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Last Call: Britisches Glück ist, wenn die Ohren sauber sind…

Gern fragen uns Freunde: Und, seid Ihr glücklich in London? Das ist eine lieb gemeinte Frage, und ihre Beantwortung hängt im Wesentlichen von Lust und Laune ab. Meistens sind wir glücklich in London, selbst wenn es regnet. Dann vielleicht eine Terz weniger als sonst. Dennoch und insgesamt: heiter bis wolkig und glücklich bis sehr glücklich.

Vielleicht liegt es daran, dass wir von glücklichen Menschen umzingelt sind. Wir können nämlich von Glück sagen, dass Briten grundsätzlich ziemlich zufriedene Menschen und obendrein auch recht zügig zufriedenzustellen sind. Vor Kurzem erschien eine Liste von 50 Dingen, die die Leute hier glücklich machen. An Nummer eins rangierte mit deutlichem Abstand „frisch gemachtes Bett“ (62 Prozent), gefolgt von „Sonne auf dem Gesicht spüren“ (57 Prozent) und „unerwarteter Akt der Freundlichkeit von Fremden“ (52 Prozent). Unerwartete Akte der Freundlichkeit von Fremden ereignen sich in Britannien recht häufig. Das können wir aus eigener Erfahrung bestätigen. Mal sagen Briten sehr unaufgefordert „schöne Jacke“ oder „schöne Frisur“ oder „schöne Schuhe“ oder „Vorsicht, Hundescheiße“. Das ist sehr freundlich von ihnen. Unentwegt begegnen wir in diesem Land „unerwarteten Akten der Freundlichkeit“; derart oft, dass es fast schon „erwartete Akte der Freundlichkeit“ sind.

In den Top 50 des insularen Glücks erscheinen aber auch ein paar unerwartete Dinge. Zum Beispiel auf Platz zehn „sauber sein nach der Dusche“ (42 Prozent), was sich sogar noch steigern lässt, wenn man unter dem Strahl singt (Platz 42, 11 Prozent). Überhaupt scheint Reinlichkeit die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin auch hierzulande erheblich zu beeinflussen. Auf Rang 39 steht „neue Socken anziehen“, auf 48 „Ohren sauber machen“ (!) und auf 49 „Badezimmer putzen“. Wobei nicht erfasst ist, ob das eine das andere erst notwendig macht. Auf Platz 50 dann und zu guter Letzt: Nachdenken über die königliche Familie, möglichst ohne schmutzige Gedanken.

Die glücklichsten Menschen der Welt sind Schweizer

Die Briten sind im internationalen Vergleich jedenfalls etwas glücklicher als die Deutschen. Und das kann nicht damit zusammenhängen, dass Deutsche vermutlich seltener an das englische Königshaus denken. Im aktuellen „World Happiness Report“ der UN rangiert das Vereinte Königreich auf dem 21. Platz und damit fünf Plätze vor Deutschland, das aber immerhin noch vor Frankreich liegt (was wiederum die Briten glücklich macht), aber merkwürdigerweise einen Platz hinter Panama. Die glücklichsten Menschen der Welt sind die Schweizer, vor Isländern und Dänen, die vergangenes Jahr noch die glücklichsten waren. Auf 172 Seiten wird das Glück in diesem Report aufgedröselt, schön vielfarbig aufbereitet wie eine Einladungskarte für einen Kindergeburtstag oder ein digitaler LSD-Trip – Einkommen, Gesundheit, Lebenserwartung, gesellschaftlicher Zusammenhalt. Und am Ende gewinnen die Schweizer.

Im europäischen Zufriedenheitsvergleich (nur EU, also ohne Schweiz und auch ohne Panama) liegen Dänen, Finnen und Schweden zwar auch vor den Deutschen, die aber immerhin gleichauf mit den Briten und beide vor Franzosen.

Nun ist es durchaus möglich, dass die Briten alsbald in der EU-Tabelle nicht mehr auftauchen, falls sie beim Referendum mehrheitlich beschließen sollten, dass sie nicht mehr EU sein wollen. Das kann passieren. Und ob sie damit glücklich werden, weiß man nicht. Vermutlich aber schon. Denn es sind keineswegs nur die großen und elementaren Dinge des Lebens (Geld, Gesundheit, Frauen/Männer, Fußball), die das Wohlbefinden der hiesigen Menschen ausmachen. Das Glück darf durchaus kleiner sein und lässt sich auch so ausdrücken: nämlich Pickel, „squeeezing a spot“. Platz 47 und damit noch vor sauberen Ohren.