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Last Call: Tim Mälzer, Jamie Oliver und die Frauenfrage

Zu den Dingen, die ich für komplett überflüssig halte, gehören Fanklubs des FC Bayern und Kochshows im Fernsehen.

Das ist natürlich eine Frage des Geschmacks und der persönlichen Neigung. Der Zufall, in diesem Fall mein Arbeitgeber, wollte es, dass ich die beiden berühmten Köche Jamie Oliver und Tim Mälzer in London interviewe, was angesichts unseres Wohnortes nahe lag. Ansonsten eher weniger. Die Frau des Hauses amüsierte sich sehr darüber, weil ich in Sachen Essenszubereitung ein ausgewiesener Tölpel bin und dazu stehe, weil ich dazu stehen muss. Zu Studentenzeiten ernährte ich mich mehr oder weniger ausnahmslos von Brot, Spiegelei oder Nudeln. Salat auch, bei Frauenbesuch.

Wenn bei irgendwelchen Anlässen die Rede aufs Kochen kommt und Frauen davon schwärmen, wie großartig ihre Männer kochen können, mehrgängig und Kresse-Süppchen vorab, schaue ich eher betreten. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich finde es toll, wenn Männer gut kochen. Aber ich finde es genauso toll, wenn Frauen gut kochen. Schon aus emanzipatorischen Gründen und wegen der Quote.

Ich nahm mir für das Interview fest vor, die beiden Star-Köche zu fragen, warum es zumindest im Fernsehen mehr gute Männer- als Frauenköche gibt.

Das Gespräch war für den späten Vormittag terminiert in Jamie's Food Tube Studio, einem alten Fabrikgebäude, zweiter Stock. In dem Loft-artigen Raum saßen ganz viele junge Menschen an Laptops, 90 Prozent Frauen und die zu 100 Prozent jung und hübsch. Im Hintergrund schnibbelte Jamie Oliver in einer Versuchsküche schon für das niederländische Fernsehen. Eine blonde niederländische Frau interviewte ihn, und Jamie rief irgendwann „Hey Netherlands“. Dann war die Zeit abgelaufen für die Niederländerin, und die BBC war dran. Oliver und ein BBC-Mann schnibbelten eine halbe Stunde und plauderten über Gemüse und Kinder, denn es sollte eine Kindersendung werden.

Tim Mälzer war inzwischen eingetroffen, er ist ein alter Freund von Jamie. Die beiden kochten in den 90-er Jahren gemeinsam im „Neal Street Restaurant“. Und nach der Schicht gingen sie einen trinken. Tim Mälzer ist ein Typ, mit dem es bestimmt großen Spaß macht, nach der Schicht einen trinken zu gehen. Oder zwei. Er sprach von New York und dass er dort gerne irgendwann ein Restaurant eröffnen würde. Das ist so ein Traum von ihm. In New York ist Mälzer kein Star, sondern einer, der unerkannt durch die Straßen laufen kann. Das mögen alle Stars an New York. Pepp Guardiola konnte auch unerkannt durch New York laufen und wurde nicht ein einziges Mal mit Matthias Sammer verwechselt. Auch das spricht für New York.

Ich erzählte aus unseren sieben Jahren in New York und dass ein gutes deutsches Restaurant dort bestimmt eine tolle Idee sei. Als wir dort lebten, gab es nämlich neben den üblichen Weißbier- und Kölschkneipen nur einen Deutschen, der Bratwürste auf der Fifth Avenue verkaufte und derart legendär unfreundlich war, dass ihn alle nur „Wurst-Nazi“ nannten. Das wird Tim Mälzer nie passieren. Er ist ein freundlicher Deutscher, der dort auch nicht deutsch kochen würde, sondern modern und mediterran eingefärbt und nur ein bisschen deutsch. Er nannte es in perfektem Denglisch „deutsch based“.

Dann war Jamie Oliver fertig mit der BBC und fiel Tim in die Arme. Jamie sagte: „Du bist ja wieder Single.“ Tim sagte: „Hast du abgenommen?“

Jamie Oliver glaubte irrtümlicherweise, wir hätten uns schon einmal für ein Interview getroffen, was ich glaubhaft mit dem Hinweis auf mein Durchschnittsgesicht dementieren konnte; und Mälzer sagte, dass er mich vielleicht mit Reinhard Mey verwechseln würde. Aber den kannte Jamie auch nicht.

Das Interview handelte dann im Wesentlichen von unappetitlichen Dingen, von den Schattenseiten des Essens. Zwei Köche, die nicht um den heißen Brei herumredeten. Es ging viel um Politik und Industriefraß, der krank und dick macht. Es ging auch um Amerika, wo Jamie Oliver vor einigen Jahren eine TV-Serie des Inhalts drehte, wie er in der ungesündesten Stadt des Landes, Huntington in West Virginia, den Leuten beibringen wollte, ein bisschen weniger ungesund zu leben. Hoffnungslos. Es ging am Rande um Mäusekacke, die Anfang des Jahres in einer von Jamies Metzgereien gefunden worden war. Es ging um Ernährung in Schulen und darum, dass künftig eher Kinder für ihre Eltern haften. Die beiden erzählten von ihren Projekten mit Kindern und an Schulen. Um so was ging es. Jedenfalls flog ich als Koch-Depp nicht auf.

Irgendwann gegen Ende war die Zeit gekommen für die Frauen-Frage. Jamie Oliver sagte, dass er uns nun etwas verraten würde, was er keiner englischen Zeitung verraten würde. Zu Hause kocht nämlich seine Frau für ihn und die vier Kinder. Vor allem simple Sache. Simple Sachen könne sie richtig gut. „Sie ist, das darf ich sagen, keine herausragende Köchin.“

Ich war sehr glücklich über diesen Verrat. Ein Lob den simplen Sachen. Ich stellte mir vor, wie Jamie Olivers Frau Nudeln macht und Spiegelei. Und fühlte mich nicht mehr ganz so allein.