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Tiefes Glück: Schatztaucher: Sein Lebenstraum zieht ihn in die Tiefen der rauen Nordsee

Andi Peters zieht es nach unten. Er sucht die "Maria", die irgendwo in der rauen Nordsee vor Helgoland versank. Beladen mit Schätzen im Wert von 60 Millionen Euro – und seinem Lebenstraum.

Von Tim Cappelmann

Schatztaucher Andi taucht gerade neben dem Schlauchboot aus der Nordsee auf.

Schatztaucher Andi Peters liebt das Meer und kennt die Gefahren: schlechte Sicht, starke Strömungen, kaltes Wasser und Fischernetze, in denen er sich verheddern kann. Zwei Messer hat er immer dabei.

Das Mittelmeer, sagt Andreas Peters und zieht an seiner Zigarette, ist Helene Fischer. Die Nordsee ist AC/DC. Nur heute ist das anders, so ganz anders als sonst. "Schatzi, wir haben Schweinswalwetter!", ruft Andis Frau Isi vom Heck des Schlauchboots rüber, ihr Cap hat bloß der Fahrtwind über Bord gepustet, sonst liegt das Meer spiegelglatt da. Die Nordsee klingt an diesem Augusttag nach Harry Belafonte mit Cocktail, 34 heiße Grad, keine Wolke am Himmel, die Luft steht. Seewetter für Anfänger. Trotzdem ist niemand draußen, keine Menschenseele vor der Küste von Büsum, Landkreis Dithmarschen.

30 Milliarden Euro in Gold, Silber und Schmuck am Meeresboden

Helgoland liegt volle Kraft voraus, Skipper Tim brettert mit 30 Knoten hin. Backbord reihen sich die Containerschiffe vor der Elbe-Reede. "Hier ist keiner, weil alle Angst haben", sagt Andi, 46, Typ schmal, aber drahtig, der Bart wird grauer, sein Blick bleibt scharf. "Die Nordsee ist unberechenbar." Berechenbar ist nur, was sie verbirgt: Geschätzte 30 Milliarden Euro in Gold, Silber und Schmuck liegen am Grund der Weltmeere. Und ein Teil davon, ist Andi sicher, auch in den 50.000 Wracks in der Nordsee, allein 4000 in der Deutschen Bucht, 700 davon sollen in Sichtweite von Helgoland gesunken sein. Ganz sicher.

Schatztaucher in der Nordsee: Er liebt das Meer und kennt die Gefahren
Andi posiert in Taucherausrüstung.

Draußen am Meer, beim Fotoshooting in elf Windstärken und unter einer Gewitterwolke, ist Andi Peters in seinem Element. 

Eines der Wracks nennt er "Maria", eine spanische Galeere mit einem Schatz an Bord, den Andi endlich heben will. In echt heißt die "Maria" gar nicht "Maria", und sie ist auch keine spanische Galeere, aber das erfahren wir erst später, denn Vertrauen ist in der Schatztaucher-Branche ein rares Gut, und Andi ist schon zu oft auf die Schnauze geflogen, weil er vertraut hat. Den falschen Freunden, den falschen Partnern. Nur die Schatzkarten, die lügen nicht. Seine sind die Bilder eines Multibeam-Sonars, eine halbe Million Euro teuer. Er hatte mal die Chance, mit so einem Hightech-Teil auf einem gecharterten Schiff den Grund rund um Helgoland zu scannen, und Andi scannte, rund um die Uhr. Auf den farbigen Aufnahmen in 3-D zeichnen sich die Schiffe detailliert am Meeresgrund ab. Damit lässt sich arbeiten.

Hungrig kannst du nicht nach Millionen tauchen

Die "Maria" liegt irgendwo da draußen, sie muss, Andi hat drei mögliche Positionen eingekreist. Er will sie finden, unbedingt. Es geht ihm gar nicht mehr so sehr um die 60 Millionen, die laut der Ladelisten nach heutigem Wert in ihr lagern müssten. Es ist sein Lebenstraum, sie zu finden, und die Geschichten, die sie verbirgt. Aber klar, die 60 Millionen haben auch ihren Reiz.

