100 Tage Präsident Sarkozy Napoleon auf Speed


Der USA-Trip auf Kosten reicher Freunde, der Besuch bei Bushs, die Forderung nach der Sterilisierung von Vergewaltigern - und die launische Gattin Cecilia. 100 Tage nach dem Amtsantritt von Präsident Nicholas Sarkozy schwankt Frankreich zwischen Kritik und Faszination.
Von Astrid Mayer

Markige Ankündigungen und ein Skandälchen: Das sind die Meilensteine, die Sarkozys hundertsten Tag an der Spitze Frankreichs kennzeichnen. Kaum aus dem Urlaub zurück, gab er seinen Ministern gleich Bescheid: "Macht euch darauf gefasst, dass es nach den Ferien mit voller Kraft weitergeht". Und kündigte gestern - unerhört in Frankreich, wo sich arbeitende Eltern darauf verlassen, dass ihre Sprösslinge von 8 Uhr 30 bis 16 Uhr 30 die Schulbank drücken - eine Reduzierung der Stundenzahlen in der Schule an.

Letztlich versucht Sarkozy so, den Abbau von 11000 Lehrer-Stellen zu rechtfertigen. Aber die Nation ist gerade abgelenkt, weil gestern auch bekannt wurde, dass die People-Zeitschrift "Paris Match" wieder einmal den Kotau vor dem Präsidenten vollzogen hatte: Auf einem veröffentlichten Foto des rudernden Präsidenten im Urlaub war ein Speckröllchen wegretuschiert worden. Was wieder einmal Gelegenheit bot, Sarkozys Einfluss auf die Medien zu diskutieren und daran zu erinnern, dass der Chef von Paris Match geflogen war, nachdem das Magazin vor zwei Jahren Fotos von Cécilia Sarkozy mit ihrem damaligen Liebhaber gezeigt hatte.

Sarkozy Bild schwankt zwischen Faszination und Kritik

Angesichts ihres hyperaktiven Präsidenten - nicht weniger als 30 Reformen will Sarkozy erklärtermaßen in den kommenden fünf Jahren durchziehen - ist die französische Öffentlichkeit hin und her gerissen zwischen Faszination und harter Kritik. Gestern erschien der Vorabdruck eines Buchs der erfolgreichen Schriftstellerin Yasmina Rezas über Sarkozy, ein liebevolles Portrait des "kleinen Napoleon" mit seiner "unerwarteten Verletzlichkeit". Das Interesse für den Menschen scheint allenthalben größer als das für seine Politik - was Sozialistenführer Francois Hollande kaum wird ändern können, auch wenn er mahnt, Sarkozy nicht wegen seiner Ferien zu kritisieren, sondern wegen seiner Arbeit.

Es gibt ein Video über die Luxusvilla, in der Sarkozy für 22000 Euro die Woche seinen Urlaub in den USA verbrachte, es ist über die Homepage von mehreren französischen Medien verlinkt und wird fleißig geguckt. Als bekannt wurde, dass der Präsident trotz mehrerer vom Steuerzahler unterhaltener Sommerresidenzen lieber in den USA urlaubt und sich das auch noch von reichen Freunden bezahlen lässt, rief der entnervte Sarkozy persönlich bei der Tageszeitung "Le Monde" an, um klar zu stellen, dass er kein Problem damit habe, vom ehrlich verdienten Geld erfolgreicher Menschen mit zu profitieren.

Starkozysmus versus Zarkosymus

Aber trotz seiner Allüren, trotz der Kaprizen seiner Frau, die sein Privatleben nicht gerade idyllisch erscheinen lassen und trotz unpopulärer Maßnahmen wie der beschlossenen Erhöhung der Mehrwertsteuer, stehen die Franzosen ihrem Präsidenten laut Umfragen zu über 60 Prozent positiv gegenüber. Seine merkwürdigen Äußerungen über angebliche genetische Dispositionen zum Selbstmord, so unqualifizierte Vorschläge wie die zur Sterilisierung von Sexualstraftätern oder die Tatsache, dass er, wie die Tageszeitung "Libération" lästert, bei jedem Mord, jedem spektakulären Unfall gleich eine Gesetzesinitiative vorschlägt, tun seiner Popularität keinen Abbruch.

Selbst die Tatsache, dass die Wirtschaft lahmt - das Wachstum lag im ersten Halbjahr um 2 Prozentpunkte unter den Regierungs-Prognosen - kann dem Honeymoon zwischen dem Präsidenten und seinem Volk vorerst nichts anhaben.

Sarkozy tut viel, um den Fokus der Aufmerksamkeit auf seinen Stil und seine Person zu lenken. Zum Nationalfeiertag schafft er die traditionelle Fernsehrede des Präsidenten ab und lässt stattdessen ein Konzert auf dem Marsfeld veranstalten. Showbusiness statt Politik - der ehemalige Fernsehjournalist Olivier Duhamel, wegen seines Bekenntnisses zum damaligen Präsidentschaftskandidaten Bayrou geschasst, nennt das "Starkozysmus". Zarkosymus hingegen den Tatbestand, den der Sozialist Francois Hollande so umschreibt: "Es gibt keinen Premierminister mehr, keine Regierung, er entscheidet alles". Und wenn Sarkozys populäre Maßnahmen zugunsten junger Eigenheim-Abitionierter scheitern, fordert er die Enttäuschten auf: "Wendet euch an den Verfassungsrat. An mir lag es nicht".

Cécilia Sarkozy - eine eigenständige First Lady

Der Untersuchungsausschuss, der eingesetzt wurde, um das Zustandekommen der Waffengeschäfte zwischen Lybien und Frankreich zu erleuchten, will in den kommenden Wochen auch Cécilia Sarkozy vorladen, für die Sarkozy "ein seltenes Feingefühl" in diplomatischen Dingen beansprucht. Die Frist Lady erregt zwar Anstoß, wenn sie vom G8-Gipfel zum Geburtstag ihrer Tochter nach Hause fliegt oder einfach nicht zum Picknick mit den Bushs erscheint. Aber letztlich sind die Franzosen eigensinnige Präsidenten-Gattinnen gewohnt; schließlich hat schon Danielle Mitterand vor über 20 Jahren gesagt, sie habe es satt, zum Reisegepäck des Präsidenten zu gehören. Klar verfolgt die Nation auch fasziniert die Höhen und Tiefen der Präsidenten-Ehe. Sarkozy schützt einerseits sein Privatleben vor allzu aufdringlichen Fotografen, andererseits gefällt er sich auch darin, die Rückkehr Cécilias an die Seite ihres Gatten "vielleicht für immer" zu beschwören. Yasmina Reza über hat seine diesbezügliche Haltung hübsch analysiert: "Er schwenkt die Fahne der Liebe. Hat eine Reihe von Bekenntnis-Formeln, an die er vielleicht irgendwann selbst glaubt". Ihren Gesamteindruck vom Präsidenten hat sie so formuliert: "Während der Monate an der Seite von Sarkozy habe ich nur den Willen am Werk gesehen."


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