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Last Call: Deep Purple in Westminster

Anfang dieser Woche wurde das britische Parlament aufgelöst, denn in sechs Wochen sind Wahlen. Leider löst sich darüber hinaus auch das Parlamentsgebäude von Westminster langsam auf. Es ist vielleicht die schönste und ehrwürdigste Politikerbehausung der Welt, aber eben verdammt alt. Draußen bröckelt der Putz, Wasser tröpfelt durch die Decken, Mäuse huschen durch Flure. Die Verkabelung ist im doppelten Sinne unterirdisch. Und irgendwann fällt ihnen dort vielleicht die Decke auf den Kopf.

Von links bis rechts sind sich alle einig, dass mal dringend renoviert werden müsste. Und zwar nicht nur das Gebäude, sondern irgendwie alles. Auch das Wahlsystem. Im Prinzip bräuchte beides einen Umbau. Es gibt nur zwei Probleme: Die Renovierung kostet drei Milliarden Pfund, die Abgeordneten müssten für ein paar Jahre umziehen. Außerdem haben sich die Briten an ihr Mehrheitswahlrecht derart gewöhnt wie ihre Parlamentarier an feuchte Decken, Mäuse im Büro und überhaupt die vielen Riten, die Westminster zu einem einzigartigen Ort machen. Deshalb: Es wird viel geschimpft werden und geflucht und gelogen in den kommenden Wochen des Wahlkampfs, das Resultat wird aller Voraussicht nach eng und unübersichtlich, vielleicht muss sogar noch mal gewählt werden, weil die Mehrheitsverhältnisse eher Minderheitsverhältnisse sind. Und am Ende bleibt doch alles beim Alten, und England verliert im Elfmeterschießen.

Eine Mischung aus Deep Purple und Kindergeburtstag

Ich liebe dieses Störrische, leicht Weltfremde, dieses Festhalten an Ritualen und Traditionen, die aus der Zeit zu fallen drohen. Aber hier steht die Zeit und kippt nicht um.

Neulich, kurz vor der Auflösung, verbrachte ich einen ganzen Tag in Westminster. Es war glücklicherweise ein Mittwoch. Mittwochs ist Prime Minister’s Question Time, seit mehr als 50 Jahren schon. Ich traf dort eine französische Kollegin, sie sagte: „Ich hatte heute morgen so schlechte Laune, mir fiel zu Hause die Decke auf den Kopf. Da dachte ich mir: Ich tue mir mal was Gutes.“ Andere gehen in Momenten schlechter Laune einkaufen oder ins Fitness-Studio, hier geht man ins Parlament – wo einem schlimmstenfalls zwar auch die Decke auf den Kopf fallen könnte, aber egal. Prime Minister's Question Time, kurz PMQ, ist das Highlight der politischen Woche. Der Premier stellt sich den Fragen der Abgeordneten und des Oppositionsführers. Das Ganze dauert zwar nur eine halbe Stunde, liefert aber Diskussionsstoff für Tage. Der Oppositionsführer darf sechs Fragen stellen, erhebt sich zu diesem Zweck von den grünen, inzwischen leicht abgewetzten Sitzen im Unterhaus, und der Premier antwortet. Man darf sich nicht beim Namen nennen, sondern nur „He“ oder zuweilen auch „She“ sagen. Permanent stehen Politiker aller Parteien auf, damit sie der Sprecher des Hauses, der Speaker, sieht und ihnen das Wort erteilt. Für dieses Auf und Nieder immer wieder gibt es sogar ein Verb: bobbing. Es sieht aus wie ein Spiel beim Kindergeburtstag.

Es wird geraunt und gegrunzt wie bei einer Viehversteigerung

Während der Question Time und grundsätzlich bei Unterhaus-Debatten wird nicht applaudiert – verboten. Sondern gegrunzt und gegrölt und auf hohem oder weniger hohem Niveau beleidigt – erlaubt. Radio-Übertragungen können sich für den Ungeübten anhören wie eine Viehversteigerung. Der Sprecher des Hauses, John Bercow, eine Art Oberschiedsrichter, muss die Kollegen immerzu zu Ordnung und Anstand aufrufen, „order, order“. Einmal sagte er: „Der für Kinder zuständige Minister ist keinesfalls verpflichtet, sich hier auch wie ein Kind zu benehmen.“ Ein andermal rief er, dass das Dezibel-Level im Unterhaus „höher ist als bei einem Deep Purple-Konzert zu deren lautesten Zeiten in den 70-ern“.