So viel vorweg: Andi hat die "Maria" nicht gefunden, und auch heute klappt das nicht, trotz Schweinswalwetters, denn das Benzin ist knapp, das Schlauchboot geliehen, die Zimmer auf Helgoland sind teuer, die alten Partner weg, und dann steht da auch noch der Kühlschrank zu Hause, der gefüllt werden muss, hungrig kannst du nicht nach Millionen tauchen.

Bei der Schatzsuche, so ist es schon immer gewesen, verliert man vor allem: Zeit, Geld, Freunde, Kutter, Namensrechte. Und wenn man doch mal was findet, kommt gleich das Archäologische Landesamt um die Ecke, der Denkmalschutz, die Steuerbehörde, das Land, dem der Schatz einst gehörte, mit all seinen Anwälten. Die Investoren und Partner, und am Ende bleibt nicht viel übrig, selbst von 60 Millionen. Die Schatzsuche, ganz sicher, ist nur selten ein lukratives Geschäft. "Ich war zumindest öfter pleite, als dass ich Geld hatte", sagt Andi. Er steht auf dem Boot und schlägt sich wie ein Junkie mit der flachen Hand auf den Unterarm. "Ich brauche das, verstehst du?", sagt er. "Nach einer langen Durststrecke muss ein Erfolg her, ein Wrack, ein Fund." Rund 90 Prozent der Schatzsuche sei Arbeit an Land, am Schreibtisch, in Archiven, bei Gesprächen mit Leuten, die etwas wissen oder jemanden kennen, der etwas weiß. Aber erst bei den anderen zehn Prozent schlägt Andis Herz richtig schnell: die Expeditionen. Was er mehr liebt als versunkene Schätze, ist der Weg dorthin. Nach unten, in die dunkelgrüne Tiefe. Die Nordsee ist sein Revier und er ein Pionier, besessen davon, ihre Geheimnisse zu lüften.

Die Nordsee ist was für Profis

Bloß steckt er gerade in einem Loch, schatztaucherisch gesehen. "Ich brauche wieder ein eigenes Boot", sagt er, das alte liegt kaputt im Hafen, Vollschaden. Morgens prüft er trotzdem regelmäßig die Schiffsbewegungen auf vesselfinder.com, einer Seite, die bis zu 500 Boote trackt. Er hat ein Premium-Konto und die Konkurrenz im Blick. Es wäre sein ganz persönliches Horrorszenario, wenn jetzt, wo er festsitzt, jemand vor ihm die "Maria" fände. Sein zweiter Albtraum: sie zu finden, aber nicht bergen zu können, weil ihm  das Geld ausgeht. Er wäre nicht der Erste, dem das passiert. "Dann bist du der ärmste reiche Schatzsucher der Welt."

Wir passieren die rot-weiße Ansteuerungstonne, hinaus ins offene Meer. Internationales Gewässer. Die Nordsee ist kein schönes, kein einfaches Tauchrevier. Was für Profis. Die Sicht? Meist schlecht, die Strömung reißt, das Wasser eiskalt. "In der Regel bist du der erste Zivile, der hier runtergeht. Das schockt mich an der Nordsee am meisten."

In 21 Jahren ist Andi zu 500 Wracks getaucht, schätzt er, bloß der ganz große Wurf steht noch aus. Ein paar Silbermünzen, ja, mal einige Dutzend Rotgussrohre. Zum Leben reicht das nicht. Doch Andi ist zäh. Als er an der Seefahrtschule in Cuxhaven seine Kapitänsausbildung machte, das Geld war knapp, zog er für ein halbes Jahr in einen Wohnwagen. Schiffe bis 500 Tonnen darf er nun steuern, hält alle Funklizenzen. Aber vor allem ist er ein ziemlich guter Taucher. Und verdient damit sein Geld. In dem Verband Protec gehört er zu den wenigen Prüfern, die Tauchlehrer aus- und weiterbilden. Er berät Schulen, testet Material, hat Sponsoren. Protec ist auf technisches Tauchen spezialisiert, das nicht mehr viel mit einfachem Hobby­tauchen zu tun hat. Ab einer Tiefe um die 60 Meter und einem bestimmten Druck wird Luft giftig. Andi atmet dann Gas­gemische wie Trimix ein, die mit Helium angereichert sind. Damit kann er in Tiefen vordringen, die normale Sporttaucher nicht erreichen.

