leichtigkeit in Jahren unter Druck: Hussein trägt die Krone des Mister Gay Syria. Der Wettbewerb wurde nie wiederholt.

Ein Tag der Leichtigkeit in Jahren unter Druck: Hussein trägt die Krone des Mister Gay Syria. Der Wettbewerb wurde nie wiederholt.

Wissams Leiche lag in der ­Straße. Und Hussein träumt manchmal davon, dass er der Nächste ist. Dass sie ihm auflauern. Ihn zu Boden werfen, dann immer wieder auf ihn einschlagen und eintreten, getrieben von ihrem Schwulenhass. Er sieht noch verschwommen das Messer, das einer von ihnen aus der Tasche zieht, spürt noch einen Stich im Bauch. Als sie von ihm ablassen, ist er schon bewusstlos.

Ein lebloser Körper in seinem eigenen Blut in irgendeiner Nebengasse in Istanbul. Davon träumt er, nachts, und er denkt auch noch morgens daran, wenn er zu dem Friseursalon geht, in dem er arbeitet, und später, während er seinen Kunden die Haare schneidet. Die Angst spukt immerzu in seinem Kopf herum, sie will ihn nicht in Ruhe lassen. Wissam ist umgebracht worden, das war kein Traum, das war real. Wissam war ein Freund, jetzt ist er tot. Ermordet in Istanbul, der Stadt, in die Hussein flüchtete, weil er glaubte, dort sei er sicher.

Alles begann damit, dass er ins Rampenlicht wollte

In Husseins Traum beschimpfen ihn die Schwulenhasser noch nach seinem Tod auf Facebook. Sie würden ihren  Hass in die Kommentarspalten tippen. Vielleicht würde er ein, zwei Tage lang die Öffentlichkeit beschäftigen. Danach wäre er schnell vergessen, und das macht ihm zu schaffen, denn alles begann damit: dass er ins Rampenlicht wollte. Als bekennender schwuler Syrer. Laut sein. Ein Vorbild. Sich nicht mehr verstecken. Nicht mehr schweigen. Auf Facebook sah er diesen Aufruf: Werdet Mister Gay Syria, der Botschafter der syrischen Schwulen.

"Wenn du nichts zu verlieren hast", sagt Hussein, "dann fängst du an, Mut zu haben." Kurz darauf stand er auf einer Bühne in einem Hinterzimmer nahe dem Taksim-Platz. Er hatte sich nicht verkleidet wie die anderen, sein Auftritt war keine Performance. Er redete einfach. Sprach einen fiktiven arabischen Schwulen an. Sein altes Ich. Er rief: "Es ist nichts falsch mit dir!" Jeder müsse sich bekennen, "nichts schadet unserer Sache mehr, als wenn wir uns verstecken! Wir brauchen schwule arabische Prominente, die offen leben. Damit du, als junger Homosexueller, erfährst, wie normal das ist." Die ganzen Klischees, sagte er, was für ein Unsinn: Schwule sind Künstler, Kreative. "Nein!", rief Hussein, "du kannst Arzt werden, du kannst alles werden!"

Diese Nacht ging er mit einer Oscar-Statue aus Plastik nach Hause, sein neuer Titel war auf den Sockel eingraviert: Mr Gay Syria. Der Mister war mutig, auf der Bühne, es war eine schöne Nacht. Aber stimmt das, was er auf der Bühne sagte? Hat er Mut?

Die Gefahr, die ist immer da

Es ist Sommer in Istanbul, und Hussein Sabat, 25, hat sich befreit, vorerst. Er lebt im Zentrum der Stadt, er hat einen schwulen Freundeskreis, er geht händchenhaltend mit seinem Freund durch die Fußgängerzone, er gibt ihm einen Kuss. Aber da sind die Drohungen: Nachrichten auf Facebook, von Accounts, die Hussein nicht kennt. Da ist Wissam in seinem Kopf. Die Gefahr, die ist immer da. Und seine Familie. Und die ist vielleicht noch gefährlicher. Hussein setzt sich ein für die Rechte der Homosexuellen, er lässt sich nichts mehr gefallen. Aber seinem Vater die Wahrheit sagen: Das traut er sich nicht. Bin schwul, Mama. Bin schwul, Papa. Er hat es nie gesagt.

