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Last Call Monster, Elvis, Einhorn und ein U – die Briten wählen


Am kommenden Donnerstag sind Wahlen in Großbritannien. Als Deutsche dürfen wir nicht teilnehmen. Obschon gerade eine deutsche Bekannte erzählte, dass sie wiederum einen deutschen Bekannten hat, der immer wählt. Und zwar nicht nur bei Europa- oder Kommunalwahlen, denn das darf man, sondern auch bei den Parlamentswahlen. Er lebt seit 20 Jahren in London, registriert sich einfach, geht hin, und noch nie wurde er nach seinem Pass oder irgendeiner Meldebescheinigung gefragt. Die Briten sind einfach zu freundlich. So weit würde ich nicht gehen. Schon deshalb nicht, weil ich bis vor kurzem wirklich nicht wusste, wen ich überhaupt wählen sollte. Die Tories? Niemals. Labour? Auch nicht viel besser. Die Grünen? Längst nicht so grün wie die Grünen in Deutschland. Die Liberalen? Ähnlich überflüssig wie die Liberalen in Deutschland. Die Schotten? Grundsätzlich sehr sympathisch, aber doch sehr schottisch.

Neulich kriegten wir Post von einer Partei, die einfach nur U heißt. Wofür das U steht, ging aus dem Faltblatt nicht hervor. Es könnte die Abkürzung für You sein. Oder für Union. Oder es ist ganz einfach eine Hommage an einen schönen Vokal. Vielleicht hätte die Partei auch A, E, I, O heißen können. Man findet dazu auch nichts im Internet. Es muss eine ganz neue Partei sein, und sie muss irgendwas mit Renten zu tun haben und mit der Freigabe von Drogen. Womöglich ist es eine Kombination aus beidem: freie Drogen für alle Rentner. Wir fallen noch nicht ganz in die Zielgruppe Rentner, aber dennoch: Die U Party war mir aus mehreren Gründen gleich nahe. Sie haben ein Manifest, und darin steht, dass der Kandidat für unseren Wahlkreis auf keinen Fall vorbeikommt und klingelt und einen zudröhnt mit seinem Programm. Er will bis auf dieses Faltblatt auch keine weitere Post mehr schicken und sich im Falle seiner Wahl „würdevoll und zurückhaltend“ verhalten. Er sei ein ruhiger Vertreter.

U würde von den Franzosen gerne Frankreich haben

Ansonsten? „Die EU ist nicht perfekt, aber alternativlos.“ Die U-Leute sind außerdem für Immigration und weniger Gesetze. Das alles klang sehr vernünftig. Außenpolitisch hätten sie gerne die alten Besitztümer aus Zeiten von Henry II (1133 – 1189) von den Franzosen zurück. Fast ganz Frankeich gehörte damals den Engländern. Wenn das die Franzosen nicht zurückgeben wollten, sei das aber auch gut. Außerdem verspricht U, dass sie gar nichts versprechen und Koalitionen eingehen würden mit allen, die gern mit U was anfangen würden. Außer mit UKIP, den Europafeinden. U empfiehlt seinen potentiellen Wählern noch, dass sie die Finger von der „Daily Mail“ lassen sollten, einer in der Tat recht ekelhaften Zeitung, die ständig gegen Immigranten hetzt. Noch ein Pluspunkt.

U wurde mir immer sympathischer. Ich würde sie glatt wählen, dürfte ich.

Nun gibt es hierzulande eine ganze Reihe von verrückten und deshalb sympathischen politischen Gruppierungen. Sie haben hier Parteien für alle und alles mögliche. Die Fancy Dress Party, die MP3 Party, die Church of Militant Elvis Party oder die Teddy Bear’s Alliance. Außerdem insgesamt neun mit dem Präfix „Socialist“. So viele gab es nicht mal in der DDR, selig.

Ein echter Kandidat aus einem Monty Python-Sketch

Bis zu dem Faltblatt war die „Monster Raving Loony Party“ mein klarer Favorit. Und zwar schon wegen ihres prominentesten Parteimitgliedes Tarquin Fin-tim-lin-bin-whin-bim-lim-bus-stop-F’tang-F’tang-Olé-Biscuitbarrel, der eigentlich John Desmond Lewis hieß, vor Gericht aber erstritt, dass er sich hochoffiziell Tarquin Fin-tim-lin-bin-whin-bim-lim-bus-stop-F’tang-F’tang-Olé-Biscuitbarrel nennen darf wie der bekloppte Politiker in einem alten Monty Python-Sketch aus den 70-er Jahren.

Tarquin Fin-tim-lin-bin-whin-bim-lim-bus-stop-F’tang-F’tang-Olé-Biscuitbarrel trat 1981 bei einer Nachwahl in Crosby an und bekam immerhin 223 oder 0,4 Prozent der Stimmen. Auch die „Monster Raving Loony Party“ verfügt selbstverständlich über ein Manifest wie es sich für jede richtige Partei gehört. Sie fordern zum Beispiel, dass Nahrungsmittel vernünftig gekennzeichnet werden – „nur zur oralen Einnahme“ oder „enthält Spuren von echten Nahrungsmitteln“. Beim Tierschutz setzen sie sich für den Erhalt des Einhorns ein. Und Wettervorhersagen sollen nicht mehr bezuschusst werden, weil sie ohnehin immer falsch sind. Die Fördermittel sollten vielmehr zur Klärung der Frage aller Fragen genutzt werden: Was war eher da – Henne oder Ei?

Auch das kann ich alles unterschreiben.

Gestern klopfte es an unserer Tür. Draußen stand eine junge Frau von der Labour Party. Sie fragte, ob ich mich für die Wahlen interessiere. Ich antwortete wahrheitsgemäß mit ja. Dann fragte sie, ob ich mich schon entschieden hätte. Ich sagte wahrheitsgemäß, wir seien Deutsche. Daraufhin sagte sie: Oh. Und ich sagte: U.


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