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Last Call: Kein Zug nach Nirgendwo. Das Londoner Bahnchaos

Jeder Journalist wünscht sich, einmal die Spitzenmeldung in den Nachrichten zu sein mit irgendeiner Geschichte. Jeder Journalist möchte das, wirklich jeder. Ich habe es geschafft.

Der Fairness halber sei erwähnt, dass es neben mir auch zirka fünftausend andere schafften, die meisten davon Nicht-Journalisten: Studenten, sehr viele Rentner und Rentnerinnen, Kleinkinder, größere Kinder, darunter die Töchter und die Frau. Ich wünschte mir heute, wir hätten es nicht in die Nachrichten geschafft. Ich glaube, dass sich das die mehreren Tausend anderen auch wünschten. Ein geplanter Ausflug mit der Bahn ins schöne Städtchen York endete nämlich am Ausgangspunkt der Reise. Zu Hause. Die englische Bahn, die Network Rail, hatte beschlossen und leider nicht verkündet, am zweiten Weihnachtstag und den folgenden Tagen Gleise zu reparieren. Sie schloss den Bahnhof Paddington und dann King’s Cross. King’s Cross ist ein ziemlich großer und überaus schöner Bahnof, Freunden der Harry Potter-Saga dürfte er ein Begriff sein, denn in King’s Cross bestieg der Nachwuchs-Zauberer in sieben Büchern und acht Filmen den Zug ins Zauberschloss. Potters Zug fuhr immer, auch Weihnachten. Aber das nur am Rande.

Nun ist es grundsätzlich keine dumme Idee, die etwas ruhigeren Tage zwischen den Jahren für Reparaturarbeiten an Gleisen zu nutzen. Es ist aber vielleicht keine so gute Idee, die Leute darüber nicht zu informieren. Es ist darüber hinaus auch keine gute Idee, den Zugverkehr von einem großen Bahnhof auf einen ganz kleinen Bahnhof umzuleiten. Das ist in etwa so, als würde Bayern München wegen dringender Toiletten-Reparaturen ein Heimspiel in Unterhaching austragen, es aber verabsäumen, die Anhängerschaft über den zeitweiligen Umzug zu informieren. Die verdutzten und leicht verärgerten Fans müssten sich dann von der Arena nach Unterhaching begeben und dort feststellen, dass die lokale Sportanlage entschieden zu klein für alle ist. So ungefähr war das in London. Das Londoner Unterhaching liegt im Stadtteil Arsenal, der Bahnhof „Finsbury Park“. Eine niedliche Station.

Nach drei Stunden hatten wir ungefähr 15 Meter geschafft

Als wir dort ankamen, war die BBC auch schon da. Die Tochter sagte: „Guck mal, deine Kollegen.“ Ich freue mich in der Regel sehr, wenn ich Kollegen treffe. In diesem Fall war meine Freude überschaubar, weil die lieben Kollegen das Chaos filmen wollten: frierende und schimpfende Menschen. Die Station „Finsbury Park“ kollabierte unter dem Ansturm von Tausenden. Wir standen in der Schlange, und an dieser Stelle muss man zum wiederholten Male den britischen Schlangen-Langmut preisen. Wir standen eine Stunde. Wir standen zwei Stunden. Wir standen drei Stunden. Ein Bahnmensch murmelte etwas aus dem Lautsprecher, es war unverständlich. Vielleicht wurden neben den Gleisen auch alle Lautsprecher überholt. Man weiß es nicht. Ein anderer Bahnmensch schnappte sich ein Megaphon und rief, dass die Wartenden bitte auf dem Bürgersteig und nicht etwa auf der Straße warten sollten. Also warteten wir auf dem Bürgersteig. Die Frau, sehr britisch, verteilte Kekse an weinende Kleinkinder. Eine Studentin twitterte neben uns: „Hey Leute, stellt den Fernseher an. Vielleicht seht Ihr mich.“ Die BBC und eigentlich alle britischen TV-Sender führten Interviews. Ein älterer Herr rief nach vier Stunden: „Wir würden gerne einen Verantwortlichen sprechen.“ Das war so ziemlich der größte Wutausbruch des Tages. Er bekam Applaus, aber der Verantwortliche gab gerade der BBC ein Interview: „We let the people down.“

Nach dreieinhalb Stunden hatten wir 15 Meter geschafft, der Bahnhofseingang nun einen Spalt breit offen. Drinnen auch Schlangen so weit das Auge reichte, aber keine Züge. Wir konnten das auf Twitter gut verfolgen. Die Züge warteten vor dem Bahnhof mit vielen Menschen drin, die nicht aussteigen konnten, weil der Bahnhof überfüllt war. Einer trat ein Fenster ein. Später fuhren dann Züge, entweder halbleer oder brechend voll.

Die ältere Tochter, recht gut in Mathe und Statistik, errechnete nach vier Stunden, dass wir in diesem Tempo 19 000 Stunden oder 792 Tage bis York brauchen würden. So viel Zeit hatten wir nicht, und also brachen wir das Unternehmen Ausflug ab und fuhren unverrichteter Dinge mit der überfüllten U-Bahn nach Hause. Zu Hause war das Chaos auch schon angekommen auf allen Kanälen im Fernsehen und als Spitzenmeldung aller englischen Zeitungen im Netz. Auf der Seite des „Guardian“ postete ein Schlaumeier, die Leute seien selbst schuld und schön doof, am Tag nach Weihnachten auf die Idee zu kommen, mit dem Zug fahren zu wollen. Zwei Millionen Leute reisen am Tag nach Weihnachten. Die meisten fahren heim und müssen wieder arbeiten. Zwei Millionen Idioten also.

Tags drauf schrieb ein Leser der „Times“ einen großartigen Leserbrief. Er sei selbst viele Jahre lang Bahnangestellter gewesen und wisse aus eigener Erfahrung, dass die meisten Verspätungen nichts mit Reparaturen zu tun hätten. Sondern damit, dass Bahnarbeiter schlicht verschlafen, gerade nach Weihnachten. Aber das würde natürlich niemand zugeben, weil verpennt noch schlimmer sei als verplant. Der Transportminister entschuldigte sich, die Bahner entschuldigten sich. Sie benutzten die schönen Worte „bedauerlich“ und „unglücklich“. Sie versprachen obendrein, nächstes Weihnachten werde alles besser.Das sagt die Bahn jedes Jahr, wie wir jetzt wissen. Im nächsten Jahr wollen wir unbedingt nach York. Soll schön sein dort. Und ganz besonders schön und nicht so überlaufen am Tag nach Weihnachten, wenn keine Züge fahren.