Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, Freunde des Bruttosozialprodukts! Schluss mit der Teilzeitfaulheit, diesem Halbtagsurlaub zulasten des deutschen Wohlstands. Die CDU will das Recht auf Teilzeit schleifen.
Ginge es nach dem Willen der wirtschaftsliberalen "Mittelstandsunion" hätte künftig nur noch ein Recht darauf, wer gewichtige Gründe wie zu betreuende Kleinkinder oder pflegebedürftige Angehörige vorbringen kann. In anderen Fällen müsste der Arbeitgeber zustimmen.
Schluss mit dem Teilzeit-Schlendrian
Der Vorschlag reiht sich ein in des Kanzlers Klage über die Bürgergeldfaulenzerei und den Vier-Tage-Schlendrian. Merz und der Wirtschaftsflügel seiner Partei haben ja recht: Es muss sich grundlegend etwas ändern, die deutsche Wirtschaft leidet, ihre Produktivität hat abgenommen. Nur haben die Probleme wenig mit der hohen Teilzeitquote von aktuell über 40 Prozent zu tun. Darum ein wenig Nachhilfe in Wirtschaft für die selbst erklärte Wirtschaftspartei.
Die Zahl der Beschäftigten liegt in Deutschland auf Rekordhöhe, auch die Summe der jährlich geleisteten Arbeitsstunden war nie höher. Allein die Zahl der jährlichen Überstunden entspricht je nach Berechnung bis zu einer Million Vollzeitstellen.
Lektion 1: Es mangelt an Innovation
Warum kommt die deutsche Wirtschaft nicht aus der Hüfte? Weil Produktivität das Verhältnis von Output und Input ist, einfacher gesagt: die hergestellte Warenmenge oder der damit zu erzielende Umsatz geteilt durch die verwendeten Mittel – Material und Arbeitsstunden. Die Produktivität steigt also erst dann, wenn bei gleicher Arbeitszeit mehr oder bessere Produkte hergestellt werden oder mehr Umsatz erwirtschaftet wird.
Mit anderen Worten: Um die Produktivität zu steigern, muss gerade nicht mehr gearbeitet werden, sondern besser. Was es dafür braucht, sind Innovationen, effizientere Verfahren, neue Technologien, klug investierende Unternehmer – und motivierte Mitarbeiter.
Studien zeigen, dass jene Firmen, die flexible Arbeitszeitmodelle bieten, eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit erreichen – und eine höhere Produktivität. Umgekehrt gilt: Je starrer die Arbeitszeit, desto größer das Risiko für die innere Kündigung.
Lektion 2: Es gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage
Die Partei der sozialen Marktwirtschaft sollte sich an die wichtigste Grundregel der Marktwirtschaft erinnern: das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Die Union ist in den 90er-Jahren stecken geblieben. Nur hat sich der Arbeitsmarkt in den meisten Branchen seither von einem Arbeitgeber- in einen Arbeitnehmermarkt gewandelt. War in den 90ern die Zahl der Jobs knapp, ist es heute die Zahl derer, die sie erledigen sollen.
Viele Arbeitgeber haben verstanden, dass sie attraktiv werden müssen, um Mitarbeiter*innen zu gewinnen. Ja, nicht wenige gendern dafür sogar! Sie bieten Führerschein, Homeoffice und: flexible Arbeitszeiten, inklusive der Möglichkeit zur Teilzeit. Andernfalls blieben ihre Stellen offen. Angebot und Nachfrage, ganz einfach.
Lektion 3: Vergraule nie deine Kunden
Man braucht an dieser Stelle also gar nicht das Dutzend praktischer Probleme aufzuzählen, die es bei der Umsetzung der Idee gäbe. Abgesehen von den politischen, denn nicht mal ein Teilzeit-Sozialdemokrat mit frühem Feierabend würde für ein solches Vorhaben die Hand heben.
Man steht davor und wundert sich. Dass ausgerechnet eine Partei, die sich Freiheit und Eigenverantwortung auf die Fahne geschrieben hat, auf die Idee verfällt, Menschen vorzuschreiben, wie viel sie arbeiten sollen. Dass sie nebenbei ein Viertel der Arbeitnehmer, die laut eigener Schätzung aus egoistischen Motiven nicht in Vollzeit arbeiten, als "Lifestyle-Teilzeitler" beschimpft. Beides ist angesichts der eigenen Zustimmungswerte allenfalls teilschlau.
Zumal es von einer Vorschrift zur Vollzeit nicht mehr weit ist bis zur allgemeinen Arbeitspflicht. Gilt demnächst auch für all jene, die sich erfrechen, gar keiner geregelten Arbeit nachzugehen, weil sie vom Gesparten oder Ererbten leben: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt? Das wird man jetzt schon mal fragen dürfen.