"Je weniger Kohle du hast, desto gefährlicher ist es"

Im Kreidesee im niedersächsischen Hemmoor trainiert er für sein nächstes Projekt: ein Wrack in 120 Metern im Golf von Biskaya, der Tresorraum randvoll, ganz sicher. Nur eine Handvoll großer Bergungsfirmen sucht entlang alter Handelsrouten nach Schiffen im richtig tiefen Wasser, 300 Meter plus, da ist für Andi Schluss. "Je weniger Kohle du hast, desto gefährlicher ist es."

In der Nordsee sei die Tiefe nicht das Problem. "Sondern die Psyche", sagt Andi und prüft seine Ausrüstung. Alles Lebenswichtige ist doppelt vorhanden, zwei Atemregler, zwei Tanks auf dem ­Rücken, zwei Messer am Trockenanzug, ein kleines und ein großes, falls er sich mal wieder verhakt. Fischer werfen ihre Netze gern in der Nähe von Wracks aus, an denen sich Riffe bilden. Dort jagen die Fische. Manchmal bleiben die Netze hängen und manchmal in ihnen die Taucher. Andi verhedderte sich an einem alten U-Boot, dass er sich freischneiden konnte, rettete ihn. Wenn man stirbt, sagt Andi, läuft ja dein Leben noch mal als Film vor dir ab. "Ganz ehrlich: Ich hab Bock auf einen Blockbuster."

Die Welt in der Nordsee ist beklemmend, düster, anstrengend

54°09′ Nord, 08°04′ Ost. Wir sind am Ziel. Mit einem weiten Schritt geht Andi über Bord und abwärts. Die Sicht beträgt nur wenige Meter. Je tiefer, desto unheimlicher. Seine Flossen verschwinden in der Dunkelheit. Die Welt in der Nordsee ist beklemmend, düster, anstrengend. Dass man kaum erkennt, was vor einem liegt, lässt dem Kopfkino freien Lauf. Die Urangst vor dem Unbekannten nagt langsam die rationale Gewissheit weg, dass da wirklich nichts lauert außer Sand und vermoderte Wrackteile. Das Zeitfenster ist eng. Nur bei Stauwasser, wenn Ebbe und Flut sich ablösen, steht das Meer still. Dann ist die Strömung so schwach, dass man überhaupt tauchen kann. Uns bleibt eine Stunde. Und zu lange will niemand hier draußen sein, das Wetter vor Helgoland ist unvorhersehbar. Nicht ohne Grund liegt ein riesiger Schiffsfriedhof vor der Insel.

"Darum geht es doch: die Geschichten der Ertrunkenen für die Nachwelt zu erhalten"

Vor ein paar Jahren hatte Andi noch einen eigenen Kutter, eine eigene Bergungsfirma, eine Dokuserie, die auf DMAX lief, und einen großen Erfolg: die "Cimbria"-Expedition. Der Kutter brannte ab, wahrscheinlich ein Kurzschluss, seine damaligen Partner machten sich mit der Versicherungssumme aus dem Staub. Die TV-Doku wurde eingestellt: "Scripted Reality? Alter, das war nichts für mich." Dafür kam Post vom Anwalt der Firma Nordseetaucher GmbH, es ging um Namensrechte, um seine Website. Dabei hatte sich Andi den Titel des Nordseetauchers doch nie ausgedacht, das waren die Medien. Und nun sollte er vor Gericht?! "Ich bin Dithmarscher. Mit mir kannst du so einen Scheiß nicht machen", fand Andi damals. Und verlor trotzdem, er redet nicht gern darüber. Lieber spricht er von der "Cimbria", für ihn die deutsche "Titanic". Der Damp­fer kollidierte 1883 vor der Insel Borkum im dichten Nebel mit einem englischen Schiff, 437 Passagiere starben in den eiskalten Fluten. Andi wurde beauftragt, die Artefakte zu bergen. Sein Team holte wertvolle Porzellanfiguren, Weinflaschen, verzierte Hummerschalen nach oben. Das Erste, was er im Sand ertastete, war ein Knopf. "Knöpfe statt Gold", erzählt er, Hunderte, aus dem Musterbuch eines Verkäufers. Er fand einen Teller mit der Aufschrift "Forget me not". "Darum geht es doch: die Geschichten der Ertrunkenen für die Nachwelt zu erhalten", sagt er.

