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Last Call: Der weihnachtliche Gipfel des schlechten Geschmacks

In England hat sich eine besondere Unsitte zu den Feiertagen etabliert: der (zumeist kitschig blinkende) Weihnachtspullover. Auch stern-Korrespondent Michael Streck musste den Brauch bereits am eigenen Leib erfahren.

Die Welt verdankt Deutschland den Tannenbaum und den Weihnachtsmarkt. Ein paar Dinge mehr noch, aber Tannenbaum und Weihnachtsmarkt sind essentiell fürs Bild der Teutonen im Ausland. Deutsche Weihnacht ist ja ein Exportschlager wie vor Diesel-Gate früher auch mal VW.

Jenseits der von Ulan Bator bis Uppsala überall populären Büro-Weihnachtsfeier hat jedes Land seine eigenen Traditionen und Riten zum Jahreswechsel. In globalisierten Zeiten werden die allerdings gerne auch hin- und her transferiert wie Fußballspieler. Exportiere Glühwein und Wurst nach England, kriege weihnachtliche Werbung dafür.

Neulich hat bekanntlich die Einzelhandelskette „Edeka“ eine an sich sehr britische Werbe-Idee schnöde abgekupfert - und mit dem einsamen Opa offenbar Millionen Deutsche zu Tränen gerührt. Der einsame Opa ist in Wahrheit gar kein deutscher Opa, sondern ein britischer Schauspieler, der im Süden Londons wohnt und sich ziemlich wunderte über den Wirbel, den die Reklame auf dem Festland auslöste. Arthur Nightingale, 83, fragte sich, etwas überspitzt, was für ein Arschloch er denn da spielen muss. Dem stern sagte er in seinen Worten, fein und englisch: „Als ich das Drehbuch las, fragte ich mich: Wie um Himmels willen kann das jemand seinen Kindern antun?“ Man hätte sich natürlich auch fragen können, warum die Kinder den Alten so viele Jahre nicht besuchen. Irgendetwas Ekliges muss er angestellt haben, und dann kommt so was von so was.

Während auf der Insel ein ähnlicher Spot der Kaufhauskette John Lewis mit einem Alten auf dem Mond zu Spekulationen darüber führte, was der Greis im All macht und darin gipfelte, dass es sich vermutlich um einen Schwerverbrecher oder Diktator handeln muss, den man berechtigterweise auf den Erdtrabanten expedierte, heulten Millionen in Deutschland über einen betrügerischen Opa, der seine inzwischen emotional entfernte Sippe unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Hause lockt.

So viel zu den Unterschieden hier und dort.

Wenn es nun aber schon so ist, dass zur Weihnachtszeit das Geben und Nehmen per se und Tauschen auch über Ländergrenzen hinweg exorbitant zunehmen, ist die Zeit womöglich nicht mehr fern, dass ein weiterer britischer Hit über den Kanal schwappt: der Christmas Jumper, der Weihnachts-Pullover. Es handelt sich dabei um ein Polyester- oder auch Woll-Textil von raumgreifender Scheußlichkeit und mit allerlei festiven Motiven drauf, das sich Briten vor und während der Festtage überstreifen. Das ist ein relativ junger Brauch, der erst in den frühen 80-er Jahren Fahrt aufnahm, dann aber so gewaltig, dass er nunmehr alle Jahre wieder im „Christmas Jumper Day“ kulminiert, den wiederum die Kinderschutz-Organisation „Save the Children“ erfand und der modischen Geisterfahrt damit wenigstens noch wohltätigen Nutzen verlieh.

In diesem Jahr schaffte es die Haslingden High School in Lancashire, 1431 Kinder und Erwachsene mit Christmas Jumpers zu versammeln und auf diese Weise sogar ins Guinness Buch der Rekorde, vermutlich als Ort der meisten schlecht gekleideten Menschen des Planeten. Dahinter steckt selbstredend der Hang, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Briten ironisieren alles, sich selbst am liebsten und eben auch Weihnachten.

Über die Geburt des Jumpers zirkulieren nun diverse Versionen; die wahrscheinlichste geht auf eine Reihe von englischen TV-Moderatoren in den frühen 80-er Jahren zurück, die Pullover mit Rentieren, Nikoläusen und anderem Xmas-Gebimse trugen. Oder auf Sänger wie Andy Williams und Val Doonican, die Weihnachtliches schmalzten und zur Untermalung oder Ablenkung in monströs hässliche Motiv-Pullis schlüpften. Seitdem ist das Land jedenfalls infiziert und nach ganz frischen Umfragen zugleich geteilt in Hasser (53 Prozent) – und Liebhaber (47 Prozent) des Pullovers. Zuweilen sogar im wahren Sinne des Wortes. Gerade erst turtelten zwei Abgeordnete der Konservativen im Elfen-Pulli-Partnerlook und teilten der Nation nonverbal und qua Wintermode mit, dass sie nunmehr ein Paar sind. Weihnachten ist ja auch das Fest der Liebe, und doppelt genäht hält dann womöglich besser.

