Aids-Aufklärung Sex-Kurs für Prostituierte


Wie zieht man ein Kondom richtig über? Ein ungewöhnliches Kursangebot der Gesundheitsbehörde sorgt für Wirbel in der nordostchinesischen Stadt Harbin.
Von Ellen Deng, Peking

Prostitution ist in China verboten. Die Huren scheuen deshalb das Licht der Öffentlichkeit. Umso überraschender war es, dass sich kürzlich an einem Morgen um 8.30 Uhr 50 von ihnen in einem Sitzungssaal des Instituts für Gesundheitsfürsorge und AIDS-Vorbeugung von Harbin versammelten, der Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang an der Grenze zu Russland. Wie die Guangzhouer Südliche Wochenzeitung berichtete, nahmen sie an einem Kurs über Safer Sex teil.

In China werden Prostituierte gewöhnlich "xiaojie" genannt, wörtlich "Fräulein", was inzwischen zu einem anderen Wort für Halbweltdame geworden ist. Die zuständigen Instanzen bezeichnen sie formell zunehmend als "kommerzielle Sex-Arbeiterinnen". Doch Wen Yingchun, der Direktor des Instituts in Harbin, spricht sie mit "Schwestern, Freundinnen" an.

Die "Schwestern" kamen in Zweier- und Dreiergruppen ins Gesundheitsinstitut, sprachen frei und aufgeregt über ihr letztes "Business", über neue Klamotten und ähnliches. Als der Kurs um 9 Uhr morgens begann, legten manche ihren Kopf auf den Tisch, vier oder fünf von ihnen schliefen ein. Institutsdirektor Wen wollte sie zuerst aufwecken, scherzte aber dann: "Was soll's? Die Schwestern arbeiten so hart in der Nacht. Lass sie in Ruhe schlafen." Die ganze Klasse schüttelte sich vor Lachen. Wen nutzte die lockere Atmosphäre und fragte wie beiläufig: "Was ist Aids?"

Die kommerziellen Sex-Arbeiterinnen senkten ihren Kopf. Schließlich brach eine von ihnen das Schweigen, murmelte: "Aids ist halt Aids." Wieder lachten alle. Der jungen Frau, die geantwortet hatte, war es peinlich, sie versteckte ihren Kopf zwischen ihren Armen. Aber die Gesundheitsbeamten klatschten und lobten sie: "Völlig richtig! Ein Preis für die erste, die eine Frage beantwortet hat."

"Ich schweißte den Stahlpenis selbst"

Die Schülerinnen wurden immer aktiver. Wen öffnete eine Kondomschachtel und fragte: "Wer möchte zeigen, wie man das richtig benutzt?" Vor dem Pult hörte man es flüstern: "Wir gebrauchen diese Dinger jeden Tag, wir wissen wie das geht?" Schließlich ging eine der jungen Frauen zum Pult, fingerte am Kondom herum und zog es über einen Modellpenis aus Stahl, ermutigt vom Lehrer, der sagte: "Im Prinzip hat sie es gut gemacht, aber einiges muss noch verbessert werden..."

"Eine harte Arbeit", sagt Wen. "Wir mussten alles improvisieren. Den Stahlpenis zum Beispiel habe ich selbst zusammengeschweißt, einen ganzen Tag lang habe ich daran gearbeitet. Damit die Kursteilnehmerinnen ihn besser sehen können, ist er etwas länger als ein normaler Penis."

"Wie konnte ich als Intellektueller zu einem Fräulein gehen?", fragt sich Wen. Er sagt, es sei sehr schwierig gewesen, die Sex-Arbeiterinnen zu finden und für das Training zu gewinnen. Da das Gewerbe in China illegal ist, fürchten Huren und Zuhälter den Kontakt mit Offiziellen.

Vor der Lektion in Harbin gab es schon Testläufe in der Stadt Wuchang und im Kreis Mulan, ebenfalls in der Provinz Heilongjiang. Um das Anliegen des Kurses, AIDS-Bekämpfung, zu unterstützen, ließ sich der Vizelandrat von Mulan, Zhang Dongbiao, sogar mit den Prostituierten fotografieren. "Zu Beginn des Treffens saß ich in meinem Chefsessel", erinnert er sich. Aber dann kamen 30 Sex-Arbeiterinnen, mehr als erwartet, und ich sagte ihnen: Setzen wir uns zusammen!" Das war eine ungewöhnliche Ehre, denn gewöhnlich haben Normalbürger, wenn sie nicht zufällig "Modellarbeiter" sind, in China selten Gelegenheit, sich mit Politikern zu treffen. Und eine Audienz für Huren - das hatte es hier noch nie gegeben. "Wir werden das Foto im Archiv aufbewahren", begründet Zhang den ungewöhnlichen Schritt gegenüber der Südlichen Wochenzeitung. "Diese Frauen sind auch Mitglieder unserer Gesellschaft, und sie leben ganz unten. Ich möchte ihnen das Gefühl geben, das sich die Regierung um sie sorgt."