PMQ ist in einem Wort: herrlich und inzwischen sogar ein Fernsehhit, der live in die USA übertragen wird. Bei den Protagonisten allerdings hält sich der Genuss in Grenzen. Von Premier Harold Macmillan ist überliefert, dass er körperliches Unwohlsein verspürte vor dem Grillfest im Unterhaus. Selbst die Eiserne Lady Maggie Thatcher nahm vorab und vorsichtshalber nur ein leichtes Mittagessen ein. Offenbar aus gutem Grund wie Tony Blair in seinen Memoiren verriet. Der nannte die Veranstaltung, eine „nervenaufreibende, verwirrende, kräftezehrende Mutprobe“, die schlimmstenfalls auch „bowel movements“ generieren, also das Gedärm in Bewegung versetzen könne. Die Fragen schlagen auf den Magen. Als sich John Major zu seiner allerersten Question Time erhob, schleuderte ihm der für seine Grobheiten legendäre Labour-Mann Dennis Skinner ein fröhliches „Resign!“ entgegen.

So geht das zu mittwochs um zwölf im britischen Parlament.

Einigen Abgeordneten ist die Veranstaltung dennoch eher peinlich, nicht das Gegrunze und Geraune und Geschimpfe und warum auch? Sondern die Tatsache, dass sich Parlamentarier aus dem Regierungslager nicht entblöden, unterwürfige Frage zu stellen wie: „Gehe ich recht in der Annahme, dass der Premierminister mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sehr zufrieden ist?“ Die Abgeordneten dürfen zwar theoretisch alles fragen, aber praktisch schickt das Büro von Cameron an Leute aus seiner Fraktion eine Depesche mit Fragen-Vorschlägen, die der Premier gerne gestellt bekäme. Das ist dann weniger lustig und auch nicht anders als früher im Palast der Republik, aber der Speichelleckerfragenpart bleibt im Schnitt und glücklicherweise überschaubar. Abseits davon kann es dann lustig und spontan werden. Weil Cameron natürlich nie weiß, was auf ihn zukommt, bereitet er sich wie alle seine Vorgänger akribisch und mehrere Stunden lang darauf vor.

Früher gab es sogar gleich zweimal Question Time, Dienstag und Donnerstag, jeweils 15 Minuten. Vor lauter Fragerei kam der Premier aber kaum noch zum Regieren. Deshalb wurde es runtergedampft auf den Mittwoch. Das ist schon anstrengend genug. Gerade erst ließ Cameron verlauten, PMQ sei wie Bärenzwinger oder: „Wie früher bei den Römern: Christen gegen Löwen“. Er ließ offen, ob er eher Christ oder Löwe sei, das variiert vermutlich von Woche zu Woche.

Möchte man Merkel und Steinmeier im Ring sehen? Eher nicht

Im vergangenen Jahr wurde auch in Deutschland mal kurz über die Einführung einer Fragestunde an die Kanzlerin debattiert „Fragen Sie Mutti“ oder „Angies Sprechstunde“ oder so. Das wird aber nichts. Es ist wohl auch eine Frage der Kultur. In Großbritannien ist Bärenzwinger irgendwie gelernt. Und möchte man Steinmeier und Merkel im Zwinger sehen, wie sie sich nicht mal beschimpfen? Also.

Die letzte Fragestunde vor der Parlamentsauflösung in Westminster war im Übrigen großartig. Cameron und Miliband gingen sich fast an die Gurgel, sie beharkten sich – wie im Wilden Westen, High Noon. Es ging im Übrigen um Mehrwertsteuer. Nie war die unterhaltsamer. Tags darauf war eine Fernsehdebatte, und dort erzählte Cameron, dass sich die eigenen Kinder zuweilen schämen für die Auftritte von Daddy jeden Mittwoch. Miliband sagte das sinngemäß auch. Aber beide sahen so aus, als stimmte das nicht. Als würden sie sich in Wahrheit doch freuen auf die halbe Stunde Wilder Westen, in der man sich gegenseitig nichts gönnt. Und man gönnt sich ja sonst nichts.

Jetzt ist Pause bis in den Mai. Leider. Ich werde die Scharmützel vermissen. Und die französische Kollegin muss sich jetzt mittwochs Schuhe kaufen, wenn sie schlechte Laune hat oder ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.