HOME

Last Call: Die Arschtritt-Wahlen

Die Nacht legte sich über Großbritannien, und die Insel färbte sich allmählich und unaufhaltsam violett. Landstrich für Landstrich, Ergebnis für Ergebnis. Violett sind die Farben von UKIP, United Kingdom Independence Party. Violett war die Farbe des Sieges. In den Fernsehstudios von BBC, ITV und Sky-TV saßen die Experten und interviewten niedergeschlagene Liberaldemokraten, Labour-Leute und Tories. Und als Kontrastprogramm siegestrunkene Vertreter von UKIP, voran Nigel Farage, 28 Prozent. Klarer Gewinner. Die Zeitungen schrieben am nächsten Morgen von „Farage’s political earthquake“, also einem Erdbeben, und wie er das Land im Sturm genommen habe. Farage, ein Freund der maßlosen Übertreibung, sprach diesmal korrekt vom „außergewöhnlichsten Wahlergebnis der vergangenen hundert Jahre“. Seit 1910 hatte keine Partei Labour und Konservative hinter sich gelassen.

Farage lachte also sein Farage-Lachen, breit und kräftig und laut. „Es war ein langer Weg“, sagte er. Vor 20 Jahren, die Partei war frisch gegründet, holte UKIP bei den Europawahlen ein Prozent. Sie war aus Protest gegen das Abkommen von Maastricht gegründet worden. Und man kann sagen: Sie hat sich in diesen 20 Jahren inhaltlich nicht entschieden weiter entwickelt. UKIP ist und bleibt eine Protest-Partei. Und der Erfolg, auch in dieser Höhe, war keine Überraschung und auch kein Erdbeben. Er beruhte auf simpler Rhetorik, und die verfing bei den Wählern – Angst vor Zuwanderung, die EU als bürokratisches Monster und zunehmende Entfremdung der großen politischen Parteien von den Wählern. Das reichte. Aber diese Rhetorik verfing ja nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa.

Der Morgen danach, die politische Landkarte hatte sich verändert und violett verfärbt.

Die Tories diskutieren, was sie etwas falsch gemacht haben, und kommen zu dem Schluss, dass sie gar nicht so viel falsch gemacht haben, weil es noch schlimmer hätte kommen können. Premier David Cameron schließt ein vorzeitiges Referendum über den EU-Verbleib oder den Austritt aus. Keine Notwendigkeit, sagt er.

Die Liberaldemokraten diskutieren, ob Parteichef Nick Clegg noch der richtige Parteichef ist.

Labour diskutiert, ob Parteichef Ed Miliband noch der richtige Parteichef ist.

Und die Sieger sonnen sich im Nieselregen, der aus grauen Wolken aufs Land tröpfelt.

Am Morgen danach beginnt schon der Alltag.

UKIPs Sieg heißt lange noch nicht, dass Großbritannien sich mit großen Schritten aus Europa verabschieden wird. Insofern täuscht das Ergebnis ganz erheblich. Nach einer aktuellen Meinungsumfrage votieren 50 Prozent der Briten für den Verbleib in der Europäischen Union, 41 Prozent dagegen. Je jünger die Wähler, desto europäischer ticken sie. Immer noch haben doppelt so viele Menschen europafreundlich als europafeindlich gewählt. Auch das ist Großbritannien am Morgen danach.

UKIPs Sieg zielt vielmehr nach innen als nach außen. Er ist eine Absage an Westminister. Und an London. Die Ergebnisse illustrieren drastisch, dass die Kluft zwischen der Hauptstadt und dem Rest des Landes immer größer wird. Der Norden darbt, der Süden stagniert, Wales verkommt, Schottland flirtet mit Abspaltung. Und London wächst, London blüht, London wird immer reicher und reicher, reichste Stadt Europas inzwischen. London ist wie ein großes gallisches Dorf, vor den Toren umtost von UKIP, die in London zwar auch auf 17 Prozent kommt, aber abgeschlagen hinter Labour und Tories liegt.Der Bürgermeister Boris Johnson schreibt in einem Kommentar vom „Bauernaufstand, den Brüssel nicht mehr ignorieren kann“. Aber dieser Johnson ist ein Teil des Problems. Denn seine Stadt ist wie ein schwarzes Loch, das ein Viertel des britischen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet und gefühlt alle Energie aus dem Land absorbiert. Und die politische Klasse verkörpert in den Augen vieler UKIP-Wähler eben jenes London.

Es waren Europa-Wahlen, aber die Briten haben über Britannien abgestimmt.

Es waren, wenn man so will: Arschtritt-Wahlen.

UKIP stellt künftig 24 Abgeordnete für Brüssel, elf mehr als vor fünf Jahren. Sie werden im Europaparlament eine merkwürdige inkohärente Allianz mit anderen Europa-Protestlern von ganz links bis ganz rechts bilden. Falls anwesend. Die Ukipians sind nämlich in ihrem Europa-Desinteresse zumindest konsequent und ergo selten da. Ihr stellvertretender Fraktionsvorsitzender Paul Nuttall sagte mal: „Ich behandele Brüssel mit der Geringschätzung, die es verdient.“

Brüssel ist nicht wichtig für UKIP. Europa ist nicht wichtig für UKIP. Westminster ist wichtig. Nigel Farage will nächstes Jahr mit Macht ins Parlament. Das ist das Ziel. Das treibt ihn.

Er wäre dann endlich angekommen in jenem Establishment, das er angeblich so verabscheut.