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Zweiter Weltkrieg Wojtek – der Bär, der in Monte Cassino gegen die Nazis kämpfte

Schon bald war Wojtek größer als seine menschlichen Kameraden.
Schon bald war Wojtek größer als seine menschlichen Kameraden.
© Wiki / Commons
Der Bär Wojtek kämpfte mit den polnischen Truppen in Italien. Sein Einsatz in der blutigen Schlacht von Monte Casino machte ihn zum polnischen Nationalhelden. Heute lebt er als Fantasyheld fort.

Der "Soldat" Wojtek war ein beliebter leutseliger Kamerad, der sich gern auf ein Bier einladen ließ. Auch eine Tafel Schokolade oder eine Zigarette schlug der "lächelnde Krieger" – so die Bedeutung seines Namens - selten aus. Die meisten seiner Kameraden im 22. Artillerieversorgungskompanie des 2. Polnischen Korps waren sehr jung, nach heutigen Maßstäben fast noch Kinder, als sie in die Schlachten des Zweiten Weltkriegs geschickt wurden. Wojciech Narebski, damals 17 Jahre alt, suchte wie viele andere die Nähe Wojteks, "um sich anzulehnen." Als 86-jähriger Veteran sagte er der BBC: "Ich fühlte mich, als wäre Wojtek mein großer Bruder." Tatsächlich war Wojtek ein imposanter Kerl – gut 1,80 Meter groß und beachtliche  220 Kilogramm schwer. Denn Wojtek war kein Mensch, sondern ein gewaltiger Braunbär.Wenn Sie die Fotostrecke auf dem Desktop in voller Breite sehen wollen, klicken Sie hier.

Pole wie seine Kameraden war er nicht, der Bär stammte aus den Alborz-Bergen im Norden des Iran. Dort wurde das verwaiste Jungtier von einem Jungen groß gezogen. Von ihm bekamen polnische Soldaten das Tier. Die Soldaten sollen den Bären gegen ein paar Münzen, Schokolade, ein Schweizer Taschenmesser und eine Dose Rindfleisch eingetauscht haben. Als der Bär 1942 zu den Soldaten kam, war er ein possierliches kleines Kerlchen. Innerhalb von zwei Jahren wuchs er zu einem Koloss heran. Mit dem Tausch gelangte Wojtek zur 22. Artillerie-Versorgungsabteilung.Die polnischen Soldaten kämpften auf britischer Seite und zogen durch den Iran, dem deutschen Afrikakorps entgegen. Noch heute führt die Abteilung den Bären im Wappen, wie er mühelos eine riesige Granate trägt.

Als Bär unter Soldaten

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben tiefe Narben im polnischen Kollektivbewusstsein hinterlassen. Zu den wenigen Lichtblicken, die nicht tragisch endeten, gehört der Bär Wojtek. Daher ist sein Leben gut überliefert. Der Soldat Peter Prendys passte auf Wojtek auf. Von ihm übernahm der gelehrige und spielerische Bär zahlreiche militärische Gewohnheiten wie das Grüßen und auch die Lebensweise der Soldaten. Eine Flasche Bier konnte ihn nicht betrunken machen. Nur das Rauchen klappte nie so ganz. Wojtek paffte einmal und schluckte die Zigaretten einfach runter. Die Soldaten behandelten den Bären mit großer Zuneigung, aber mit artgerechter Haltung hatte die Verwandlung des Bären in den Schützen Wojtek natürlich nichts zu tun.

Von Wojtek sind zahllose bärige Abenteuer überliefert. In einem Militärlager verhedderte sich der Bär in einer Leine mit Frauenunterwäsche und floh bedeckt mit den Dessous. 1942 sprengte er das traditionelle Weihnachtsessen, weil er in das Lebensmitteldepot einbrach und alle Leckereien selbst verzehrte. In seinem dichten Pelz wurde es dem Bären in Palästina häufig zu warm. Doch er wusste sich zu helfen, und schlich heimlich ins Badezelt. Er war so geschickt, dass er die Duschen einschalten konnte.

