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Ausstellung Nero – was stimmt eigentlich vom Mythos des wahnsinnigen Künstler-Kaisers?

Nero soll ein schöner und strahlender Jüngling gewesen sein.
Nero soll ein schöner und strahlender Jüngling gewesen sein.
Nero gilt als Sinnbild von Grausamkeit und Cäsarenwahn. Eine Ausstellung in London blickt hinter die Kulissen der Legende.

Das Britische Museum widmet Nero eine epochale Ausstellung. Den Mythos von Nero kennt fast jeder. Spielte Nero nicht auf der Leier, während Rom bei einem Brand in Flammen versank? Ergötzte er sich nicht an Morden und war er es nicht, der die ersten Christen grausam verfolgen ließ? Diese Geschichten hat fast jeder im Kopf und auch ein Bild: nämlich den jungen Peter Ustinov in der Rolle des Kaisers. Und jedem sollte auch klar sein, dass der Hollywood-Sandalenschinken, die Verfilmung eines märtyrerseligen Romans, nicht unbedingt die historische Wahrheit wiedergibt.

Herrschaft des Schreckens 

Schon lange ist bekannt, dass Nero zumindest in der Jugend stramm gearbeitet hat und ein fähiger Verwalter des Reiches war. Die ersten fünf Regierungsjahre gelten als Quinquennium Neronis, das glückliche Jahrfünft. Doch ansonsten bietet die 14-jährige Herrschaft ein Kaleidoskop von Grausamkeiten und Verfolgungswahn. Tacitus berichtet wie Nero seine Mutter Agrippina - eine gefährliche Giftmörderin – beseitigen wollte. Um seine Hände nicht mit ihrem Blut zu besudeln, ließ er ein Schiff bauen, das bei ruhiger See schwimmen konnte, bei Belastungen aber wie ein Bausatz zusammenbrechen würde.

Die zähe Agrippina konnte allerdings ans Wasser schwimmen und musste dort dann doch mit dem Schwert ermordet werden. Seine Gattin Poppaea Sabina tötete Nero, indem er der Hochschwangeren in den Bauch trat. Sueton weiß, dass es Nero liebte, sich nachts inkognito in Rom herumzutreiben, um bei der Gelegenheit wahllos Römer zu ermorden. Dach fast noch mehr als diese Untaten brachte es die Biografen auf, dass der Kaiser des Imperiums in Frauenkleidern auf der Bühne auftrat.

Mit Nero endete die julisch-claudische Dynastie, die sich von Caesar und Augustus ableitete. Mit 17 Jahren bestieg er der Thron, mit 30 hatte er die Macht verspielt. Nach seinem Tod und dem blutigen Vier-Kaiser-Jahr konnte Vespasian 96 n. Chr. die Macht erringen. Nach dem dekadenten und schillernden Nero stand nun ein harter Soldat und kühler Rechner an der Spitze des Imperiums.

Interessensgeleitete Quellen

Die Ausstellung im Britischen Museum geht – erwartungsgemäß - davon aus, dass die Berichte von Neros Untaten im Wesentlichen Propagandalügen der feindlichen Senatspartei gewesen sind. So wie die Berichte über die mörderischen Frauen der Dynastie, die sexuellen Perversionen des Tiberius oder die grauenhaften Ausschreitungen Caligulas.

"Die Quellen müssen als Texte gesehen werden, die ein klares Ziel verfolgen", sagt Thorsten Opper, der Kurator des Museums. Die elitären senatorischen Schriftsteller, die dieses negative Bild formten, konnten sich nicht mit dem Untergang der Republik und der Etablierung einer populistischen Ein-Personen-Herrschaft abfinden. Doch wie bei allen anderen Demaskierungen der Cäsaren-Mythen ist das nur ein halb zugkräftiges Argument. Denn mag auch das Interesse der Geschichtsschreiber von solchen Interessen geleitet sein, bleibt das Dilemma, dass sie für das Leben der Cäsaren die einzigen direkten Quellen sind. Wer sie für wertlos hält, muss zugeben, dass er über den inneren Kosmos der kaiserlichen Herrschaft gar nichts weiß. Einfach das Gegenteil anzunehmen, ist zumindest kühn.

Senat und Ein-Mann-Herrschaft

Richtig ist in jedem Fall, dass die Ein-Mann-Herrschaft des Kaisers mit den traditionellen Vorrechten der Elite, des Senats, in Konflikt geriet, und dass die frühen Kaiser sich eine eigene Machtbasis schufen. Sie bauten die Truppe der Prätorianer auf. Gegen diese militärische Macht in der Stadt konnte kein Patrizier mit seinem Gefolge ankommen, auch die gefährlichen Stadtbanden waren machtlos. Gegen Attentäter sollte eine Leibwache aus Germanen schützen. In der Zeit der Julisch-Claudischen-Dynastie konnte niemand dem Kaiser gefährlich werden, solange ihn diese Truppe, die auch Verschleppungen und Morde übernahm, unterstützte. Neros Ende markiert hier eine Zeitenwende. Gegen ihn erhoben sich Generäle, die über Legionen verfügten. Und gegen den Feldherren Galba konnten und wollten die Präfekten der Prätorianer nicht zu Felde ziehen.

