Last Call Warum mögen Engländer die Deutschen plötzlich?

Last Call: Warum mögen Engländer die Deutschen plötzlich?

Wir haben in den vergangenen Monaten ein paar erstaunliche Dinge erlebt in London. Sehr erstaunlich und zuvor nie erlebt ist zum Beispiel, dass uns mitten in der englischen Hauptstadt dazu gratuliert wurde, Deutsche zu sein. In ENGLAND. GRATULIERT.

Es war im Sommer kurz nach der Fußball-WM. Die Frau und ich saßen draußen in einem Café und sprachen deutsch miteinander, ein Kellner kam an unseren Tisch und sprach „German? Congrats on your win“. Ich wollte erst protestieren, denn was kann ich schon für Mario Götze? Die Frau sagte: „Nun lass ihn doch.“ Und also nahm ich es hin und dachte: Entweder ist irgendwas gravierend faul. Oder gravierend neu. Unserer Tochter wurde sogar ein Eis spendiert. Sie studiert in Manchester, und früher pflegten wir ihr zu sagen, bloß kein Eis oder Schokolade von fremden Männern anzunehmen. In diesem Fall machte sie eine Ausnahme, obwohl sie sich gar nicht für Fußball interessiert und erst seit dem Finale weiß, wer Mario Götze ist.

Etwas ist offenbar in Bewegung geraten im englisch-deutschen Verhältnis. Und das hat nicht nur, aber vielleicht auch mit Fußball zu tun. Am Morgen des Weltmeisterschaftsfinales 1966 zwischen England und Deutschland schrieb der Kolumnist Vincent Mulchrone in der „Daily Mail“ eine Kolumne und darin einen legendären Satz, weil er die englische Psyche spiegelte: „West-Deutschland könnte uns heute in unserem Nationalsport besiegen, das wäre nur fair. Wir besiegten sie ja zweimal in ihrem.“

Nach dem völlig zu Unrecht gewonnenen Finale von Wembley wurde daraus das schöne Bonmot „Two World Wars and one World Cup“ und daraus wiederum eine Blaupause der englisch-deutschen Beziehungen für ein paar Jahrzehnte. Im Fußball gewinnt England gegen Deutschland inzwischen eher selten, aber die siegreichen Kriege bleiben für immer und seit Ewigkeiten.

Der Botschafter beschwerte sich – "The Sun meets the Hun"

Die Frau wuchs in England auf, sie ging erst auf eine englische, dann auf die deutsche Schule in London. Die Lehrer sagten den deutschen Schülern ständig: „Vergesst nie, dass Ihr Botschafter Eures Landes seid.“ Und also saßen sie im Bus und ließen „Heil-Hitler“-Gejohle über sich ergehen und hielten einfach den Mund, weil eben junge deutsche Botschafter ihres Landes. Einem richtigen Botschafter, Gebhardt von Moltke, gingen die ewigen Nazi-Vergleiche in den hiesigen Boulevard-Zeitungen und im Fernsehen irgendwann derart auf die Nerven, dass er Ende der 90-er Jahre ein Treffen mit den Machern der Krawall-Zeitung „Sun“ anberaumte, um mal ein paar Dinge klarzustellen. Zum Beispiel, dass nicht alle Deutschen Nazis seien und Lederhosen trügen und unentwegt Sauerkraut und Wurst äßen. So was sagte er. Aber irgendwie war die Zeit offenbar noch nicht reif für die Verbesserung der bilateralen Beziehungen. Das Interview erschien jedenfalls mit einer gewohnt spöttischen Zeile „The Hun meets the Sun“.

Und nun: Ist die Zeit reif. Tauwetter mindestens. Respekt, fast Zuneigung. In den Zeitungen erscheinen erstaunliche Essays darüber, was man alles von Deutschland lernen kann. Vor allem Fußball natürlich, don't mention the score. Aber auch Wirtschaft und Autos. Und natürlich Wurst und sogar Wein.

Man fragt sich in Umkehrung des amerikanischen Spruches aus der Post-9/11-Ära „Why do they hate us?“ nunmehr aufrichtig und auf deutsch: Warum mögen sie uns? Und zwar so plötzlich?

Bei den Parteitagen von Tories und Labour war Deutschland großes Thema als permanente Referenzgröße. Die Deutschen machen dies, die Deutschen machen das. Müssen wir nicht auch? Es war mir fast peinlich.

