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Last Call: Schnorrer, Schafe, Schweine – Eine Reise durch Anti-Europa

In dieser Woche wurde ich fast jeden Morgen und Abend beschimpft, oft als Abschaum, mal als Drecksack, manchmal auch als Schnorrer. Jeden Morgen und Abend teilten mir vor allem junge und überaus wütende Menschen mit, dass ich in ihrer Stadt nicht erwünscht sei. Der Ordnung halber sei erwähnt, dass nicht nur ich nicht erwünscht war, sondern auch 2000 andere Menschen. Manchmal flogen auch Eier. Bei den Eierwerfern handelte es sich um Demonstranten, und bei den Bepöbelten um Delegierte des Parteitags der britischen Konservativen. Sie hatten sich Manchester als Tagungsort ausgesucht. Eigentlich ist Manchester eine Stadt mit freundlichen Menschen.

Das Erstaunliche war, dass ich grundsätzlich eine gewisse Sympathie für die Leute hatte, die mich bepöbelten, weil sie mich offenkundig für einen Tory hielten. Sie demonstrierten gegen die Kürzung von Sozialleistungen. Ich kann das verstehen. Ein etwas freundlicherer Demonstrant trug eine Schweinemaske und befragte die Delegierten, die in einer langen Schlange vor dem Eingang standen und insofern eine prima Zielscheibe für Eier und Pöbeleien abgaben. Der freundliche Demonstrant trug deshalb eine Schweinemaske, weil zur Zeit in Großbritannien eine wenig schmeichelhafte Biographie über den Premierminister David Cameron großes Thema ist, in der behauptet wird, der junge David habe als Student seine „private parts“ ins Maul eines verblichenen Schweins gesteckt. Vermutlich ist das großer Quatsch. Dennoch überall Leute mit Schweinemasken. Der Schweine-Maskenmann fragte mich, was einen Deutschen denn an dem Parteitag der Konservativen überhaupt interessiere, und ich antwortete wahrheitsgemäß: Europa und das bevorstehende Referendum.

Er nickte und fragte den Nächsten in der Schlange. Der wollte aber nicht mit einem Schwein reden.

Ein Schießstand in der Konferenzhalle. Seltsam.

Man muss wissen, dass Parteitage der Konservativen ganz anders sind als die von Labour. Die Tories kleiden sich bei Parteitagen so, als gingen sie zu einer Hochzeit. Die Männer in gedeckten Anzügen, die Damen im Kostüm. Sogar junge Tories kleiden sich so und sehen mit Anfang zwanzig aus wie Mitte vierzig. Sie reden auch so. Bei Labour haben verhältnismäßig viele Leute Jeans und knittrige Jacketts an und einige sogar rote T-Shirts mit der Nummer 17 und der Buchstabenkombination „Lenin“ auf dem Rücken. Es gibt Stände, die zur Solidarität mit Kuba auffordern oder mit Bauern in Nicaragua; bei den Tories gibt es Stände von bekannten Londoner Herrenausstattern und einen „Shooting Simulator“, einen Schießstand, in einem schwarzen Zelt. Davor Männer in Krawatte darauf warten, das sie drinnen ein bisschen ballern dürfen. In Amerika hätte mich das nicht weiter überrascht, in Manchester schon ein wenig. Schießen sei sozial und fördere das Gemeinschaftsgefühl, stand auf einem Plakat der Schützen.

Schießstand in der Halle. Die Herren warten geduldig, ballern und hören sich dann Reden an

Das Gemeinschaftsgefühl bei den Tories fördern darüber hinaus aber vor allem Veranstaltungen, die sich kritisch mit Europa beschäftigen. Sie heißen „Fringes“, was so viel wie am Rande bedeutet. Ich beschloss, mir möglichst viele Randveranstaltungen zum Thema Europa anzuschauen. Das war relativ leicht, weil zirka jeder zweite Fringe mittelbar oder unmittelbar mit der EU zu tun hatte.

Geschichten von Schafen und vom Abgrund

Der erste war in einem Zelt, auf der Bühne saßen der Kolumnist Tim Montgomerie von der „Times“, Nile Gardiner von der Margaret Thatcher-Stiftung, der sehr anti-europäische Abgeordnete Owen Paterson und Matthew Elliot, der als Chef von „Business for Britain“ Britannien gern aus Europa führen würde. Das Zelt war randvoll und die Luft dick und schlecht. Paterson sagte, in Wahrheit sei es so, dass nicht die Briten die EU verlassen würden, sondern dass die EU Britannien verlassen würde. Dann erzählte er zur großen Erheiterung des Auditoriums, dass er mal in Neuseeland war bei einem Treffen von Veterinären. Es ging um Schafe, und Paterson erfuhr in Neuseeland, dass für die 26,5 Millionen britischen Schafe die EU zuständig sei. Ich fand das irgendwie logisch und allemal näherliegend als Veterinäre vom anderen Ende der Welt, aber Paterson war sehr erzürnt. Und die Tories im Zelt mit der dicken Luft auch. Vielleicht waren viele Schafzüchter unter ihnen.

