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Stichtag: Unser Reporter hat Angst vor Bienen. Höchste Zeit für ihn, einen Imkerkurs zu besuchen!

Er hat Angst vor allem, was fliegt und brummt:  Bienen, Wespen, Hummeln. Es gilt, seine Phobie zu bekämpfen. In der Psychotherapie gibt es da eine Strategie: Reizüberflutung. Ein Selbstversuch.

Von Daniel Sippel

Sobald die Bienen Rauch riechen, denken sie, dass der Wald brennt. Dann saugen sie sich mit Honig voll und sind weniger stichfreudig. Ha, reingelegt!

Sobald die Bienen Rauch riechen, denken sie, dass der Wald brennt. Dann saugen sie sich mit Honig voll und sind weniger stichfreudig. Ha, reingelegt!

Kurz bevor wir sterben, hören wir ein Summen. Das habe ich mit sechs Jahren gelernt. Ich saß auf einer Picknickdecke, Schirmmütze auf dem Kopf, gut ein­gecremt gegen die Sonne. In der Hand hielt ich einen Apfel. Sein Saft tropfte von meinen Patschehänden auf die Decke, alles klebte. Sommer. Mit meinen Hasenzähnen biss ich ein Stück ab. Dann fing meine Mutter an zu schreien.

"Spuck das aus!" Sie machte große Panikaugen, und ich spuckte aus. "Mund auf!" Ich machte den Mund auf. Eine Träne lief meine Wange runter und überholte am Kinn den Apfelsaft. So saß ich da, mit aufgesperrtem Mund, und ich wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Und dann flog der Killer aus meinem Mund.

Der schwarz-gelbe, potenziell todbringende Brummer. Eine Wespe. Wenn sie mich in den Rachen  gestochen hätte, wenn er angeschwollen wäre, das Viech im Todeskampf eingesperrt in meiner Luftröhre – man mag sich gar nicht ausmalen, wie mich der Sensenmann heimgesucht hätte. Das klingt vielleicht übertrieben, aber so erinnere ich mich an diesen Tag. Von da an lief ich mit einer Phobie vor dicken, summenden Insekten durch die Welt.

Wenn meine Familie im Garten grillte, schmauste ich meine Würstchen lieber im Haus. Kleinere Gefahr. Am Strand wachte ich mit einer elektrischen Fliegenklatsche in der Hand, ein Plastikschläger mit Metallsaiten, durch die auf Knopfdruck Strom fließt. So konnte ich Wespen noch in der Luft rösten. Kurz  gesagt: Ich war verrückt.

Mit 25 Jahren ist es höchste Zeit, nicht mehr panisch herumzufuchteln, sobald ich eine Biene erspähe. Aber was könnte ich tun? In der Psychotherapie nennt  man eine Strategie zum Austreiben einer Phobie "Flooding", Reizüberflutung. Was gäbe es also Besseres, als mit meiner Angst auf Bienenvölker zu stoßen, mit jeweils bis zu 60.000 Mitfliegern?

Imkerkurs mit Bienenphobie: Heute ist Stichtag!
"Du wirst begeistert sein!", verspricht Hobbyimker Fabian Münch, 35. Reporter Daniel Sippel ist zwar nicht im Bilde, sieht aber sehr zweifelnd aus.

"Du wirst begeistert sein!", verspricht Hobbyimker Fabian Münch, 35. Reporter Daniel Sippel ist zwar nicht im Bilde, sieht aber sehr zweifelnd aus.