Mister Gay Syria: Husseins Kampf für die Freiheit beginnt immer wieder von vorn
Ein Tag der Leichtigkeit in Jahren unter Druck: Hussein trägt die Krone des Mister Gay Syria. Der Wettbewerb wurde nie wiederholt.

Ein Tag der Leichtigkeit in Jahren unter Druck: Hussein trägt die Krone des Mister Gay Syria. Der Wettbewerb wurde nie wiederholt.

Ein paar Wochen nach seiner Wahl zum Mister Gay Syria sitzt Hussein in einem Café in Istanbul und starrt auf sein Handy. Es vibriert. Mama steht auf dem Display, Hussein hebt nicht ab, er traut sich nicht. Die Mutter ruft immer wieder an, und Hussein drückt sie weg, immer wieder. Haben sie es herausgefunden? Wissen sie es? Immer wird er panisch, wenn seine Mutter anruft oder sein Vater. Vater ahnt nichts, sagt Hussein, das vibrierende Handy vor sich auf dem Tisch. Vater darf nichts ahnen. "Für ihn ist das so unvorstellbar", sagt er. Das Handy klingelt immer und immer wieder. Wenn er Glück hat, verstoßen sie ihn nur. Wenn er Pech hat, sperren sie ihn ein. Oder sie töten ihn. Noch ein Zögern, dann nimmt er ab und stellt das Handy auf laut. "Komm sofort nach Hause", sagt die Mutter. "Dein Vater will mit dir reden." Hussein gehorcht jetzt, macht sich gleich auf den Weg, die kleinen Nebenstraßen entlang zum Taksim-Platz, zur Metro. Steigt ein und fährt hinaus zu seinen Eltern. Vielleicht stimmt es, dass manche Menschen Jahre brauchen, um erwachsen zu werden, und bei anderen passiert es in ein paar Tagen. Weil da auf einmal etwas mit Wucht in ihr Leben knallt.

In Husseins Fall ist es so: Er weiß, dass er in Lebensgefahr ist, dass es Leute gibt, denen es gefallen würde, wenn er tot wäre. Und dass einer von denen vielleicht sein Vater ist. Hussein ist, in einem Wort, eine Provokation. Er muss sich entscheiden, jetzt, in diesem Sommer, ob er sich verleugnet für den Rest seines Lebens, sich zum Sex mit Frauen zwingt, zurück zu seinen Eltern zieht und sich nachts aus dem Haus schleicht, um seinen Freund zu treffen. Oder ob er kämpft.

"Schwul": Man müsste es irgendwie heilen können, dachte er

Es gibt nichts Schlimmeres in seiner Heimat, als wenn jemand zugibt, dass er schwul ist. Warum stehe ich auf Männer, nicht auf Frauen? Man müsste es irgendwie heilen können, dachte er, wie eine Wunde. Irgendwann wird es sich legen. Irgendwann ist es vorbei. Hussein kommt aus Afrin im Nordwesten Syriens, dem Kurdengebiet an der Grenze zur Türkei. Die türkische Armee hat es Anfang 2018 besetzt. Dem Vater, einem frommen Gemüsehändler, missfiel schon, wenn Hussein mal eine engere Jeans trug. Die üblichen Sätze: So was trägt kein Mann, so kommst du mir nicht aus dem Haus. Der Vater glaubt, er müsse Hussein als ältesten Sohn besonders streng erziehen. Damit seine Brüder an Hussein sehen, wie ein Mann heranwächst.