Im ehrwürdigen British Museum in London läuft ab heute die Ausstellung„Germany – Memories of a Nation“ und im Radio eine gleichnamige, 30-teilige Serie über das moderne Deutschland. Die Idee dazu hatte der Museumsdirektor Neil MacGregor, ein Schotte, der in den 60-Jahren mal in Hamburg lebte und vornehmlich den Briten nun das andere Deutschland erklären will. Er erzählt dieses moderne Deutschland auf der Folie von 600 Jahren deutscher Geschichte. Goethe, Luther, Gutenberg, Riemenschneider, Meißener Porzellan, ein Stück Berliner Mauer ein Pappschild in den Umrissen des vereinigten Deutschlands mit „Wir sind in Volk darauf". Unten im Foyer grüßt die Besucher ein VW-Käfer, Baujahr 1953, das Wirtschaftswunder-Symbol.

Und oben in der Ausstellung hängt Ernst Barlachs an den Kriegsschrecken mahnende Skulptur „Der Schwebende“ mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz. Das Ganze ist ziemlich schlau gemacht. MacGregor reiste dafür durch Deutschland und weiter ostwärts bis nach Königsberg und westwärts bis nach Straßburg. Seine Serie im Radio ist das vielleicht Klügste, was es zu diesem Thema gibt. Eine Mischung aus Bildungsbürgertum, Nachhilfe und bester Unterhaltung. Das können die Briten. Das können sie besser als Deutsche. „Seit 1990 ist Deutschland ein neues Land. Und ein neues Land braucht eine neue Geschichte“ , sprach MacGregor. Und dann sagte er den schönen Satz: „Es gibt keine EINE Geschichte.“

Eine neue deutsche Welle schwappt durchs Land und insbesondere durch die Hauptstadt. Die Royal Academy of Arts ehrt die Arbeit von Anselm Kiefer, den „Koloss der zeitgenössischen Kunst“, und die Marian Goodman Gallery präsentiert noch so einen Koloss, Gerhard Richter. Etwas ist wirklich in Bewegung geraten. Deutschland ist gerade sehr in.

Als die „Bild“-Zeitung im Sommer eine Suada über englische Touristen druckte und ihnen Wodka-Husten, Dauer-Sonnenbrand und Unterhosen-Amnäsie attestierte, hätte das vor Jahren noch einen deutsch-englischen Medienkrieg ausgelöst. Statt dessen gab es lediglich ein paar handzahme und langweilige Konter und Hinweise auf die alte Handtuch-Nummer am Pool, und die „Times“ druckte ein Stück, das die nicht ganz ernst gemeinte „Bild“-Analyse ziemlich ernst nahm und sich erstaunlich aufrichtig mit der Reputation englischer Touristen im Ausland beschäftigte. Fast hätten sie sich noch bei „Bild“ bedankt für so viel teutonisches Aufklärertum über besoffene britische Teenager, die keine Unterhosen tragen. Es war mir wieder fast peinlich.

"Wen müssen wir hassen? Frankreich. Und noch mal Frankreich"

Es geht fast furchterregend friedfertig zu zwischen den alten Widersachern. Vielleicht liegt das ganz profan auch daran, dass die Insel eine ganze Reihe von traditionellen Erzfeinden hat und Deutschland in der Erzfeind-Tabelle ganz einfach auf dem absteigenden Ast ist. Vor der WM brachte die „Sun“ einen kleinen Ratgeber unter dem Titel „Whom do we hate“ – wen wir hassen müssen. Dort stand dann: „Argentinien, Uruguay, Frankreich, Deutschland. Und noch mal Frankreich.“

Die gesunde Abneigung gegen Frankreich, muss man wissen, toppt seit Jahrhunderten die gesunde Abneigung gegen Deutschland. In der vergangenen Woche geiferte der Chef der englischen Kaufhauskette John Lewis, Andy Street, gegen die Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals, Frankeich sei ein erledigtes Land, in dem „nichts funktioniert, und schlimmer, es auch niemanden schert, dass nichts funktioniert“. Die Nation sei „erstarrt, hoffnungslos und depressiv“. Mister Street hatte soeben in Paris einen Preis bekommen bei einer Business-Konferenz. Aber auch der Preis gefiel ihm nicht, „aus Plastik und ganz ehrlich abscheulich“. Der Preis sah wirklich schrecklich aus. Für den Rest musste er sich entschuldigen.

Tat er auch. Aber irgendwie widerwillig. Tief im Herzen hielt er’s vermutlich mit Victoria Wood, der wunderbaren, englischen Komödiantin, die das hiesige Frankreich-Bild unvergessen plakativ zeichnete: „Wir landeten in Boulogne, ich sah die Toiletten und wusste: Hier gibt es keinen britischen Konsul.“


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