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Interview: "Die Kenianer müssen selbst entscheiden"

Deutschlands Botschafter in Nairobi, Walter Lindner, spricht im Interview mit dem stern über Wahlfälschungen, die Vehemenz der Gewalt und die Aussichten Kenias in der schlimmsten Krise seit der Unabhängigkeit.

Herr Botschafter, hat Sie der Ausbruch der Gewalt überrascht?

Jeder war überrascht. Die Wahlen selbst waren Ausdruck der demokratischen Reife der Kenianer. Eine Beteiligung über 78 Prozent, ich selbst habe in zwölf Wahllokalen gesehen, wie Menschen bis zu sechs Stunden Schlange standen, um ihre Stimme abzugeben. Wir hatten nicht mit dieser Gewalt gerechnet.

Was ist schiefgegangen?

Bei der Übermittlung der einzelnen Resultate kam es zu erheblichen Unregelmäßigkeiten in großem Stil, wie die EUBeobachter festgestellt haben. Und zwar in etwa 20 Wahlkreisen. Dort wurden zum Beispiel 100.000 Stimmen für einen Kandidaten gezählt, aber 120.000 Stimmen nach Nairobi gemeldet. Die Wahlbeobachter richten den Verdacht der Manipulation an beide Lager, vor allem aber an die Regierungspartei von Präsident Kibaki.

Hat Sie die Vehemenz überrascht, mit der die Gewalt ausgebrochen ist?

Ja. In Kenia haben die 42 Ethnien seit der Unabhängigkeit vor 45 Jahren fast immer relativ ruhig nebeneinander gelebt. Das Land lag 24 Jahre unter einem diktatorischen Präsidenten Moi wie unter Mehltau, auch wenn es 1992 einen demokratischen Aufbruch mit einem Mehrparteiensystem gab. Kibaki kam 2002 an die Macht. Ein großes Aufatmen ging durchs Land. Erst seine Regierung hat die demokratischen Freiräume geschaffen, von denen alle jetzt profitierten. Er hat wirtschaftliche und andere Reformen vorangebracht. Sehr enttäuscht hat er beim Kampf gegen Korruption und gegen Armut. Das hat jetzt die Opposition so stark gemacht.

Was Sie erzählen, klingt wie die stets wiederkehrende Geschichte aus Afrika: Ein Hoffnungsträger entpuppt sich als Politiker, der korrupt ist und seine Seilschaften bedient. Am Ende kommt es zum Putsch oder Bürgerkrieg.

Das Land steckt in der Tat in der schwersten Krise seit seiner Unabhängigkeit. Das Chaos in Kenia ist umso unverständlicher, weil das Land bislang als Hort der Stabilität galt. Das Land und seine Menschen sind nach wie vor bezaubernd, es sind vor allem Politiker und Institutionen, die versagt haben. Aber ich glaube, dass man Schlimmeres noch verhüten kann.

Wie soll das geschehen?

Das müssen vor allem die Kenianer nun entscheiden. Das Land ist in zwei Teile gespalten. Es ist Sache der Politiker, einen Ausweg zu finden. Wir hoffen, dass sich beide Seiten aufeinander zubewegen. Darüber hinaus muss es darum gehen, die Armut in den Griff zu bekommen. 60 Prozent der Einwohner von Nairobi etwa leben im größten Slum Ostafrikas. Das kann nicht gut gehen, unabhängig davon, ob sich ein Kibaki oder ein Odinga durchsetzt.

Was muss kurzfristig passieren?

Entweder man verlegt den Konflikt ins Parlament, wo sich dann eine starke Opposition mit der Regierung auseinandersetzt. Oder beide Gruppierungen einigen sich auf eine Machtteilung, um Ruhe zu schaffen. Nur sind die Positionen beider Seiten zurzeit extrem verhärtet.

Sind Neuwahlen unter strenger internationaler Kontrolle eine Lösung?

Das ist Sache der Kenianer. Es gibt starke Stimmen dagegen. Bei der Polarisierung im Lande könnten Neuwahlen eine Einladung zu weiterer Gewalt sein. Zudem sind Neuwahlen teuer. Und viele Menschen fürchten weiteres Chaos beim nächsten Urnengang. Sie sehnen sich nach Normalität. Die Menschen, deren Häuser abgefackelt, deren Verwandte verstümmelt oder getötet wurden, die in Lagern Zuflucht fanden – das sind die Betroffenen. Die Politiker haben weiter ihre Autos, ihre Häuser, sie können sich ins Ausland absetzen. Vielleicht kommen sie ja endlich selbst zur Erkenntnis, dass sie solche Exzesse von Gewalt in Zukunft verhindern müssen.

Reisen Sie immer noch durchs Land?

Und ob! Ich glaube, dass ich meine Regierung nur dann wirklich informieren kann, wenn ich auch aus der Botschaft rausgehe. Das kann auch mitten in den Slums sein, selbst wenn das jetzt mit einem gewissen Risiko verbunden ist.

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