Hussein weiß noch nicht, dass im Rest der Welt Schwule Bürgermeister werden oder Premierminister. "Schwul" sei eine Krankheit, glaubt er, eine ansteckende. Bis er in einem Teegarten Zakaria begegnet, ein gemeinsamer Freund stellt sie vor. Die beiden kommen ins Gespräch, schauen sich lange in die Augen. Und wollen sich wiedersehen. Bald.

Zakaria ist ein paar Jahre älter als Hussein, er führt einen Friseursalon,  eine Dreiviertelstunde entfernt. Abends kommt Zakaria von jetzt an in Husseins Dorf und parkt im Hinterhof, pünktlich um Mitternacht. Hussein hört ihn, er hat auf ihn gewartet, und springt aus dem Fenster. Erster Stock, kurzer Schmerz, schnell auf den Beifahrersitz, raus auf die Felder. Ein paar Stunden Liebe. Anderthalb Jahre lang schläft Hussein kaum, immer erst kurz vor Sonnenuntergang setzt Zakaria ihn zu Hause ab. Einmal sagt er zu Hussein: Ich liebe dich, aber wir können das nicht jede Nacht machen, irgendwann werden wir auffliegen. "Sei still", flüstert der auf dem Beifahrersitz. "Ich fühle mich sicher bei dir." Als Hussein einmal vor Müdigkeit einschläft und Zakaria nicht kommen hört, wirft der ihm einen Teddybär durchs offene Fenster. Mit dem wacht Hussein am Morgen auf, der Bär ist neben ihm auf dem Bett gelandet.

Homosexualität ist in muslimischen Ländern das letzte Tabu

Es sind die Homosexuellen, die unter dem Hass der Islamisten als Erste leiden. Und am längsten. Selbst wenn sich muslimische Länder öffnen, ist Homosexualität das letzte Tabu. Wenn sie sich nicht ihr Leben lang verleugnen wollen, müssen sie fliehen. Junge lesbische Frauen, junge Schwule wie Hussein und junge Trans- oder Intersexuelle. Sie gehen dorthin, wo sie am ehesten Freiheit vermuten: nach Istanbul. Hier, in dieser weiten Stadt, erfährt Hussein, dass Männer zu lieben keine Krankheit ist. "Als hätte ich vorher eine Maske getragen", sagt er. Er hat sich, nein, er musste sich verheiraten lassen. Mit seiner Frau bekam er eine Tochter. Er war Teil einer Großfamilie, als er in Istanbul ankam, Eltern, Geschwister, Frau, Tochter. Sie zogen zusammen in eine Wohnung draußen in der Nähe des Atatürk-Flughafens.

Die Stadt und das Leben in der Familie, das passt bald nicht mehr zusammen. Irgendwann zieht er aus. Lässt Frau und Tochter bei seinen Eltern, sucht sich eine kleine Wohnung am Taksim-Platz. Hussein, fragt seine Frau, sag ehrlich, bist du schwul? Da ist das Wort, zum ersten Mal spricht sie es aus. Und Hussein tut, als sei das absurd. "Hätten wir dann eine Tochter zeugen können?", fragt er. Er würde es ihr gern erzählen. Ja sagen. Ja, stimmt, und – ist es schlimm? Aber er schafft es nicht. Er wolle einfach näher an seinem Friseursalon wohnen, lügt er sie an.

Dann beginnt er zu leben. Er kauft sich Klamotten nach seinem Geschmack. Er findet Freunde, auch sie Flüchtlinge, die ihn vom Glauben befreien, er sei krank. Einmal betritt ein heterosexueller Syrer eines der Cafés, in denen sich Hussein und seine neuen schwulen Freunde treffen. Erst nach einer Weile versteht der Mann. "Seid ihr etwa …?", fragt er. "Wie", fragt ihn einer der Schwulen, "du etwa nicht, Bruder?" Der Mann rennt aus dem Café, die anderen lachen eine kleine Ewigkeit. Was für eine Befreiung, zum ersten Mal in der Mehrheit sein und drüber lachen können, und nichts passiert, kein Vater kommt und schreitet ein, kein Geistlicher, nicht irgendeine Autorität. Als ob ihnen hier niemand etwas könnte.

