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Last Call: Der Luftangriff der deutschen Wespen

Wespen waren in diesem Jahr eine Plage, denken Sie? Pah, unser Kollege in Großbritannien muss sich auf der Insel mit "wütenden und betrunkenen" Wespen rumplagen. Über die teutonische Rache in Gelb-schwarz. 

Wir hatten neulich ein kleines Problem mit einem Tier in unserer Wohnung. Es war vermutlich eine Maus oder ein Eichhörnchen. Wir hörten das Tier in einer Zwischenwand in der Toilette. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Mäuse und Eichhörnchen, wenn sie nicht gerade in Zwischenwänden leben und ziemlich viel Lärm machen. Und wenn man nicht gerade Dinge auf einer Toilette erledigt, wofür Toiletten so da sind.

Es kam dann ein hilfreicher Mensch von der ortsansässigen Firma „Pest Control“. Auf seiner Jacke war ein Tier abgebildet, dass stark an einen Puma, Panther oder Leoparden erinnerte. Jedenfalls an eine größere Raubkatze. Der Mann, ein Ungar, versicherte, dass er es noch nie mit Tieren dieser Größenordnung zu tun hatte. Das Logo wirkte zumindest vertrauenseinflößend. Der Mann machte sich ans Werk, versiegelte ein Loch in der Wand, legte dahinter einen Köder aus. Und er erzählte, während er so vor sich hin versiegelte, von seinem Job.

Meistens wird er gerufen, um Wespennester zu beseitigen oder Bett-Wanzen. Beides hat sich offenbar zu einer Plage entwickelt, und eine besondere Plage sind zur Zeit wütende, betrunkene Wespen aus Deutschland, die „German Wasps“ oder „Vespula Germanica“. Die Zeitung „Independent“ notierte, die offenbar besonders widerstandsfähigen Insekten seien womöglich die teutonische Rache für wütende, angetrunkene britische Touristen, die sich sommers durch den Mittelmeerraum trinken und dabei wenigstens so störend sind wie die Wespen, die durch pure Anwesenheit Picknicks und Grillfeste ruinieren.

Die deutsche Wespe ist erstaunlicherweise gar nicht so sehr in Deutschland, sondern vielmehr in Großbritannien beheimatet und dort wiederum vorzugweise in Essex. Die Tiere ernähren sich gern von fermentierenden Früchten, werden davon rechtschaffen besoffen und danach rechtschaffen aggressiv. Die deutsche Wespe ist also kein guter Botschafter.

In den USA werden Wespen so groß wie Menschen

Früher lebten wir in Amerika und hatten auch dort immer wieder mal mit Wespen zu tun. Wir bewohnten damals ein altes Holzhaus, und alle paar Monate bekamen wir Besuch von Mister Higgins von einer Firma mit dem herrlichen Namen „Terminix“. Mister Higgins schnallte sich eine Flasche auf den Rücken, als würde er tauchen gehen, setzt sich eine Maske auf und stieg hinab in den Keller. In amerikanischen Holzhäusern, in alten zumal, nisten gern Holzwürmer oder „powderpost beetles“, deren Lebenszweck darin besteht, Holzhäuser aufzufressen.

In Amerika ist außerdem alles größer. Auch die Wespen, die Wasps, sind dort größer. Sie werden so groß wie Menschen. Wasp steht dort nämlich auch für: „White Anglo Saxon Protestants“, eine ziemlich elitäre Spezies weißer Evangelikaler, die von den Puritanern abstammen und nicht trinken und sich auch nicht von fermentierenden Früchten ernähren, aber dennoch wirre Dinge behaupten, etwa das auserwählte Volk und ergo anderen überlegen zu sein, natürlicher Führungsanspruch. So was glauben die amerikanischen Wespen wirklich. Die richtigen, die kleinen, sind mir irgendwie lieber, obschon man die Briten und ihren Groll gegen die Invasion auch verstehen muss. Die Briten sind überhaupt ziemlich geplagt in diesem Jahr.

Ein Sommer der Plagen. Als nächstes große Spinnen

Erst drehten an der See die Möwen durch, attackierten Hunde und Kleinkinder und einmal sogar eine Rentnerin, die glaubte sie sei in ein Hitchcock-Revival geraten. Und kaum war der Mövenpick endlich vorüber, kamen die Wespen geflogen, aßen Früchte, wurden blau und stachen zu. Nun geht der Sommer bald zu Ende, auch in Essex, und die nächste Plage steht bevor: Gigantische Spinnen, 12 Zentimeter Umfang, „groß wie Mäuse“, wie der „Manchester Evening Standard“ warnte. Er zitierte den Spinnenexperten Chris Ayre mit dem wenig erbaulichen Satz: „Die große Hausspinne ist so etwas wie der Golden Retriever ihrer Art, weil sie ähnlich wie die Hunde keine Scheu hat.“ Was das zu bedeuten hat, ließ der Experte offen. Vielleicht bellen die großen Spinnen demnächst auch.

Für Menschen mit Spinnenphobie sind das keine guten Nachrichten. Für unseren Mann von „Pest Control“ schon eher. Er erzählte und erzählte, während er das Loch in der Wand fixte. Von britischen Messies und Wohnungen mit Bettwanzen und deutschen Wespen in Essex. Er hatte eine Menge Ahnung und schien auch ein Hobby-Ethnologe zu sein. Er sagte: Wie die deutsche Wespe, so der Mensch, „aggressiv und oft betrunken“. Ich sagte nichts. Er fixte noch das Loch. Nach zwei Stunden war er fertig, im Fernsehen lief Fußball, mein Verein Borussia Dortmund spielte. Die Dortmunder trugen wie immer gelbe Trikots und schwarze Hosen und sahen von weitem etwa so aus wie Wespen. Der Mann aus Ungarn runzelte die Stirn und fragte: „Ach, woher stammen Sie denn?“ Ich sagte: „Hamburg, Deutschland.“ Und er sagte wie von der Tarantel gestochen: „Autsch.“