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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier": Es hilft, kein Arschloch zu sein

stern-Stimme Micky Beisenherz nimmt in seiner Kolumne "Sorry, ich bin privat hier" kein Blatt vor den Mund. Dieses Mal knöpft er sich "Top Gear"-Moderator Jeremy Clarkson vor.

Von Micky Beisenherz

Zuerst die Katastrophe aus Konsumentensicht: Zu behaupten, "Top Gear" sei ohne Jeremy Clarkson nicht ganz dasselbe, ist in etwa so, als würde man auf der Domplatte die Kirche entfernen und den Leuten sagen, sie könnten ja auch kommen, um die Penner zu bestaunen. Die spektakuläre Autoshow ist ohne den rechtslenkenden Darth Vader kaum mehr wert als "Der 7. Sinn". Weshalb selbst Prominente sich mittlerweile an Online-Petitionen für dessen Rückkehr beteiligen.

Was war los? Der BBC-Superstar hat dem Vernehmen nach einen Produktionsmitarbeiter geschlagen und wurde deswegen final aus der Show geschmissen. Das ist …

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natürlich ein tragischer Verlust und viel mehr

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völlig richtig. Wenn man bedenkt, wie viele quotenträchtige TV-Akteure sich hinter den Kulissen selbst vergöttern und wie ein Upgrade von Idi Amin gerieren. Würden ihnen häufiger die Grenzen aufgezeigt, wären sie nicht solche Monster. Und viele Mitarbeiter würden ohne Magengeschwür oder Heulattacke das Set verlassen. Tut halt nur niemand. Weil sie ja funktionieren. Wenn auch nur in puncto Marktanteil. Da die gemeinhin zu selten noch wirklich gut sind, füttert man das Biest mit Schulterklopfen.

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ist die Causa Clarkson übrigens seit Ewigkeiten der erste Skandal um einen BBC Unterhalter, der nix damit zu tun hatte, dass der nette Moderationsonkel zu häufig und zu lange kleine Kinder auf dem Schoß hatte. Immerhin. Es geht aufwärts. Klar, gerade in Zeiten, wo für jeden Hühnerfurz ein Shitstorm (incl. Contrashitstorm) losbricht, sind Alpha Bonobos und Ich AGs, die quer schießen, schillern und politisch unkorrekt sind, eine irgendwie sympathische Alternative - nicht umsonst ist Klaus Kinski heutzutage so eine Art YouTube Star.

Mit 280 Sachen durch die Spielstraße

Jeremy Clarkson ist so einer. Einer mit 'nem Ego, das man nur in 'nem Industriehafen wenden kann. Einer, der im TV bewusst aneckt mit Sprüchen über schwarze Lesben, zu erschießende Streikende oder den Falklandkrieg, bis die Armada der vermeintlich Überkorrekten 'ne mittelschwere Arthrose im erhobenen Zeigefinger kriegt. Einer, der ein Gegenentwurf ist zu all den durchgekernerten Stromlinienpromis und keimfreien Sagrotan-Celebrities, ihr Publikum zunehmend paralysieren, Interviews live aus dem Windkanal geben.

Hier geht es aber darum, was abseits der Kameras passiert. Und da ist jemand, der einen Weisungsgebundenen schlägt, weil sein beleidigter Gaumen den Code Red befiehlt, nun ja, ein Idiot. Um im Bild zu bleiben, ist Clarkson da mental mit 280 Sachen durch die Spielstraße geballert. Und dann muss der Lappen weg - auch, wenn es der Quote weh tut.

Mag sein, dass es den Senderverantwortlichen jetzt deshalb in der Bandscheibe zwickt. Das ist aber immerhin ein untrügliches Zeichen, dass noch ein Spurenelement von Rückgrat vorhanden ist. Es gibt Entertainer, da muss man noch im Nachhinein froh sein, dass sie es in diesem Genre geschafft haben - und nicht etwa am Ende frustriert in die Politik gewechselt sind. Postkartenmaler reloaded.

Nett? Da bleibt nur noch "Immer wieder Sonntags"

Schon klar - wenn man nur noch Produkte von privat netten Menschen konsumieren will, landet man am Ende vermutlich irgendwo zwischen den Amigos und "Immer wieder Sonntags".

Mindestens genauso falsch aber ist auch der entertainosophische Ansatz: Entweder freundlich ODER ein toller Unterhalter. Schwachsinn. Man kann auch öffentlich die Kot-Orgel geben und privat total in Ordnung sein. Nehmen wir doch nur "DSDS", wo es … . Okay, schlechtes Beispiel. Aber es gibt diese. Ehrlich. Egal, ob Showbranche oder real Life, am Ende gilt

d)

Kein Arschloch zu sein, ist ein Gut, das heutzutage gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Und wenn es nicht anders geht, dann muss man auf der Sozioparty halt mal das Licht anknipsen.