Neben den Prätorianern suchten die Kaiser ein Bündnis mit dem einfachen Volk, dass sie durch Zuwendungen, Geschenke und Spiele auf ihre Seite zu ziehen suchten. Diese Strategie führte gleich zum nächsten Problem, nämlich ständig leeren Staatskassen. Die Finanzkrise wurde wiederum durch Willkürurteile im Kreis der senatorischen Elite gelöst. Spätestens seit Sulla wurden in Rom Senatoren verfolgt, nur um ihr Eigentum zu beschlagnahmen.

Statue zeigen, was sie zeigen sollen 

Den Wandel von Nero vom hoffnungsvollen letzten Spross der Familie zu einem verkommenen Schwächling zeigt die Ausstellung anhand der Skulpturen. In der Nachwelt wurde der Kaiser ganz gemäß den Quellen gestaltet. Mit einem bösartigen Blick und einem monströsen Kinn - ziemlich so, wie ihn auch Ustinov darstellte. Eine eindrucksvolle Statue aus seiner Lebenszeit zeigt ihn dagegen als himmlischen Knaben. Kurator Opper nimmt an, dass die Figur des jungen Nero Teil eines dynastischen Ensembles war und ihn mit seinem Vorgänger und Adoptivvater Claudius zeigte. Auch wenn diese Statuen idealisiert sind, soll Nero als junger Mann sehr gut ausgesehen haben. Anders als Claudius – der stets zuckte und sabberte - hat Nero nicht an körperlichen Gebrechen gelitten. Er soll sich später lediglich ein massives Übergewicht angefuttert haben. Die Theorie, dass Neros Mutter Agrippina Claudius getötet habe, weist die Ausstellung zurück. Ohne natürlich das Gegenteil beweisen zu können.

Indem sie die Schriftquellen zurückweist, wird die Ausstellung auf Ausgrabungsfunde zurückgeworfen. Sie legt ihren Fokus auf die Brutalität des Imperiums und nicht auf die innere Umgebung des Kaisers. Unter Claudius gelang es den Römern endlich, Britannien zu erobern. In Neros Zeit kam es zu Aufstand der Kriegerkönigin Boudicca. In Deutschland weniger bekannt, ist der Furor der Fürstin ein britischer Nationalmythos so wie hier die Varusschlacht. Boudicca metzelte Zehntausende von römischen Siedlern – oder wenn man so will Landräubern – nieder und beinahe wäre es ihr gelungen, die römischen Legionen von der Insel zu werfen. Diesem letztlich vergeblichen Aufstand widmet sich ein guter Teil der Ausstellung.

Brand von Rom besiegelt sein Schicksal 

An den Brand von Rom im Jahr 64 n. Chr. erinnert ein Fensterrahmen aus Metall. Doch entgegen der Hollywood-Version hat Nero den Brand nicht eigenhändig gelegt, noch hat er beim Anblick der Flammen gesungen, denn er war gar nicht in der Stadt. Tatsächlich soll er Maßnahmen zur Bekämpfung des Feuers angeordnet ergriffen haben und dafür gesorgt haben, dass die Obdachlosen untergebracht wurden. Möglich ist es allerdings, dass die Prätorianer auf seinen Befehl hin die Stadt angesteckt haben, damit sie später prächtiger wiederaufgebaut werden konnte. Beim Volk galt Nero jedenfalls als schuldig.

Beim Wiederaufbau ließ er breitere Straßen anlegen und beschränkte die maximale Höhe der Häuser auf 25 Meter. Auch diese vernünftigen Brandschutzmaßnahmen erbitterten die plebs urbana. Die Maßnahmen machten den Neuaufbau teurer und es fanden weniger Menschen als früher Platz. Ein weiterer politischer Fehler unterlief Nero bei der Bebauung der verwüsteten Fläche. Er errichtete keinen billigen Wohnraum für die Stadtbevölkerung, sondern einen riesigen Palast für sich selbst. Das Goldene Haus – Domus Aurea - belastete nicht nur die Staatsfinanzen, sondern auch das Bündnis zwischen Kaiser und Bevölkerung. Die grausame Verfolgung der Christen zählt übrigens zu den wenigen Taten Neros, die die römischen Geschichtsschreiber lobend hervorhoben.

Unrühmliches Ende 

Auch sein Ende war eines Römers schlicht nicht würdig. Nero flüchtete vor dem nahenden Galba. Er konnte es nicht glauben, dass die Prätorianer ihn verraten hatten. Seinen letzten Halt machte er in einem kleinen Landhaus auf dem Weg zu einer rettenden Flotte an der Küste. In letzter Sekunde, als die Häscher schon den Eingang erreicht hatten, soll ihm seine ehemalige Sklavin Claudia Acne – nach einer anderen Legende sein Sekretär Epaphroditos - ins Schwert gestürzt habe. So habe es ihm die Geliebte erspart, in schmähliche Gefangenschaft zu geraten. 

Dem sterbenden Kaiser kam noch ein Legionär zu Hilfe. Nero soll ergriffen gerufen haben: "Zu spät. Das ist Treue." Tatsächlich wollte er ihn der Mann nur verbinden, um das Kopfgeld für den lebenden Kaiser einstreichen zu können. Claudia Acne zeigte auch nach seinem Tod mehr Entschlossenheit als Nero. Sie zahlte sein Begräbnis und ging das Risiko ein, den Nachfolger zu erzürnen.

Quelle: Britisch Museum


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