Der Kolumnist sagte, dass es auch im Sinne von Europa sei, wenn die Briten gingen. Europa sei ein Kontinent im Niedergang. Und der Mann von der Thatcher-Stiftung erinnerte an Frau Thatcher, die mit dem heutigen Europa bestimmt gar nichts anfangen könne. Die Veranstaltung im Zelt lief unter dem etwas erstaunlichen Titel „Sollen die Amerikaner den Brexit unterstützen?“ Und weil das der amerikanische Präsident nicht tut, sondern im Gegenteil wünscht, dass die Briten dabeibleiben, schimpften die Herren auf der Bühne dann auch noch auf Obama.

Es gab viel Applaus.

Draußen grölten die Demonstranten. Durch die Zeltwände drang ein zartes, aber doch deutlich vernehmbares „Tory-Scum“.

Bei einer anderen Veranstaltung in einem benachbarten Hotel sprach der Europaminister David Lidington, ein Mann von sagenhafter politischer Blässe. Die Luft war besser als im Zelt und Lidington offenbar angehalten, nicht ganz so doll auf Europa zu schimpfen. Er sagte sogar, dass 85 Prozent der britischen Geschäftsleute dafür seien, in der EU zu bleiben. Während er einigermaßen zahm sprach, wurde in einem Nebenraum sehr heiter über einen „optimistischen Ausblick eines Post-EU-Großbritanniens“ diskutiert. Auf der Bühne saßen wieder der Europafeind Paterson und der Kolumnist von der „Times“. Paterson erzählte wieder die Geschichte von den 26,5 Millionen Schafen und auch, dass Paris heute eine ziemlich traurige Stadt sei. Und der Kolumnist erzählte wieder, dass auch Europa froh sein könne, wenn die Briten sich lossagten. Und ich ertappte mich nach fünf Stunden EU-Gedröhn erstmals mit einem verstohlenen Nicken.

In einem Hotel lud dann ein Think Tank zu einem Empfang mit „kontinentalem Bier“.

Die schrecklich schroffe Rede der Innenministerin

Am nächsten Tag gab es etwa zwei Dutzend Veranstaltungen mit anti-europäischem Klang. Vor allem aber gab es eine Rede der Innenministerin Theresa May. Frau May wird als Nachfolgerin von David Cameron gehandelt und ist, man kann es nicht anders sagen, eine unangenehme Person. Sie sagte ziemlich ungeheuerliche Dinge. Es lief auf die Formel hinaus: Immigranten nehmen Briten die Arbeitsplätze weg, Studenten sollen nach ihrem Abschluss wieder zurück in die Heimat gehen, Zuwanderung auch aus der EU müsse kontrolliert werden. Und die Deutschen würden schon sehen, wohin sie ihre Großzügigkeit in Asylfragen bringe. Ich fühlte mich in diesem Moment ziemlich deutsch.

Im überfüllten Zelt wird gegen die EU gewettert, und draußen lauschen die Delegierten

In der Mittagspause rechnete glücklicherweise eine Dame eines eher immigrationsfreundlichen Think Tanks vor, dass all das, was Frau May soeben gesagt habe, grober Stuss sei. Allein in London lassen ausländische Studenten pro Jahr 2,3 Milliarden Pfund. Das bekamen aber nicht sehr viele mit. Denn es handelte sich bei diesem Event offenkundig um eine Randveranstaltung der Randveranstaltungen. Nur ein paar Versprengte hatten sich eingefunden, sie hätten vermutlich besser zu Labour gepasst. Die kernigen Anti-Europäer saßen simultan in überfüllten Sälen und Zelten und hörten Geschichten vom Abgrund und Schafen. Abends sprach schließlich erstaunlich optimistisch und positiv der Außenminister Philip Hammond. Hammond galt mal als kompletter Hardliner. Heute wirkt er fast wie ein Pro-Europäer. Vielleicht klang er aber nur so milde, weil die schroffen Worte seiner Kollegin May schmerzhaft hallten.

Nach zehn Stunden und etwa acht Fringes hatte ich genug. Ich schlenderte dem Ausgang entgegen, die Demonstranten brüllten wieder Arschloch und Drecksack und dass ich unerwünscht sei in ihrer Stadt. Ich lächelte möglichst freundlich, ging auf einen zu und sagte ihm, dass ich heute sinngemäß schon mal Ähnliches gehört hätte von seiner Innenministerin.

Das war dem Demonstranten erkennbar peinlich. Er entschuldigte sich höflich und wünschte mir noch einen schönen Abend.