Geld gegen ­Anteile, Adrenalin, echtes Abenteuer

Es kränkt ihn, wenn Archäologen ihm vorwerfen, ein Plünderer zu sein. Die "Cimbria"-Funde gingen ins Museum und wurden nicht verkauft, eine Wanderausstellung machte die Runde, ein Theaterstück wurde aufgeführt, "Das Ende einer Sehnsucht". Verwandte der Opfer bedankten sich bei ihm. Er  saß in Talkshows, mit Schauspieler Axel Prahl entkorkte er eine der alten Rotweinflaschen, sie schmeckte nach "Brandy, Meerwasser und Essig, ich hatte gleich einen original Spucknapf parat". Schöne Zeiten waren das. Andi taucht auf. Allein. Seine Partner mussten früher hoch. Einer hatte zu wenig Blei dabei. "War auch ordentlich Strömung", berichten beide. "Bitte? Ich musste mich nicht mal festhalten", ruft Andi. Bei der "Cimbria" hätten sie sich ans Wrack gebunden, um nicht wegzufliegen, das war Strömung! Das war Abenteuer. Seit er klein ist, taucht Andi. Sein Großonkel besitzt ein Ferienapartment an der spanischen Mittelmeerküste. Jeden Tag schnorchelt Andi am Riff, hinten braun und vorne weiß, so kehrt der Dithmarscher Jung in die Schule zurück. Er erinnert sich gut an seinen ersten Schatz, ein Lederbeutelchen mit Peseten. Er kauft Eis für alle und wird der Held des Strands. Er liest über Mel Fisher, der zu der Zeit, 1985, den größten Schatz der Geschichte hebt. Andi ist infiziert. Die drei Ms übernehmen eine Hauptrolle in seinem Leben, Mädchen, Mofas, Mucke, er lernt Schlosser, geht zur Bundeswehr, verpflichtet sich auf vier Jahre. Meldet sich für alle Nachtwachen und Wochenenddienste freiwillig, bis er drei Monate freinehmen kann. Er macht seinen Divemaster und will nicht mehr zurück. "Ich hatte Freiheit gekostet."

"Die Geschichte ist der größte Schatz"

Kurz arbeitet er als Detektiv in Hamburg, Werksspionage, dann steigt er voll ins Tauchgeschäft ein, betreibt eine Basis in Kroatien, einen Laden in Heide. Dort trifft er seinen ersten Partner, mit dem er Wracks in der Nordsee aufspürt. Noch zehn Jahre, dann will er aussteigen. Bis dahin muss er was aufbauen. Unabhängig sein. Das Wichtigste sind Investoren. Er weiß, wie das Geschäft läuft, es ist nicht seine erste Bergungsfirma. "Noch sind wir Freunde, aber wenn ich deine ersten 500.000 Euro versenkt habe, sind wir’s dann immer noch?", fragt er, wenn jemand mitmischen will, die Dollarzeichen in den Augen. Geld gegen ­Anteile, Adrenalin, echtes Abenteuer. "Eine Arktisexpedition kann inzwischen doch jeder buchen. Aber eine Schatz­s­uche, die zieht."

Und die "Maria"? Ruht noch immer da draußen, unentdeckt. Skipper Tim erzählt, dass Schmuggler gerade wieder im Hamburger Hafen Kiloweise Kokain über Bord geworfen hätten, stand in der Zeitung. Sie rechnen aus, was das einbrächte. Einen Moment lang wird es sehr ruhig auf der Nordsee. Dann grinst Andi und sagt: "Früher war immer der große Schatz die Geschichte. Heute weiß ich: Die Geschichte ist der größte Schatz."

Diese Geschichte stammt aus der sechsten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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