Wie man einen Waldbrand simuliert

Ich beschloss, einen Crashkurs im Imkern zu machen. Denn Bienen sollen ­weniger böse als Wespen sein. Guter Nebeneffekt: Ich könnte ein paar Gläser exklusiven JWD-Honig herstellen. Ich opferte mich also abermals für JWD und fuhr zu Fabian Münch. Er ist 35, Hobbyimker, lässig und hat keine Bienenphobie. Ein perfekter Lehrmeister. An einem Samstag im August steigen wir über Äste, einen toten Baumstumpf und schieben die langen Blätter der Farne zur Seite. Wir wandern durch ein Naturschutzgebiet im Süden Düsseldorfs. Ich trage eine dicke, weiße Bomberjacke, dazu Handschuhe und einen Helm, der aussieht, als würde ich zum Fechten gehen. Ein engmaschiges Netz soll mich vor den Bienen bewahren. Direkt vor meiner Nase ist es ein wenig eingerissen. Ein Loch – groß genug, dass Bienen hindurch fliegen könnten?

Schweiß läuft meinen Rücken herunter. Es ist heiß. Fabian stapft vor mir her, trägt eine Art Werkzeugkoffer und ruft bestens gelaunt: "Das ist alles überhaupt nicht bedrohlich. Du wirst begeistert sein!" Gleich müssen die Bienenstöcke auftauchen. Der Himmel wird sich verdunkeln, weil Abertausende Bienen herumsurren, bereit, jeden Tropfen ihres Honigs gegen uns zu verteidigen. "Muss ich langsam Angst bekommen?", frage ich Fabian. "Ach, die tun doch nix", ­antwortet er. Da ist er, der Satz, den ein ­Bullterrier-Herrchen sagt, bevor sich sein Schatz in eine fremde Wade verbeißt.

Eine Lichtung, vor uns ein Feld. Vier Holzkästen stehen auf Europaletten. Die Sonne scheint, der Himmel ist noch unverdunkelt. Viele Bienen schwirren hier nicht herum. Fabian erklärt, die Eingänge zu den Bienenwohnungen lägen auf der Seite des Felds. Und deswegen ist dort mehr los. Fabian holt seinen "Smoker" aus  dem Koffer, die moderne Alternative zur Imkerpfeife. Er stopft Kleintierstreu in das Teil, das aussieht wie ein Teekessel. Anzünden, dreimal auf den Blasebalg ­gedrückt: fertig. Rauch steigt aus dem ­Smoker in die Baumwipfel. Die Bienen tricksen wir so aus. Sie rüsten sich nun für einen Waldbrand, zumindest vermuten Experten das als Grund für ihr Verhalten. Ihre Routine im Brandfall: Honigmägen füllen. Und mit vollem Magen stechen sie nicht gern. "Das ist der beste Smoker auf der ganzen Welt", sagt Fabian begeistert.

Wenn Fabian Dinge tut, macht er sie richtig, nicht halbherzig. Also gründete er eine kleine Honigfirma, als er mit dem Imkern anfing: Raw Honey. Hipsterdeutsch nennt er sie ein "Moonlight-Start-up". Unter der Woche leitet er ein Restaurant. Denn eigentlich hat er eine Ausbildung zum Koch gemacht, ein Lehrer war Tim Raue. Dieser gilt als einer der berühmtesten deutschen Köche. Singapur, Genf, Berlin, Zürich: Fabian kochte in den feinsten Restaurants der Welt. "Am Ende war ich wohl einer der besten Sushiköche Deutschlands", sagt er, und es wirkt fast, als sei ihm das ein wenig unangenehm.

"Nie hatte ich weniger Lust, meinen Finger irgendwo reinzustecken"

An fast jedem Wochenende besucht er seine ungefähr 150.000 Bienen. Gelernt hat er das Imkern in einem neunmonatigen Kurs. Er ging auf sogenannte Kreisimkerverbandsversammlungen und hörte sich Vorträge an, die Titel wie "Wachs im Fokus" tragen. "Solche Veranstaltungen sind eine Mischung aus Schützenverein und Rentnertreff." Eine Bienenwohnung, erklärt er mir nun, nennt der Experte Beute. Was vor uns steht, diese stapelbaren Kästen aus Holz, heißen Magazinbeuten. Ganz oben schützt ein Blechdeckel vor Regen, darunter lagert der Honig im Honigraum. Eine Etage tiefer ziehen die Bienchen ihre Brut auf. Die beiden Räume müssen getrennt sein, damit in Honig­waben nicht auch der Nachwuchs steckt. Das wäre unhygienisch, und für Honig mit Bienenbrut gibt es keinen Markt. Für Honig ohne Brut allerdings schon, und deswegen nimmt Fabian jetzt den oberen Holzkasten, auf Imkerdeutsch Zarge, ab. Ein paar Bienen summen friedlich umher. ­Irgendwie hatte ich es mir dramatischer vorgestellt, wenn ein Imker die Büchse der Pandora öffnet.

