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Last Call: Holt die Kinder rein. Sie peitscht schon wieder…

Die Peitsche ist aus dem britischen Leben nicht wegzudenken. Weder als Instrument der Züchtigung noch als Institution. Der Einpeitscher, der Chief Whip, bekleidet sogar ein hohes politisches Amt. Der Chief Whip ist bei Konservativen und Labour dafür zuständig, die Abgeordneten auf Linie zu trimmen, falls sie von der Linie abweichen. Es gibt sogar einen stellvertretenden Einpeitscher und darüber hinaus noch jede Menge weiterer Peitscher und Assistenten, die heißen wirklich so: Assistant Whips.

Bis zum Frühsommer versah bei den Konservativen Michael Gove das Amt des Chef-Peitschers, neuerdings ist er Justizminister, also auch fürs Abstrafen zuständig. Gove sah und sieht so aus, als würde er ganz gerne einpeitschen. Er streitet leidenschaftlich und legte sich in seiner Zeit als Bildungsminister mit ungefähr der kompletten Lehrerschaft Großbritanniens an und war in etwa so beliebt wie Schäuble in Griechenland. Ergo der ideale Chief Whip. Jenseits von professionellen Peitschenschwingern wie Natalie Row. Sie betreibt das nämlich nicht nur metaphorisch. Vor zwei Jahren veröffentlichte Row ein Buch mit dem schönen Titel „Chief Whip – Memoirs of a Dominatrix“, und darin offenbarte sie, dass zu ihren Kunden auch ein konservativer Minister zählte, ein bekannter sogar. Sie verneinte allerdings explizit, dass es sich bei diesem Whip-VIP um den Schatzkanzler George Osborne handelt, einen Mann, der zwar wie ein Konfirmand ausschaut, es aber faustdick hinter den Ohren hatte. Sagt Row.

Und sie muss es wissen, schließlich hat sie ihm nach eigenem Bekenntnis bei einer Party in den wilden 90-er Jahren mal das Ohr geschleckt, was ihren damaligen Freund sehr aufbrachte, die Herren hernach aneinandergerieten und auf dem Boden rollten. Osborne wird als künftiger Premierminister gehandelt.

Nachbarn beklagen sich über Schreie aus dem Sado-Maso-Keller

Solche Geschichten machen in Großbritannien gerade die Runde, weil ein aktueller Fall die Gemüter nun ja: erregt. Es geht im weitesten Sinne um Nebengeräusche in der Ortschaft Orpington, südlich von London. In Orpington, 15 000 Einwohner, hört man am Wochenende normalerweise Rasenmäher-Geknatter, die Stimmen von Sportreportern aus dem Radio oder das Plop-Plop vom Tennisplatz. In diesen eher idyllischen Klangteppich mischen sich nunmehr auch fremde Laute. Denn in Orpington betreibt die einstige Konditorin Blanche Lloyd ein Dominatrix-Studio in einer bis dahin sehr ruhigen Straße und nennt sich in ihrem neuen Berufsfeld „Mistress Evilyne“. Ihre Kunden, war zu lesen, haben eigenartige und sehr britische Vorlieben. Neben dem notorischen Gesäß-Versohlen bietet Evilyne zum Beispiel auch Vollbäder in gebackenen Bohnen an. Ob die Hülsenfrüchte nach dem Ganzkörpergebrauch anschließend auch verzehrt werden, Full English Breakfast gewissermaßen, wird aus Evilynes Angebotskatalog leider nicht deutlich.

Nachbarn jedenfalls beklagten sich in dieser Woche über allerlei erstaunliche Geräusche aus ihrem Keller. Ein besorgter Vater erklärte, sein jugendlicher Sohn habe gesehen (und gehört) wie ein mit Handschellen gefesselter Mann gepeitscht worden sei. Was per se zwei weitere Fragen aufwirft: Was macht der Junge im Keller der Domina? Und: Hat’s ihm vielleicht sogar gefallen? Der Lärmpegel, sagen die Nachbarn, sei auf jeden Fall zu hoch und liege deutlich über dem gemütlichen Plop-Plop vom Tennis. Beim Tennis wird zwar zuweilen auch orgiastisch gestöhnt, aber offenbar nicht in Orpington. Als dann neulich phallusähnliche Gummiknüppel vor Mrs Evilynes Haustür lagen, wurde es den Leuten zu bunt und sie riefen die Polizei. Die Polizei erklärte, sie habe nichts Illegales im Keller finden können außer dem üblichen Sado-Maso-Gebimse und was man so braucht, wenn's richtig krachen soll. Bohnen und so.

Frau Evilyne tut das nun alles sehr leid. Sie ist an gut nachbarschaftlichen Beziehungen in ihrer kleinen Straße interessiert und hat die Anwohner auf ein Tässchen Tee und eine Besichtigungstour durchs Peitschen-Paradies eingeladen. Es läuft in toto auf viel Lärm um nichts hinaus. Evilyne wird ihren Mietvertrag nicht verlängern; das Gewerbe wächst, sie will sich vergrößern und irgendwo hinziehen, wo es noch einsamer ist als in Orpington. Dann ist wieder Ruhe im Ort, und man hört Rasenmäher und das Plop-Plop vom Tennisplatz, und Jugendliche langweilen sich zu Tode. Schade eigentlich.

Fifty Shades of Grey? Ist was für Weicheier

Den Menschen in Kent und auch anderswo sei ein etwas entspannterer Umgang mit diesen Dingen empfohlen. Vor wenigen Wochen legte Max Mosley seine Autobiographie vor. Mosley war im früheren Leben Rennfahrer und danach Chef des Motorsport-Weltverbandes FIA. Er hatte es aber auch jenseits davon zu großer Berühmtheit gebracht, und zwar nicht nur, weil seine Eltern bekennende Nazis waren und Hitler kannten. Sein Buch heißt „Formula One and beyond that“, „Formel 1 und darüber hinaus“. Die Leser in Britannien interessierten sich vor allem für das „darüber hinaus“. Auch Mosley hat eine legendäre und oft beschriebene Vorliebe für Peitschen und fürs Peitschen. Er wurde 2008 beim Vorspiel mit einigen Damen gefilmt, die ihm zu seiner großen Freude den Po verhauten. Mit der Peitsche selbstredend. Das mochte der Max. Die Veröffentlichung in einer Sonntagszeitung allerdings weniger. Er klagte erfolgreich gegen die „News of the World“.

Vieles davon steht in seinem Buch. Eine Zeitungsreporterin wunderte sich, wie offen Mosley über das alles spricht. Zum Beispiel darüber, dass die Filmchen immer noch im Netz kursieren und er sich sicher sein kann, dass ihn seine Gesprächspartner zuvor gegoogelt und womöglich auch gesehen haben, was sein Hintern so alles aushalten kann. Vielleicht kannte er das noch von früher aus Schule. Mosley ist inzwischen 75, aber durchaus noch aufgeschlossen für Modernes. Er hält„Fifty Shades of Grey“ für ein armseliges Druckerzeugnis. Nicht nur literarisch, das auch. Vor allem aber, weil es „vanilla“ sei, eher Stoff für Weicheier. Mosley mochte es stets etwas härter und verzichtete aufs Zuckerbrot. Seine Frau wusste von seinen Vorlieben nichts. Sie erfuhr es aus jener Zeitung, die er dann verklagte.

Man kann alles mögliche über Max Mosley sagen und seine Lust auf whips, auf die Peitsche. Aber ein whimp ist er bestimmt nicht. Das heißt auf Englisch: Feigling.