Er hätte etwas zu sagen, aber er darf es nicht

Wenn Hussein erzählt, lacht er immer wieder auf, er mag nicht lange ernst sein. Gerade wenn er etwas Trauriges erzählt hat, legt sich in ihm ein Schalter um, und dann fragt er unseren Übersetzer, warum der so dick geworden sei. Zum Beispiel. Vermutlich ist es der Selbstschutz von jemandem, für den Todesangst nichts Fiktives ist. Istanbul hat ihm Freiheit versprochen, aber nicht immer hält die Stadt dieses Versprechen. Es kann ihn immer treffen, überall. Als Hussein eines Nachts durch die Straßen geht und mit seinem Freund telefoniert, da laufen hinter ihm zwei Männer und hören das Gespräch mit. Sie prügeln auf ihn ein, auch noch, als er am Boden liegt, bis er sich irgendwie entwinden und wegrennen kann. Als Mister Gay Syria kann er kaum auftreten. Er hätte etwas zu sagen, aber er darf es nicht, weil er sonst um sein  Leben fürchten müsste. Wenn er sich mit Freunden verabredet, dann an einem Ort, den niemand sonst wissen darf.  Die Gefahr ist immer nur einen Nebensatz weit weg. Namen reichen. Wissam,  das Mordopfer. Zakaria, Husseins erster Freund. Er hätte Zakaria so gern von der Mister-Wahl erzählt, aber noch bevor Hussein in die Türkei ging, wurde Za­karia entführt. Irgendwelche Fanatiker mussten von seiner Sexualität erfahren haben.

Zakaria? "Er ist gestorben"

Wenn es um Zakaria geht, wird Hussein wortkarg. "Er ist gestorben", sagt er. "Die haben ihn umgebracht. Jemand hat es seiner Mutter gesagt. Sie ist zusammengebrochen." Dann findet er: genug traurige Themen. Er dreht sich zum Übersetzer und sagt: Frag doch mal unseren Freund hier, den Reporter, ob er ganz sicher hetero ist. Ja? Schade! Mister Gay Syria will lachen. Ein gezeichneter Mensch ist er. Das jahrelange Verheimlichen, das Verstecken. Gerade jetzt hat Hussein Angst, in Istanbul. Das Land von Recep Tayyip Erdoğan ist keines für Menschen wie Hussein. Erdoğan will eine fromme Türkei, wo alle gleich sein sollen, niemand anders. Istanbul verändert sich. Die Stadt enttäuscht Hussein. Er ist Mister Gay Syria geworden, aber er ist nicht frei. An dem Tag, als Hussein auf dem Weg zu seinen Eltern ist, ruft ihn sein Bruder Anas an. Der ist 18 und zu Hause ein ziemlicher Macho. Hussein kann ihn nicht ausstehen, wenn er so ist. Anas redet dem Vater nach dem Mund, erteilt den Schwestern Befehle. Wenn Anas ausgeht, zieht er sich heimlich um. Wenn er nach Hause kommt und die Eltern fragen, wo er war, lügt er. Anas telefoniert manchmal mit einem Mädchen und nennt sie seine Freundin. Er redet sich ein, er sei bi. Weil das irgendwie, stellt er sich vor, nicht ganz so radikal ist. Nicht ganz so viel Bekenntnis erfordert. Ein Kompromiss. Hussein spürt, dass Anas noch Zeit braucht. Geht eben nicht so schnell, wenn man immer nur gehört hat, wie krank, wie pervers, wie undenkbar Homosexualität sei. Und man dann spürt, dass man einer von denen ist, die man für pervers gehalten hat. Dass einen das Perverse glücklich macht. Dann ist man 18 und weiß nicht weiter. Die Eltern würden ihn verstoßen. Auf jeden Fall. Nicht mal Hussein traut sich ja, es ihnen zu erzählen. Und dann kommt dieser Tag, ein Samstag, und der Vater weiß es.

