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Last Call: Zwei Millionen Worte für ein Wort: Kriegslüge

Vor einigen Jahren hatte ich mal mit dem irakischen UN-Botschafter zu tun. Er hieß Mohammed Aldouri, war klein von Statur und hatte die wenigen ihm verbliebenen Haare vorsichtig über seinen Schädel gelegt. Das war aber sein geringstes Problem. Er hatte noch ein paar andere. Das größte von ihnen: Aldouri arbeitete als Gesandter von Saddam Hussein, und also man glaubte ihm nicht. Vor allem glaubten ihm die Amerikaner und Briten nicht. Der kleine Mann beteuerte vor der UN immerzu, dass sein Land keine Massenvernichtungswaffen mehr habe.

Einmal stand er auf dem Flur des großen UN-Gebäudes und wirkte reichlich verzweifelt. Ein Kollege und ich stellten uns zu ihm, und Mohammed Aldouri begann fast zu weinen. Er drehte eine Gebetskette zwischen seinen Fingern und sagte: „Ich weiß einfach nicht mehr, was ich sagen soll. Die Waffen wurden vernichtet. Vielleicht müssten wir neue bauen und im Sand verbuddeln, damit die Inspektoren welche finden.“ Wir glaubten ihm das. Ein Bauchgefühl. Seine Verzweiflung war sehr echt. Außerdem hatten wir noch etwas Mitleid wegen seiner doch sehr unglücklichen Frisur. Das war im Frühjahr 2003, wenige Wochen vor dem Krieg.

Drei Herren und eine Dame wühlen seit sechs Jahren in Akten

Der Welt wäre verdammt viel Ärger erspart geblieben, wenn mehr Leute dem kleinen Mann in New York geglaubt und sich auf ihr Bauchgefühl verlassen hätten. Zuletzt musste ich jedenfalls häufiger an ihn denken. Denn der Irak-Krieg ist sehr präsent in Großbritannien. In einem unscheinbaren Backsteingebäude im Londoner Regierungsviertel tagen seit sechs Jahren regelmäßig drei ältere Herren und eine Baroness. Sie tauchen dort in die Vergangenheit ein, aber ihre Arbeit reicht tief bis in die Gegenwart – die Runde versucht zu klären, ob die Invasion des Irak von britischer Seite aus gerechtfertigt war.

Die Aufarbeitung dauert inzwischen fast so lange wie der Krieg selbst; sie hat bislang zehn Millionen Pfund (rund 13,5 Millionen Euro) gekostet. Die Runde sichtete 150 000 Regierungsdokumente und vernahm 130 Zeugen, darunter Ex-Premierminister Tony Blair und den ehemaligen Außenminister Jack Straw. Regelmäßig trat der Vorsitzende Sir John Chilcot an die Öffentlichkeit und beteuerte, es werde nicht mehr lange dauern mit dem Report, der sogar nach ihm benannt ist. Das sagt er seit zwei Jahren, und die traditionell ziemlich geduldigen Briten verlieren darüber die Geduld. „Tolstoi brauchte für ‚Krieg und Frieden’ weniger Zeit als Chilcot für den Bericht“, ätzte der „Independent“. Jetzt soll er endgültig im Sommer erscheinen. Er umfasst sagenhafte zwei Millionen Worte, aber der Inhalt lässt sich in paar Sätzen zusammenfassen: Die Invasion beruhte auf Fehlinformation und Fehlinterpretationen und war obendrein militärisch übereilt. Wahrscheinlich kann man das Ergebnis des Konvoluts sogar auf ein Wort herunter destillieren: Kriegslüge. Massenvernichtungswaffen, der ursprüngliche Grund, wurden natürlich nicht gefunden. Sie hätten auf den kleinen Iraker aus New York hören sollen.

Statt dessen hörten sie auf Tony Blair, der sich im Aufgalopp des Krieges ziemlich janusköpfig verhielt. Vor der kriegsskeptischen britischen Öffentlichkeit eher zurückhaltend und offiziell alle Optionen auslotend, im Dialog mit seinem Kumpel George W. Bush aber kriegslüsterner. Das zumindest steht in einem jüngst aufgetauchten Memo, das der frühere US-Außenminister Colin Powell bereits ein Jahr vor dem Waffengang an seinen Boss Bush weiterreichte. „Beim Irak“, schrieb Powell, „ist Blair auf unserer Seite sollten militärische Optionen nötig sein. Er ist von zwei Dingen überzeugt: Die Bedrohung ist real, und ein Erfolg über Saddam wird weitere regionale Erfolge zeitigen.”

Bei beiden lag Blair ebenso falsch wie die neokonservativen Kriegstreiber aus der Bush-Regierung, die an einen demokratischen Domino-Effekt in der Region glaubten, wenn der irakische Despot erst mal aus dem Weg geräumt sei.

Die Version von Blair als Schoßhund des US-Präsidenten kursiert schon lange, wird aber zusehends faktisch unterfüttert. Zum Beispiel durch Tony Blair selbst. Der gab neulich ein Interview auf CNN und räumte tatsächlich kleinlaut Fehler ein. Allerdings nur solche, für die er, wie er sagte, nichts konnte: Falsche Informationen der Geheimdienste etwa. Auch das klang wie Bush im Kriegsnachklapp. Blair gab nur zu, was für die ganze Welt ohnehin offenkundig ist. Dass nämlich der Aufstieg des Islamischen Staates zur globalen terroristischen Bedrohung mittelbar eine Folge des Feldzugs sei. In toto aber sah er genau wie sein Männerfreund George W. keinen Grund sich zu entschuldigen.

Eine Untersuchung. Oder doch eher eine Farce

Das Interview kam nicht richtig überraschend. Blair weiß genau, was demnächst auf ihn zukommt. Er ist wie alle Befragten über den Inhalt des Chilcot-Reports informiert. Genau das erklärt auch die aberwitzige Verzögerung der Veröffentlichung: Jeder Vorgeladene bekam seine Äußerungen und die Schlussfolgerungen der Kommission noch einmal vorgelegt und durfte gegebenenfalls nachbessern. Das kostete Geld, viel Zeit und vor allem die Angehörigen der 179 getöteten britischen Soldaten Nerven. Dieser höchst umstrittene Prozess firmiert unter dem Wortmonstrum „Maxwellisation“ und ist nach dem englischen Medienzar Robert Maxwell benannt. Maxwell war Ende der 60-Jahre vom Handelsministerium als „für die Führung einer öffentlichen Gesellschaft unfähig“ gebrandmarkt worden, zog daraufhin vor Gericht und gewann krachend. Seitdem ist es gängige Praxis, dass die Interviewten bei öffentlichen Untersuchungen gegenlesen dürfen. Die Hinterbliebenen der gefallenen Soldaten fürchten nun, die Ergebnisse würden durch diese Farce verwässert und Blair komme mit einem blauen Auge davon – statt wegen Kriegsverbrechen vor Gericht zu landen. Blair wird schon zu „Bliar“ verballhornt.

Liar heißt Lügner.

Das unterscheidet Blair von unserem kleinen irakischen Gesandten, Mohammed Aldouri. Der war kein Lügner, wie man heute weiß. Außerdem hat Blair natürlich mehr Haare, allerdings zusehends graue.

Für einen kommt der Report im Übrigen definitiv zu spät: Der Historiker Sir Martin Gilbert gehörte dem kleinen Zirkel im Backsteinbau seit der Gründung vor sechs Jahren an. Die überfällige Veröffentlichung im nächsten Sommer erlebt er nicht.

Gilbert starb im Februar…