Stars der Biokiste Die Steckrübe


Nein, diesmal irrte Großmutter. Als Kriegskind hatte sie gute Gründe, schlecht über diese Knolle zu reden. Doch wer das Gemüse heute entdeckt, wird es lieben.

Bis ein Trauma überwunden ist, kann es Jahre dauern, Jahrzehnte, Generationen. Im Fall der Steck- oder Kohlrübe mussten ganze 90 Jahre vergehen: Gegen Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich die Lebensmittelversorgung in Deutschland dramatisch verschlechtert - unter anderem durch eine Missernte bei Kartoffeln. Die hungernde Bevölkerung bekam vor allem Steckrüben zu essen. Als "Kohlrübenwinter" grub sich besonders der Jahreswechsel 1916/17 ins kollektive Gedächtnis: "Fünf oder sechs Zentner Kohlrüben haben wir in jenem schlimmen Winter gegessen", erinnert sich ein Zeitzeuge aus Dresden. "Früh Kohlrübensuppe, mittags Koteletts von Kohlrüben, abends Kuchen von Kohlrüben."

Danach trug die Rübe das Stigma von Hunger, Mangel und Entbehrung. Selbst das Traditionsgericht "Lübecker National", für das sie zusammen mit Kartoffeln und Schweinekamm weich gekocht wird, vermochte ihrer Beliebtheit nicht wesentlich aufzuhelfen. So lernt nun erst die mittlerweile vierte Generation allmählich, in der Steckrübe wieder das gesunde und leckere Gemüse zu sehen, das sie tatsächlich ist, und sogar junge Sterneköche nehmen sich ihrer an.

Gut so! Denn sie schmeckt angenehm süßlich-würzig, liefert Kalzium, Beta-Karotin, Vitamin C und Kalium und hat dabei kaum Kalorien. In Salzwasser gegart und dann mit Butter, Sahne und etwas Muskat zu seidigem Püree gestampft, schlägt die Wurzelknolle als Beilage jede Krokette. Probieren Sie auch mal Steckrüben-Curry mit der Gewürzmischung Garam Masala, Knoblauch und Linsen oder frittieren Sie die Streifen und servieren Sie sie wie Pommes. Das Ausprobieren lohnt sich in jedem Fall. Schon allein, um festzustellen, dass Vergangenheitsbewältigung auch Spaß machen kann.

Ruth Hoffmann

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