Wird er mich gleich umbringen?

Am Telefon sagt Anas, der Vater habe sein Handy durchsucht und all die Whats­app-Nachrichten gesehen, Husseins und Anas’ Chats, aufgezeichnete Anrufe, Bilder, Videos. Vater weiß alles, sagt Anas. Hussein hatte mit seinen Freunden den Tag über Plakate gemalt für die  "Gay Pride" am Sonntag, morgen, an der Hussein teilnehmen will, obwohl der Staat es verboten hat. Aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Hunderte Homosexuelle, die durch die Fußgängerzone ziehen, in einer Stadt voller IS-Schläfer. Sicher, sagt Hussein. "Aber ich lasse mir doch nicht auch noch den einen  Tag nehmen, der uns gehört." Auf den Pla­katen steht: Homosexualität ist keine Krankheit – Homophobie ist eine. Oder: My ass is none of your business. Morgen wird Hussein der Botschafter der arabischen Schwulen sein, ein selbstbewusster Mister Gay Syria, der kein Problem mehr hat mit sich und der Welt. Heute steht er seinem Vater gegenüber, allein. Und flüchtet sich in Lügen, sagt: "Papa, das auf dem Bild ist nur ein Freund von mir, dem es sehr schlecht ging, ich habe ihn getröstet." Der Vater schluckt seine Wut runter, allein darüber zu reden ist ihm peinlich. Sein Glaube verbietet es ihm, auch nur daran zu denken, was sein Sohn im Bett macht. Er tut, als würde er Hussein glauben. Dass zwei Männer sich küssen, ist ja normal in der arabischen Kultur, ist die übliche Begrüßung, Männer fassen sich viel mehr an als in Europa. Hussein redet auf ihn ein, sucht ­Argumente. "Könnte ich eine Tochter haben, wenn ich …", weiter spricht er nicht. Der Vater nickt nur.

Der Vater brüllt: Ich werde euch vergiften! Oder ich werde euch erstechen!

Wird er mich gleich hier einsperren?, fragt sich Hussein. Oder wird er Anas und mich gleich umbringen? Dann bricht es heraus aus dem Vater, er springt auf und schlägt Hussein ins Gesicht. Er brüllt: Ich werde euch vergiften! Oder ich werde euch erstechen! Es sei denn, sagt er, ein wenig ruhiger: Du gibst sofort auf, was du da tust, du kommst  zurück zu mir. Und du verlässt das Haus nur noch mit mir zusammen. Irgendwann gegen ein Uhr morgens lässt er Hussein gehen. Entscheide dich, sagt er. Komm wieder oder ich werde dich töten, ich schwöre es beim Heiligen Koran. Es ist eine schwüle Sommernacht, in der Anas beschließt, sich weiter anzulügen, sich dem Vater unterzuordnen. Und Hussein – weiß, dass er seine Eltern vielleicht nie mehr sehen wird. Er wird seiner Frau nie mehr ein Mann sein und seiner Tochter nur ein abwesender Vater. Er lässt sein altes Leben hinter sich, als er in dieser Nacht das Marmarameer entlang zurück zum Taksim-Platz fährt, vorbei an den Lichtern der Hotels, der Bars. Je näher er seiner Wohnung kommt, desto lauter ist Istanbul, die Luft vibriert von den Bässen, immer mehr Menschen sind auf den Straßen. Trinken Bier, tanzen, knutschen, feiern den Sommer. Er ist wieder zu Hause. Dann wird auch dieses Zuhause fremd. Wissam ging immer geschminkt los zur Metro und fuhr ins "Tek Yön", einen Schwulenclub. Manchmal folgten ihm Männer und beschimpften ihn. An dem Abend geht Wissam weg und sagt seinen Mitbewohnern, er sei in ein paar Minuten wieder da. Nach ein paar Stunden rufen sie die Polizei. Wissams Körper liegt am Straßenrand, die Mitbewohner identifizieren ihn anhand der Hose, das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen, aus seinem Körper hängen Fetzen von Organen. Arabische Facebook-Seiten, die Wissams Tod melden, sind voll mit Hasskommentaren. Wissams Eltern kommen nach Istanbul und müssen sich von Bekannten beschimpfen lassen für ihren Sohn. Eine Schande sei er. Scham befällt die Eltern, und Wut. Es ist die Reaktion, wegen der sich Wissam ihnen nie anvertraute. Bis es zu spät war.

