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Doppelanschlag in Israel: Ende der relativen Ruhe

Mindestens 15 Tote hat ein Doppelanschlag der radikal-islamischen Hamas in Beerschewa gefordert. Weil die Täter über noch nicht umzäuntes Gebiet nach Israel eingedrungen sein sollen, sehen sich nun die Sperrzaun-Befürworter bestätigt.

Der blutige Doppelanschlag auf zwei Busse in der Wüstenstadt Beerschewa hat einer Zeit der relativen Ruhe in Israel ein jähes Ende gesetzt. Zuletzt waren solche Schreckensbilder Ende Januar zu sehen gewesen, als ein Selbstmordattentäter in Jerusalem zehn Israelis mit sich in den Tod riss.

Augenzeugen berichten aus Beerschewa, die Attentäter hätten ihre Sprengsätze fast zeitgleich gezündet. "Der Autobus flog in die Luft und innerhalb von Sekunden fand ich mich auf den Treppenstufen wieder", erzählt ein Mann, der nach dem lauten Knall über Gehörschwierigkeiten klagt. Einer der Busse ging nach der Explosion in Flammen aus und musste von der Feuerwehr gelöscht werden. "Hier herrschte die blanke Hysterie", sagt ein Feuerwehrmann, der die Explosionen zufällig von seinem Auto aus beobachtet hat. "Menschen sprangen aus den Fenstern, Verletzte riefen um Hilfe."

Anschlag dürfte den Widerstand gegen den Gaza-Abzug weiter stärken

Die Anschläge in der Stadt im Süden Israels ereigneten sich nur Stunden, nachdem der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon seinen Zeitplan für die Vorbereitungen seines heftig umstrittenen Räumungsplans für den Gazastreifen vorgestellt hatte. Die blutige Tat dürfte dem starken Widerstand in seiner eigenen Likud-Partei gegen den angekündigten Abzug weiter stärken.

Die radikal-islamische Hamas-Bewegung, die sich zu der Tat bekannte, bestätigt Einschätzungen der israelischen Sicherheitskräfte, denen zufolge die Selbstmordattentäter aus dem Bereich der Stadt Hebron im südlichen Westjordanland nach Israel gekommen sind. Im diesem Bereich ist die international kritisierte israelische Sperranlage noch nicht aufgebaut, die das Eindringen von militanten Palästinensern verhindern soll.

"Es ist eine Tatsache, dort, wo der Zaun steht, gibt es keinen Terror", sagt der stark rechtsorientierte israelische Minister für Interne Sicherheit, Zachi Hanegbi. "Und wo kein Zaun steht, gibt es Terror." Die Polizei geht davon aus, dass sich die Bombenanschläge vom Bereich Tel Aviv in Richtung Süden verlagert haben, weil die Extremisten dort keine Sperre überwinden müssen.

Die Palästinensische Autonomiebehörde beeilt sich, die Anschläge klar zu verurteilen. Die radikalen Gruppen Hamas und Islamischer Dschihad frohlocken hingegen über den ersten schweren Anschlag seit Monaten. Der bewaffnete Hamas-Arm Issedin al Kassam, der sich in einem Flugblatt zu der Tat bekannt hat, sprach von Rache für die Liquidierungen der Führungsmitglieder Scheich Ahmed Jassin und Abdel Asis Rantisi im Frühjahr. Die Explosionen seien "eine natürliche Reaktion auf Israels Liquidierungen, Tötungen, Vorstöße und Zerstörungen" in den Palästinensergebieten, so Hamas-Sprecher Moschir al Masri in Gaza. Angesichts des am Mittwoch beginnenden neuen Schuljahrs versetzt Israel seine Polizeikräfte aus Furcht vor weiteren Anschlägen in höchste Alarmbereitschaft.

Die Europäische Union hat die Selbstmordanschläge verurteilt. "Die Gewalt muss ein Ende haben", sagte der außenpolitische EU-Vertreter Javier Solana in Brüssel. "Sie unterläuft alle Bemühungen, um eine Lösung im Nahost-Konflikt zu finden."

Sara Lemel/DPA / DPA
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