Sich als Freier ausgeben und der Versuchung widerstehen

Zurück nach Harbin. Um viele Prostituierte für den Kurs zu gewinnen, nutzte Institutsleiter Wen alle seine Kontakte. "Zum Beispiel bat ich einen Geschäftsmann um Hilfe, der seine Kunden oft in Massage-Center und Karaoke-Klubs ausführt. Er kennt die Chefs dieser Etablissements." Wen und seine Kollegen ziehen auch persönlich "ins Gefecht", geben sich als potentielle Freier aus. In Harbin trifft man Sex-Arbeiterinnen vor allem in Bad- und Massage-Centern. So sammeln Wen und die anderen Mitglieder seines Teams Informationen während der Massage, erfahren etwas über die persönliche Situation der Sex-Arbeiterin und ihre Arbeitszeiten, fragen, was sie über Geschlechtskrankheiten und Aids weiß.

Zum Geschlechtsverkehr von Mitgliedern des Instituts mit Huren kommt es angeblich nicht. Um sie auf die heiklen Situationen vorzubereiten, nehmen die Beamten an einem so genannten "Anti-Sensivitäts-Training" teil, erklärt Yan Hongmei, Mitarbeiterin des Instituts. So betrachten sie erotische Bilder und üben typische Dialoge zwischen Freier und "Fräulein". Ein Instrukteur lehrt derbe Wörter, die in der Halbwelt gebräuchlich sind. "Aber alle Mitarbeiter müssen der Versuchung widerstehen, sich mit den Sex-Arbeiterinnen einzulassen", mahnt Frau Yan. Das ist naturgemäß nicht so einfach. "Wenn wir einen Preis aushandeln und nachher das Mädchen nicht konsumieren, machen wir uns verdächtig", beschreibt Institutsleiter Wen eine delikate Situation.

Die Polizei ist nicht amüsiert

Nachdem Wen und seine Kollegen herausgefunden haben, dass in einem Etablissement Sex-Arbeiterinnen tätig sind, sprechen sie mit dem Chef des Ladens, beraten die Damen über Aids und Geschlechtskrankheiten und verteilen Kondome. Wens Institut hat fünf "spezielle Stadtpläne" von Harbin erstellt: Einer verzeichnet die Orte, wo Prostituierte arbeiten, einer die Gegenden, wo sich potentielle Freier konzentrieren, etwa Bürohochhäuser, einer die Kliniken für Geschlechtskrankheiten, einer die Stellen, wo man Kondome kaufen kann, und der letzte die Punkte, an denen sich Wanderarbeiter konzentrieren. Veröffentlicht wurden diese Stadtpläne allerdings noch nicht. Kritiker sagen, dies seien Dirnen-Stadtpläne, sie würden es den Freiern zu einfach machen und so die Prostitution fördern.

Insgesamt haben mittlerweile 180 Sex-Arbeiterinnen den Anti-Aids-Kurs besucht. Seit eine Lokalzeitung darüber berichtete, gibt es Unruhe in der Stadt. Viele Bürger empören sich, hier würde die illegale Sex-Industrie öffentlich anerkannt. Die örtliche Polizei ist gar nicht amüsiert. Sie nennt den Kurs "unakzeptabel", so schreibt eine örtliche Zeitung. Die Polizei und die Gesundheitsbeamten befinden sich in einer Zwickmühle. Nach dem Buchstaben des Gesetzes müsste die Polizei das Gesundheitsinstitut stürmen und alle Kursteilnehmerinnen festnehmen.

Doch andere äußern Verständnis: "Prostitution existiert und kann nicht erfolgreich verhindert werden, da sollten wir die Realität anerkennen", zitiert die Tageszeitung von Harbin einen Einwohner der Stadt. Ein Mitarbeiter der örtlichen Justiz schlägt vor, Polizei und Gesundheitsbehörde sollten gemeinsam gegen Aids vorgehen.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Sache richtig ist", erklärt der Chef der Parteiorganisation des Gesundheitsinstituts. In China gibt es in jeder Behörde und in jedem größeren Betrieb eine Zelle der Kommunistischen Partei. Fu, ein anderer Leiter des Instituts, sagt: "Wir folgen erfolgreichen Erfahrungen, die in vielen Ländern gemacht wurden." Doch angesichts des Drucks, dem sie ausgesetzt sind, wollten sich weder Fu noch Wen mir gegenüber zu der Auseinandersetzung äußern.

Nach Schätzungen haben sich 650.000 Menschen in China mit HIV infiziert. Nicht nur Randgruppen sind betroffen, immer mehr Normalbürger werden angesteckt, vor allem beim Geschlechtsverkehr. Übertragung beim Drogenkonsum folgt an zweiter Stelle. Wen hat 427 Prostituierte in Harbin befragt und war schockiert: "Nur 18 Prozent von ihnen nutzen bei ihrer Arbeit immer Kondome und nur 49 Prozent häufig."


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