"Keine Angst, die Bienen sind entspannt drauf", sagt Fabian und holt einen Stockmeißel aus seinem Koffer. Denn die Bienen kitten die Rähmchen an die Beute – mit ihrem eigenen Klebstoff, dem Propolis. Mit dem Meißel löst Fabian jetzt die Rähmchen, die auf Imkerdeutsch wirklich so heißen. Darauf ­haben die Bienen ihre Honigwaben angelegt. Fabian zieht so ein Teil aus der Zarge und hält es vor meine Nase. Ich sehe Bienen, die auf Honigwaben herumkrabbeln. Urghs. Jetzt nur nicht wild um mich schlagen, das wäre peinlich. "Steck mal deinen Finger da rein!", sagt er und nickt mir zu wie eine Gouvernante. Nie hatte ich weniger Lust, meinen Finger irgendwo reinzustecken. Ich strecke meinen Griffel trotzdem aus, schiebe ihn langsam vorbei an Bienenkörpern, rein in den warmen Honig. "Das ist so sinnlich, so natürlich!", raunt Fabian.

Ich hoffe, dass es mir keine Biene übel nimmt, dass ich gerade ihren Honig in meinen Mund einführe. "Du steckst deinen Finger da rein, das Produkt ist fertig – toll!", schwärmt Fabian. Er sagt Sätze wie "Guck mal, guck mal, die machen crazy Zeugs!" oder "Ich finde Bienen so spannend!", während er sie beobachtet. Die männlichen Bienen, die Drohnen, seien die Fuckboys des Volks. Ihre Aufgabe: die Königin befruchten. Die Weibchen heißen nicht umsonst Arbeiterinnen: Sie erledigen alles andere. Im Laufe ihres Lebens übernehmen sie den Innendienst im Stock, putzen, füttern die Maden, stampfen Pollen in die Zellen, bauen Waben. Ab ihrem 20. Lebenstag erkunden sie im Außendienst die Umgebung, sammeln Wasser und Nektar. Mit Tanzeinlagen im Bienenstock erzählen sie dann, wo Nektar zu holen ist. Nach spätestens 45 Tagen ist die Sommerbiene tot. Was für ein Leben.

Fabian streckt mir das Rähmchen hin: "Wir nehmen uns jetzt eine Zarge mit vollen Waben mit." Und da stehe ich nun also, mitten in einem Naturschutzgebiet, in der Hand dieses doofe Rähmchen voll mit Bienen, die friedlich auf ihren Honigwaben krabbeln. 30 Zentimeter von meinen Körperöffnungen im Gesicht entfernt! Zum Glück trage ich den Helm. Wir suchen uns volle Rähmchen aus und stellen sie in eine leere Zarge, einer Art Holzbox. Fabian sagt: "Mehr Bienenaction kommt nicht!" Dann nimmt er die Zarge und läuft mit ihr aus dem Waldstück zu seinem Auto, die Bienen folgen, wie im Märchen von der goldenen Gans. Fabian setzt die Zarge ab, schwitzt. Die Bienen brummen ein paar Halbtöne höher, aufgeregter, aggressiver. Wir beschließen, lieber ein wenig zu warten. Vielleicht verschwinden die Bienen und fliegen wieder in ihr Häuschen. Doch zehn Minuten später schwirrt noch mehr Getier um den Honigschatz. Eine Wespe eilt herbei, der Kampf um die wertvolle Nahrung beginnt. Unsere Bienen schrecken auf. Das Brummen klingt jetzt nach Alarmstufe Rot. Eigentlich ist es eher ein Kreischen. Stellt euch das ­Surren einer Drohne vor. Dieses Geräusch, diese Lautstärke, nur eben multipliziert mal tausend. Ich habe mich hinter Fabians Auto in Sicherheit gebracht, verschränke meine Arme und schaue den Chef an. Der hält nun auch einen ­Sicherheitsabstand zu den Bienen.