Die Grenzen des schlechten Geschmacks sind im Übrigen sperrangelweit offen, kein Tiefpunkt, der nicht noch tiefer gelegt werden könnte. Es gibt Pullis, aus denen ein halber Stoff-Truthahn ragt, welche mit loderndem Kaminfeuer vorne drauf, andere in Weihnachtsbaumform und komplett aus Plastik. Eines der erschütterndsten Modelle trug jüngst der deutsche Fußballnationalspieler Mezut Özil, Arsenal-rot mit Schneemann, dessen Möhren-Nase: erigiert. Özil ist endlich angekommen in London.

Özil, weihnachtlich. Er ist in London angekommen

Nun meldete der liberale „Guardian“ soeben fröhlich, dass die Jumper-Verkaufszahlen zurück gingen, weil der Markt endlich gesättigt sei. Ein Pulli pro Person und Weihnachten reicht dann doch. Aber: zu früh gefreut, werte Kollegen. Denn die Weihnachtsindustrie sucht und findet andere Laufkundschaft – Hunde. Offenkundig in Hülle und Fülle. Weshalb die Tierschutzorganisation „Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals“ eine Art Hilferuf veröffentlichte. Der Mensch möge bitte dringend davon absehen, seinen vermeintlich besten Freund zu Weihnachten in Kostüme zu zwängen. Die verkleideten Tiere könnten dann nämlich keine Gefühle mehr ausdrücken und sich verständlich machen. Mit einer Nikolaus-Mütze über dem Kopf beispielsweise kann ein Mops a) schlechter hören und b) seine Ohren auch nicht mehr zur Kommunikation mit anderen Möpsen benutzen. Das wäre dann Tierquälerei.

Kuh mit menschlichem Fell, auch weihnachtlich

Ähnliche Hilferufe von Menschen für Menschen gibt es leider nicht.

Bislang konnte ich mich zu Hause gegen diesen weihnachtlichen Irrsinn durchsetzen. Auch während unserer sieben Jahre in Amerika ging das eine Weile gut. Bis...ja bis. „Alle Amerikaner haben zur Weihnachtszeit beleuchtete Rentiere oder Esel im Garten stehen“, sagte die Frau eines Tages. Sie seien ein Zeichen geglückter Integration. „Leuchtende Tiere kommen mir nicht den Garten. Eher lasse ich mich scheiden“, sagte ich. Der Satz stand wie in Schnee gepinkelt. Die Töchter waren zunächst schockiert. Drei Tage später stand ein Rentier im Garten, natürlich. Die Kinder freuten sich. Die Frau auch. Ich schwieg. Es hätte schlimmer kommen können. Ein Esel oder sogar eine Eselfamilie oder Maria und Josef mit Schafen und Ochsen, alle beleuchtet. Wir haben uns erstaunlicherweise nicht scheiden lassen.

Vor kurzem waren wir auf einem Weihnachtsmarkt in Birmingham, der größte des Landes. Viele Menschen in hässlichen Pullovern tranken viel deutsches Bier und viel deutschen Glühwein. Es gab außerdem Stände mit deutscher Wurst und ostdeutschem Kitsch aus dem Erzgebirge. Es gab auch ein paar englische Stände mit Gürteln und Hüten. Und gleich mehrere mit Christmas Jumpers. Irgendwann verschwand die Frau. Sie sagte, sie müsse noch etwas für unsere Kleinfamilie besorgen. Nach 20 Minuten kehrte sie zurück mit einer Tüte und wollte nicht verraten, was drin ist. Sie sagte: „Lass dich überraschen.“

Angekommen. Der Jumper. Großartig abscheulich

Ich kenne sie. Ich kenne sie gut. Ich rechnete mit dem Schlimmsten, und es kam schlimmer. Der Pullover blinkt und leuchtet fast wie das Rentier in Amerika, abscheulich großartig oder großartig abscheulich. Die Frau ist in diesen Dingen sehr treffsicher. Ich sehe darin aus wie ein Rettungswagen. Sie meint es nur gut. Integration und so. Wir müssen wohl angekommen sein in England.

In diesem Sinne: Frohes Fest!