Angst vor der eigenen Familie

Husseins neuer Freund will weg aus Istanbul, sobald er kann, auch er hat Angst vor seiner Familie. Hussein sagt, auch er würde gern "irgendwo durch die Straßen gehen, wo mich niemand kennt. Wo  ich mir nicht jeden meiner Schritte genau überlegen muss". Immer wieder leuchtet jetzt Husseins Handy auf, sein Vater. Nie geht Hussein ran, und oft hinterlässt der Vater ihm dann Sprachnachrichten. Sein Vater wird für ihn diese Stimme, die ihn verfolgt, diese ruhige, aber drohende Stimme. Warum nimmst du nicht ab?, fragt die Stimme. Bei Gott, ich werde dich verfolgen. Bis zum Mars. Hussein lacht. "Papa,  Superheld?!" Pass bloß auf, sagt die Stimme. Gott wird Zeuge sein, wenn ich dich töte. Du bist tot. So spricht sein Vater.

Wenn Hussein mit seinem Freund durch die Fußgängerzone geht, treffen ihn Blicke von arabischen Touristen, die schnell ihr Istighfar flüstern, ihre islamische Abbitte: Allah, vergib mir. Meistens geht Hussein weiter, einmal bleibt  er stehen. "Bruder, beruhig dich", sagt Hussein dem Araber, "ich gehe hier mit meinem Freund aus, nicht mit deiner Schwester." Er sortiert seine Freundesliste, löscht jeden, den er nicht persönlich kennt. ­Islamistische Spinner können Englisch, sie wissen von ihm: dem Mister Gay Syria. Sie hassen ihn, und viele von ihnen sind hier, in Istanbul. Sein Handy ist voll mit Nachrichten von der Familie. Seine Mutter: Hussein, komm nach Hause, entschuldige dich. Anas, der Bruder: Hussein, wenn du dich nicht mit Papa versöhnst, wird für immer ein Fluch über dir liegen. Irgendwann öffnet Hussein Whatsapp und schreibt seinem Vater. Schreibt, was er ihm schon immer sagen wollte:

Ich habe mich nie in meinem Leben von dir geliebt gefühlt, Vater. Du hast mich nur gehasst. Wenn du mich töten willst, töte mich. Ich werde niemals zurückkommen zu dir. Alles, was ich jemals von dir gehört habe, ist: Versager. Als ich zum Militär ging, hast du dich nicht mal verabschiedet. Hast mich nicht einmal angerufen. Als ich hier in Istanbul auf der Straße angegriffen wurde und blutend zu euch kam, hast du mich einen Lügner genannt. Vater, wenn ich ein Versager bin, dann bin ich es wegen dir. Ich brauche dich nicht.