Flucht mit dem Bienentaxi

Was tun? Wie sollen wir die aufgeregten Bienen von ihrem Honig trennen und ihn dann in die Imkerei bringen? Fabian scheint eine Idee zu haben. Er nähert sich der Zarge mit den aufgebrachten Bienen, packt sie und sprintet los, den Feldweg runter. Nach etwa 300 Metern Honiglauf stellt er die Zarge ab und rennt in meine Richtung. "Ich fahr’ jetzt mit dem Auto da hin", ruft er und schnappt nach Luft. "Und dann presto weg hier!" Der Motor heult auf, als Fabian das Gaspedal durchdrückt und im Rückwärtsgang den Feldweg entlangjagt. Ich renne hinterher. Fabian bremst scharf, springt raus, öffnet den Kofferraum, lädt die Zarge ein. "Und wir sollen jetzt auch ins Auto?", frage ich. "Ja klar, die Imkerei ist zwei Kilometer entfernt!" Nahkampf mit dem Feind also, mein persönliches Vietnam.

Wir spielen Bienentaxi und holpern über Feldwege, bis wir nach einigen Minuten in einem Industriegebiet ankommen. Hier hat Fabian ein stillgelegtes Pförtnerhäuschen gemietet, das Hauptquartier von Raw Honey. Auf einem Holzregal stehen ein paar volle Honiggläser. 80 hat Fabian in dieser Saison schon verkauft, etwa 120 sollen noch folgen.

Mit jedem gekauften Glas verschickt er ein Samentütchen. Denn für Bienen, Wespen und andere kleine Brummer ist das größte Problem: zu wenig Lebensraum. Sie freuen sich also über Blumen. Und eine Freude sollte man ihnen machen, denn in Westdeutschland surren heute 40 Prozent weniger Bienenvölker durch die Luft als noch 1990. "Wir sind ein bisschen wie 'Saufen für den Regenwald!'", sagt Fabian, während er ein Spezialgerät zückt. Es sieht aus wie eine große Gabel. Er nennt es "Entdeckelungsgeschirr". Damit befreien wir die vollen Honigwaben vom Wachsdeckel, sodass der Honig nach draußen fließen kann. In einem oben offenen Edelstahlfass schleudern wir dann den Resthonig heraus. Geheimes Imkerwissen: Dieser Schritt ist das Kaltschleudern, mit dem einige Honighersteller werben. Fabian aber ver­sichert mir, dass quasi jeder Honig kalt geschleudert sei. Damit zu werben ist also ungefähr vergleichbar mit einem Bäcker, der seine Brötchen als "heiß gebacken" anpreist. Nun mischt Fabian dem Honig eine geheime JWD-Zutat bei. Sie färbt den ­Honig braun und lässt ihn, für euch Schleckermäuler, schön schokoladig schmecken. "Das ist jetzt Nutella für Erwachsene", sagt Fabian.

In meiner Tasche klappern JWD- Honiggläser, als mich Fabian zum Bahnhof fährt. Plötzlich sagt er: "Ah, fuck." Ich schaue ihn an. Panikaugen. "Irgendwas hat mich gestochen!" Er zuppelt an  seinem T-Shirt. Eine tote Wespe fällt heraus. Solche Kackviecher!

Diese Geschichte stammt aus der siebten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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