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Last Call: Das lustigste Arschloch der Welt

Wir hatten gerade Streik in London. Die U-Bahn fuhr nicht oder nur teilweise. Ich bin kein Masochist, muss aber zugeben, dass ich mich ein bisschen auf den Streik gefreut habe. Es war mein erster Streik in London. Die Frau des Hauses ist hier aufgewachsen und kennt alle Arten von Streiks noch aus den 70-er Jahren. Damals muss Großbritannien manchmal so gewesen sein wie die DDR. Mal gab es keinen Zucker, mal gab es kein Klopapier, mal gab es keinen Strom, ganz oft gab es keine U-Bahn, und einmal gab es ein ganzes Jahr lang keine „London Times“. Aber immer gab es gelassene Briten, die es nahmen, wie es kam.

Daran hat sich in vierzig Jahren nichts geändert. Ich war sogar ein bisschen enttäuscht, denn beim letzten Streik im Februar soll es zu vereinzelten Unmutsäußerungen vor den verschlossenen U-Bahn-Stationen gekommen sein. Unmutsäußerungen sind eher rar in Großbritannien und beschränken sich weitgehend auf Grunzen und Raunen im Parlament oder auf Pfiffe in Fußballstadien. Diesmal gab es nicht mal laute Unmutsäußerungen, sondern gerade mal die üblichen Klagen über Streiks. Es waren nur längere Schlangen, und mit Schlange-Stehen kennen sich Londoner so gut aus wie niemand anders.

Im Alltag verhalten sich Briten eben verhalten, das ist kein Klischee. Hierzulande entschuldigt man sich sogar, wenn ein anderer Mensch einem in der U-Bahn (falls sie fährt) auf den Fuß tritt. Diese Höflichkeit ist zuweilen etwas anstrengend, zumal für Zugereiste.

Manchmal wirkt das Entschuldigungs-Zeremoniell übertrieben und nimmt in seiner politischen Korrektheit fast schon amerikanische Ausmaße an. Was wiederum eine Beleidigung ist, für die ich mich sofort entschuldigen müsste. Bislang galt das Fernsehen als eine Art rechtsfreier Raum. Im Fernsehen sagen Leute Dinge, die sie im Alltag nie sagen würden. Das macht den Konsum des hiesigen Programms angenehm und erfrischend. Ganz besonders erfrischend ist das BBC-Format „Top Gear“, in dem es formal um Autos geht, aber praktisch um gehobenen Irrsinn. „Top Gear“ ist ein Ventil für alles, was nicht gesagt werden darf und also gesagt wird. Es ist die Hebebühne des politisch Unkorrekten. Vielleicht ist die Sendung auch deshalb ein globaler Hit.

Präsentiert wird „Top Gear“ seit 2002 von Jeremy Clarkson, einem stramm konservativen Moderator, der wunderbar zuverlässig aus der Rolle fällt. Gemeinsam mit seinen Kollegen James May und Richard Hammond bereist er die Welt und sorgt regelmäßig für kleinere und größere geopolitische Zerwürfnisse. Während einer Tour durch Mexiko kam das „Top Gear“-Team beispielsweise zu dem Ergebnis, dass mexikanisches Essen wie mit Käse überbackene Kotze aussieht und auch so schmeckt. Diplomatischen Ärger wegen dieser Expertise schloss Clarkson allerdings kategorisch aus, weil er den mexikanischen Botschafter in London schlafend und schnarchend vor der Glotze wähnte und den auch genüsslich imitierte. Es war sehr gemein und sehr lustig. Die BBC musste sich entschuldigen.

