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Konfuzius: "Akademische Superfrau" Yu Dan erklärt den Philosophen

Ihre Bücher sind Bestseller und sie gilt als "akademische Superfrau": Yu Dan erklärt den Chinesen die Ideen des Philosophen Konfuzius. Im stern.de-Interview spricht sie über den Nutzen des Konfuzianismus im modernen China und spirituelle Koordinaten.

Von Ellen Deng, Peking

Wie kann ein Philosoph, der vor 2500 Jahren lebte, heute auf so großes Interesse stoßen? Während China wirtschaftlich wächst und "friedlich aufsteigt", wie es offiziell heißt, fühlen sich immer mehr einfache Chinesen innerlich unglücklich und leer. "Beklemmung" wird zu einer "verbreiteten sozialen Krankheit". Manche suchen in der uralten Kultur nach "Rezepten". Die Kommunistische Partei hat jetzt "Harmonie" auf ihre Fahnen geschrieben, was diesen traditionellen Vorstellungen entspricht. Viele reisen nach Qufu, wo Konfuzius geboren ist, oder besuchen Konfuzius-Tempel. Grundschulen führen die alten Lehren neu als Schulfach ein. Junge Chinesen finden Freunde unter Fremden, die gern Gedichte im traditionellen Stil lesen oder schreiben, oder schneidern und tragen Kleider wie früher. In diesem "Fieber der traditionellen Kultur" wurde die 42-jährige Yu Dan, Professorin für Medien und Kunst an der Pekinger Normalen Universität, ein Star, als sie in einer populären Fernsehsendung auf frische und attraktive Weise in "Die Analekte des Konfuzius" einführte, das uralte Buch, das die Lehren des Konfuzius zusammenfasst. Ihre eigenen populären Bücher darüber haben mittlerweile eine Auflage von zehn Millionen erreicht.

Die Zuschauer hören ihr gerne zu, weil sie die alten Ideen lebendig und anschaulich erklärt. So sagte Konfuzius, zu viel von etwas könne zu seinem Gegenteil führen. Yu Dan wählte dafür das Beispiel der Stachelschweine: Um sich wohl zu fühlen, müssen sie im Winter eng zusammen sein, sonst frieren sie. Wenn sie aber zu eng zusammen sind, stechen sie sich gegenseitig mit ihren Stacheln.

Der Kopf dieser redegewandten Frau ist voll mit solchen Geschichten. Nicht alle sind begeistert von ihren populären Interpretationen des Konfuzius. Manche chinesische Medien bezeichnen ihre Methode als "Hühnersuppe für die Seele". stern.de sprach mit der bekannten Konfuzius-Interpretin.

Warum haben Sie diesen Weg gewählt, die Ideen des Konfuzius zu erklären?

Der ursprüngliche Konfuzianismus ist etwas "trocken", nicht so leicht zu verstehen für die breite Masse. Wenn ich zum Zuschauer spreche, rede ich nicht wie eine Professorin, sondern führe einen persönlichen Dialog.

Warum waren Ihre Fernsehauftritte so erfolgreich? Warum interessieren sich die Leute so stark für Konfuzius?

Wir leben in einer Übergangsperiode von der staatlich gelenkten Wirtschaft zur Marktwirtschaft. Alle Chinesen fühlen sich unter Druck, müssen die Wohnung abbezahlen, für die Ausbildung des Kindes aufkommen, und so weiter. Früher war der Unterschied zwischen Arm und Reich nicht so groß wie heute. Jetzt haben viele ihr inneres Gleichgewicht verloren in ihrem Streben nach Erfolg und Glück. Der Konfuzianismus wird zur spirituellen Koordinate für sie. Er ist die Wurzel unserer Kultur.

Doch während der Kulturrevolution war Konfuzius verfemt. Warum?

In Wahrheit nicht erst seit der Kulturrevolution. Schon während der "4. Mai-Bewegung" 1919, die eine demokratische Erneuerung Chinas wollte, wurden Konfuzius Ideen angegriffen, weil sie China so lange beherrscht hatten, 2000 Jahre lang die offizielle Ideologie waren. Der brutale Kaiser Han Wudi (lebte 156 - 87 v.Chr., d. Red.) hat etwas sehr Schädliches getan, nämlich den Konfuzianismus zur einzig wahren Lehre erklärt und alle anderen Denkschulen verboten. So hatten wir ein Monopol des Konfuzianismus, was ungesund war für unsere Entwicklung und das Fortschreiten unserer Gesellschaft hemmte. Hätte Konfuzius damals noch gelebt, hätte er bestimmt nicht gemocht, was aus ihm gemacht wurde. Doch er trägt nicht Verantwortung dafür, dass seine Ideen später von Herrschern missbraucht wurden. So verlangte er Selbstbeschränkung, aber nicht nur von den Untertanen, sondern vor allem von den Herrschern selbst, das wurde später oft weggelassen. Ich möchte seine ursprünglichen Ideen vermitteln.

Manche sagen, die Ideen des Konfuzius seien überholt und es sei unrealistisch, von den Menschen heute seinen hohen moralischen Standard zu verlangen. Was sagen Sie dazu?

Natürlich sind seine Ideen vor dem Hintergrund der damaligen Zeit entstanden. Man kann sie nicht eins zu eins auf heute übertragen. Wichtig war ihm der Respekt vor den Eltern. Das wird oft so verstanden, dass die Kinder im Alter für die Eltern sorgen müssen, ihnen etwa ein Haus kaufen oder Essen bringen. Viel wichtiger ist es aber, die Eltern fühlen zu lassen, dass man sie respektiert. Und natürlich passt nicht in unsere heutige Welt, dass sich die Frau dem Mann unterordnen soll. Professorinnen wie mich hätte es zu Konfuzius Zeiten nicht gegeben.

Sie sind jetzt bekannt, ein Symbol für die traditionelle chinesische Kultur. Fühlen Sie sich unter Druck, sich immer moralisch verhalten zu müssen?

Schon früher habe ich versucht, meinen moralischen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich machte das nicht um bekannt zu werden. Ich verhielte mich genauso, wenn ich arbeitslos wäre oder Gemüse verkaufen würde. Auch möchte ich nicht nur als Symbol für den Konfuzianismus gesehen werden, ich stelle auch die Gedanken des Philosophen Zhuangzi vor und Kunqu, eine schöne alte Opernform. Zhuangzi vertritt einen freieren, lockereren Taoismus, was mir sogar näher liegt.

Am Ende unseres Gesprächs sagt die kurzhaarige Frau, die auf Shopping und deutschen Fußball steht: "Ich habe nie vorgeschlagen, zu den alten Zeiten zurückzukehren. Ich respektiere Leute, die in ihrer Freizeit Kleider im Stil von vor 2000 Jahren anziehen, das ist ihr Recht. Meine kleine Tochter würde ich nicht so anziehen, sie soll die Tradition in ihr Herz aufnehmen, nicht oberflächlich. Als meine Tochter zwei Jahre alt war, sagte sie zu mir: Mama, ich möchte diesen Sticker. Ja, 'Sticker', sie nutzte das englische Wort, ein zweijähriges Kind! Das ist die Welt, in der sie lebt und von der sie beeinflusst ist. Sie soll frische Luft genießen, Wasser und Papier nicht verschwenden, ein gesundes und vielfältiges Leben führen."