Das lustige Bärenleben in der Etappe hatte ein Ende, als die polnischen Truppen nach Italien verlegt wurden. Die Briten wollten Wojtek zuerst nicht an Bord des Transporters gehen lassen, doch die Männer hielten ihnen entgegen: "Soldat Wojtek weckt den Kampfgeist bei uns polnischen Soldaten".

Zeugen seines Einsatzes

Angeblich sollen die Soldaten ihren Liebling heimlich zum echten Soldaten befördert haben. Der Bär erhielt Soldbuch, Dienstgrad und eine Dienstnummer und geriet so in die blutige Schlacht um Monte Cassino.

Schlacht um Monte Casino

Die Schlacht von Monte Cassino tobte vier Monate lang von 17. Januar bis zum 18. Mai 1944. Nachdem die West-Alliierten Sizilien erobert hatten und bei Neapel gelandet waren, wollte sie schnell durch den "weichen Unterleib" Europas bis zu den Alpen vorstoßen. Dabei vergaßen sie allerdings, dass die Höhenzüge des italienischen Stiefels die Verteidiger begünstigten. Beim Klosterberg von Monte Cassino stoppten deutsche Fallschirmjäger den Vormarsch. In immer neuen Angriffen versuchten die Briten die deutschen Stellungen zu durchbrechen, dabei wurden vor allem Truppen aus dem Commonwealth und die polnischen Freiwilligen eingesetzt. Wenig bekannt ist, wer letztlich die Deutschen zwang, die uneinnehmbare Stellung zu räumen. Leichte algerische Kolonialtruppen überwanden auch ohne Straßen benachbarte Bergketten und drohten die Deutschen abzuschneiden. Der Film "Tage des Ruhms" schildert den Krieg der Kolonialsoldaten und zeigt, wie ihr Einsatz später vom französischen Staat ignoriert wurde.

Ausgerechnet dort geriet der Bär erstmals unter Beschuss. Zunächst reagierte Wojtek gar nicht heldenhaft. Das erschreckte Tier geriet in Panik und kletterte auf einen Baum. Von dort aus sah er dann wie seine menschlichen Freunde trotz des deutschen Beschusses versuchten, Mörsermunition in die Stellungen zu schaffen.
Der polnischen Bären-Legende zufolge stieg Wojtek vom Baum herunter, stellte sich auf seine Hinterbeine und bot seine Vorderpfoten zum Tragen ab. Drei Kisten mit Geschossen soll der mächtige Bär durch den Lärm und das Chaos der Schlacht getragen haben. So erhielt Wojtek seinen Platz im ewigen Pantheon der Helden Polens.
Natürlich hört sich die Geschichte des tapferen Bären sehr nach den katholischen Heiligengeschichten des Mittelalters an. Doch im Dokumentarfilm "The Bear That Went to War" beschwören auch britische Veteranen, den mit Mörsergranaten beladenen Bären im Gefecht gesehen zu haben. Ein polnischer Held findet meist den Tod, doch für den Bären gab es ein Happy End. Nach dem Krieg siedelte er in den Zoo von Edinburgh und lebte dort bis zu seinem Tod 1963.

Der Bär lebt fort

Zahllose Denkmäler wurden für den Bären errichtet, ein Bier ist nach ihm benannt, Bücher und Filme drehen sich um ihn. Im fantastischen Universum des Illustrators Jakub Różalski lebt der mächtige und gutmütige Bär weltweit weiter fort. Die Bilderserien von Różalski zeigen nicht den Zweiten Weltkrieg, sondern eine Parallelwelt der 1920er Jahre. In diesem Universum im Steampunk-Look wird die "Polania Republic" von den mächtigen Nachbarn Deutschland und Russland bedroht. Auf dem Land sieht es dort aus wie im Mittelalter, polnische Ulanen zu Pferde kämpfen gegen die Dampfmaschinen-Roboter der düsteren Gegner. Durch diese neblig-düstere Welt zieht das verwaiste Mädchen Anna immer begleitet vom mächtigen und gutmütigen Bären Wojtek. Im Jahr 2016 sorgte das Spiel Scythe von Jamey Stegmaier in der Board-Game-Szene für Aufsehen. Es gewann Preise als bestes Board-Game des Jahres und spielt in der Welt von Jakub Różalski und natürlich ist die beliebteste Spielfigur "Anna + Wojtek".
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