Das Trio brachte sogar die gesamte argentinische Nation gegen sich auf. Die drei Protagonisten fuhren Sportwagen durch Südamerika, und Clarksons alter Porsche trug am Heck ausgerechnet das Nummernschild H982 FKL. Die Argentinier deuteten die Buchstaben- und Zahlenkombination offenbar als perfide Anspielung auf den britisch-argentinischen Falkland-Krieg aus dem Jahr 1982. Und sie reagierten ziemlich martialisch. Kriegsveteranen machten mobil, das Hotel der BBC-Leute wurde belagert, Steine flogen, die Autos blieben ramponiert am Straßenrand stehen. Und die Engländer eilten nach Buenos Aires, von wo aus sie den Heimflug antraten und Jeremy Clarkson nach der Landung in London twitterte, das Ganze sei lebensgefährlich gewesen, „es hätten auch Leute sterben können“. H982 FKL als Nummernschild in Südamerika an einem Porsche, den ausgerechnet das fleischgewordene Fettnäpfchen Jeremy Clarkson pilotiert, ist entweder ein verdammt großer Zufall. Oder das „Top Gear“-Team wurde Opfer der eigenen Reputation als notorische Störenfriede. Durch Indien beispielsweise fuhr Clarkson schon mal mit einem Freiluft-Lokus am Kofferraum, was im Gastland als üble Beleidigung empfunden wurde. Im Beleidigen ist er wirklich gut.

Clarkson mag keine Deutschen, maximal und zähneknirschend deutsche Autos.

Clarkson mag auch keine Lesben und Schwule.

Clarkson hält Amerikaner aus dem Bibel-Gürtel für Menschen, die sich mit Gemüse paaren.

Clarkson ist befreundet mit Premier David Cameron und nannte dessen sehbehinderten Vorgänger Gordon Brown „einen einäugigen schottischen Idioten“.

Manchmal entschuldigt er sich, meistens aber nicht. Seine Sprache ist jedenfalls durchaus metaphernreich. In einer der Folgen sagte er über einen Jaguar: „Er ist sehr schnell und sehr, sehr, sehr laut. Und in den Kurven kriegt er seinen Schwanz schneller raus als George Michael.“ Ein andermal riet er, einen Wagen der Marke Suzuki zu meiden wie „ungeschützten Sex mit einem äthiopischen Transvestiten“. In England haben sie seinen Tiraden schon einen feststehenden Begriff verpasst – Clarksonisms.

Vor einigen Wochen erst soll er sich abwertend über Thailänder geäußert haben. „Rassist“, hieß es danach. Was Clarkson auf Twitter aber höchst überzeugend dementierte: „Ich bin kein Rassist. Ich sitze sogar gerade in einer Bar neben einem Mann, der an der Grenze zu Wales wohnt.“

Clarkson ist politisch korrekt ausgedrückt: rücksichtslos, verblendet und chauvinistisch. Und nur korrekt ausgedrückt: rücksichtslos, verblendet, chauvinistisch und das lustigste Arschloch der Welt. Damit könnte er sogar gut leben.

Momentan hat er wieder ein Problem. Ein selbst für seine Verhältnisse relativ großes sogar. Bei einer Aufzeichnung vor drei Jahren murmelte er in den kindischen Abzählreim „eeny, meeny, miny, moe“ offenkundig das streng verbotene Wort „Nigger“, dass weltweit so verboten ist, dass es nur „N“-Wort heißt. Nur konnte Clarkson in diesem Fall nicht so überzeugend dementieren wie zuvor bei Thailand, weil ein Video-Mitschnitt seines im Übrigen nie ausgestrahlten Genuschels mit dem verbotenen „N“-Wort existiert und an die Öffentlichkeit gelangte. Er entschuldigte sich also kleinlaut und bat um Vergebung und erklärte wortreich, wie sehr er das schreckliche „N“-Wort verabscheue. Danach und dennoch: Sturm über England, Clarkson würde „Blitzkrieg“ sagen. „Weg mit ihm aus der BBC!“, „Rassist!“ schon wieder. Nur seine Kollegen hielten zu ihm. James May und Richard Hammond bezeichneten ihn in aller Freundschaft als „monumentalen Schwanzkopf“ und „Idioten“. Aber Rassist? „No way.“

Diese Woche sollte wieder U-Bahn-Streik sein, drei Tage lang. Streikende aus dem Öffentlichen Dienst verabscheut Jeremy Clarkson natürlich auch. Sie sollten, empfahl er mal, „vor den Augen ihrer Familie exekutiert werden“. Die BBC musste sich entschuldigen.

Der Streik wurde dann in letzter Sekunde abgesagt. Und Clarkson schwieg. Ein Ausfall diese Woche reicht ja auch.