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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Warum das ARD-Interview mit Putin gut war


Hubert Seipel muss sich nach dem Interview mit Putin vorwerfen lassen, nicht kritisch genug gewesen zu sein. Dabei hat der ARD-Mann uns einen Einblick in die Gedankenwelt des Präsidenten ermöglicht.
Von Silke Müller

Keine Frage: Es war ein Ereignis. Die sagenhafte Quote von 20 Prozent Marktanteil beweist, dass die Deutschen am Sonntagabend nicht mit dem Krimi ins Bett gehen wollen, sondern Appetit auf Politik und Weltgeschehen haben. Vor allem, wenn es ihnen direkt serviert wird, und das Interpretations- und Umdeutungsbusiness erst im Anschluss loslegen darf.

Putin zu interviewen stellt sich für den ARD-Mann Hubert Seipel, der auf eine gewisse Vertrautheit im Umgang mit dem russischen Präsidenten bauen kann, dennoch als große Herausforderung dar. Wann konnte man zuletzt erleben, wie ein gestandener Fernsehjournalist mit zittriger Stimme ein Gespräch eröffnet, angespannt nach vorn gebeugt, die Stirn über der auf der Nase balancierten Lesebrille in dicke Falten gelegt?

Putin seufzt tief angesichts der kompliziert vorgetragenen Eingangsfrage. Demonstrativ pult er den Dolmetscherknopf aus dem Ohr und legt ihn beiseite. Und stellt mit der Gesprächseröffnung "Erstens" sogleich klar, wer in diesem Schaustück der Kommunikation die Oberhand behalten wird.

Putin rhetorisch gewandt und machtbewusst

Dass er den Ohrflüsterer nicht braucht, weil er perfekt deutsch spricht, lässt er Hubert Seipel gleich dreimal spüren, gut getimet und völlig überraschend zum ersten Mal, als es um das Selbstbestimmungsrecht der Kosovaren und seine Ableitung daraus für die Ukraine geht. "Ja, genau so ist es", fliegt es aus seinem Mund, bevor er weiter auf Russisch antwortet. Auch, dass die Ukraine derzeit noch die russischen Kredite bediene, unterstreicht er mit einem deutschen "Sie zahlen im Moment". Und genießt seine folgenden Ausführungen darüber, wie leicht die russischen Geldgeber das Finanzsystem der Ukraine zusammenkrachen lassen könnten.

Das gesamte Interview über sitzt Putin betont gelassen in seinem Stuhl, kein Stellungwechsel der Beine, verhaltene Gesten, begrenzte Mimik. Nur einmal lässt er sich kurz gehen: Als er klar macht, dass die westlichen Sanktionen gegen Russland in seinen Augen lächerlicher, blinder Aktionismus sind, der, so Russland will, allein die Ukraine vernichtet. Er tippt sich an die Stirn und lacht überlegen. Für einen kurzen, unheimlichen Moment.

Dass er am Ende des gut halbstündigen Interviews alle Umdeutungen des Geschehens in der Ukraine ausführen und Deutschland zu seinem Partner in den Bemühungen um Frieden und Demokratie erklären konnte, ist weder erstaunlich, noch Grund zur Kritik an der Gesprächsführung Seipels. Es zeigt einfach nur, wie rhetorisch gewandt und machtbewusst Putin in solche Interviews geht. Ein kraftmeiernder Bad-Cop-Journalist hätte dieses Gespräch eher zerstört, als einen so tiefen Einblick in die Gedankenwelt Putins zu ermöglichen.


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