Hussein bleibt der einzige Mister Gay Syria – zu einem zweiten Wettbewerb kommt es nie

Husseins Freunde fliehen, einer nach dem anderen, sie finden einen Weg nach Europa, nach Kanada. Husseins Eltern glauben, auch er sei schon lange weg. ­Irgendwo im Westen. Diese Lüge, sagt Hussein, rette ihm vielleicht sein Leben. Es vergeht ein Sommer. Hussein bleibt der einzige Mister Gay Syria, zu einem zweiten Wettbewerb kommt es nie. Die IOM, die Internationale Organisation für Migration, hat Hussein ein Visum besorgt. Er gilt jetzt als Härtefall. Aber Hussein sagt, er könne nicht weg ohne seinen Freund. "Er ist das Kissen für meine Tränen", sagt er. Er hat schon alles gekündigt, seine Wohnung, den Job als Friseur, die türkische Handynummer. Es gibt schon ein Flugdatum. Zusammen mit anderen Flüchtlingen würden sie reisen, begleitet vom IOM. Nach Marseille. Einen letzten Termin noch hatten sie beim Ausländeramt. Da saß ein türkischer Beamter und sagte, es tue ihm leid. Es gebe Probleme mit den Papieren von Husseins Freund. Sie müssten noch warten, 20 Tage, bis zum nächsten Flug. 20 Tage. Vielleicht ist das nach all den Monaten nicht viel, aber Hussein zog es den Boden unter den Füßen weg. Machen sich alle Türen vor mir zu?, fragte er sich. Wann? Die Frage macht ihn kaputt. Wann ist es endlich so weit? Wann kann ich weg? Er hat kaum noch Geld, verbringt die Nächte in einem Schlafsaal in einem Armenviertel, er meldet sich bei niemandem, er geht durch die Straßen wie ein Untoter. Als er das letzte Mal mit seiner Mutter telefonierte, sagte sie ihm, er sei nicht mehr ihr Sohn. Sein Vater hasst ihn. Anas, sein Bruder, hat sich aufgegeben. Nur Husseins Schwester hält noch zu ihm, sie hört nicht auf den Vater, als Einzige. Hussein sagt, seine Schwester sei "so stark wie ein Mann". Und ab und zu, wenn er WLAN hat, öffnet sich ein Whatsapp-Fenster auf Husseins Handy, und er spricht mit seiner Tochter. Sie wächst mit der Mutter auf, die beiden sind zurück nach Afrin gezogen, zurück ins Dorf, ins Vertraute, so hart das Leben dort auch ist. Seine Tochter heißt Salam. Frieden. Es ist ein Julimorgen, als mit einer Stunde Verspätung eine Maschine vom Atatürk-Flughafen abhebt, Turkish Airlines, Ziel Marseille. Hussein und sein Freund waren noch nie im Westen. Beim Landeanflug können sie die Küste sehen. Saint-Tropez. Hier müsst ihr nicht mehr schüchtern sein, sagt ein Mann vom IOM. Bienvenu.

Er will anderen als Mister Gay Syria Mut machen

Sie bekommen eine Wohnung zugewiesen in einem provenzalischen Dorf gleich bei Marseille, an ihrem Haus entlang fließt ein kleiner Fluss, gegenüber läuten Kirchenglocken. Es fühlt sich weit weg an von Istanbul, vom Vater, von dem ganzen Hass. Abends geht Hussein durch die Gassen zu einem Bäcker und kauft ein Baguette, dazu kocht er Schakschuka. Nach dem Sommer will er Französisch lernen, er findet, es sei eine sexy Sprache. Auf Facebook möchte er bald nach anderen arabischen Schwulen in Marseille suchen. Er glaubt, dass es auch hier viele junge Männer gibt, Algerier, Marokkaner, die nicht zu sich stehen, aus Angst vor ihrer Familie. Er will mit ihnen reden, ihnen Mut machen. Mister Gay Syria sein. Er kann das gut. "Du entscheidest, ob du lächelst oder nicht." So spricht Hussein. "Wie du dich heute fühlst, beeinflusst dein Morgen." Er sagt, er habe jetzt seine Maske abgelegt.

Diese Geschichte stammt aus der sechsten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.