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stern-Reportage

Syrienkrieg: Erst kam der IS, dann die Bomben: Die Überlebenden von Raqqa

Der "Islamische Staat" unterjochte Raqqa, die Amerikaner befreiten die syrische Stadt mit Bomben. Jetzt liegt sie in Trümmern, über ihr der Geruch der Toten. Wer hilft den Menschen zurück ins Leben?

Von Raphael Geiger

Syrien: Ehemalige IS-Hochburg Raqqa: Trümmer, Totenbergung und Wiederaufbau

Der Bürgermeister von Raqqa träumt gern. An diesem Morgen steht er an der Glasfassade seines Büros im ersten Stock des Rathauses und sieht sich die Ruinenlandschaft draußen an, seine Stadt. Sie liegt da wie erschlagen vom Krieg. 70 Prozent liegen in Ruinen, das hat jemand ausgerechnet, die am schlimmsten zerstörte Stadt Syriens. Dafür, wie kaputt die Menschen innerlich sind, gibt es keine Zahl.

Sie haben jahrelang die Assad-Diktatur ertragen, bis zur Revolution, kurz darauf fanden sie sich in den Händen des IS wieder. Drei Jahre Horror. Und dann: kamen die Befreier, vor allem Kurden und die US-geführte Koalition, deren Bomben so vielen hier ihre Häuser nahmen und so gut wie jedem einen Freund, einen Angehörigen, manchen die ganze Familie.

Gefährlichstes Land der Welt

Die Raqqawis, wie sie sich nennen, haben das Schlimmste gesehen. Köpfe, aufgespießt an einem Zaun im Stadtzentrum. Sie hatten Angst, jeden Tag, jede Nacht, als wären sie alle in ihrer eigenen Stadt entführt, sie waren Monstern ausgeliefert, dazu den Bomben aus der Luft.

Und jetzt, an diesem Morgen im Mai, sagt Ahmad Ibrahim, der Bürgermeister, er glaube an das Gute im Menschen. "Eigentlich wissen wir, was richtig ist", sagt er. "Unsere Vorfahren wussten es. Tief in uns drinnen wissen wir es auch noch."

Raqqa liegt in Trümmern. Wie finden die Menschen wieder in den Alltag?

Ein neuer Alltag im völlig zerstörten syrischen Raqqa. Der Laden eines Schneiders (r.) liegt in Trümmern, so zeigt er auf der Straße, was unter dem IS verboten war: bunte Stoffe für Hochzeitskleider

Ibrahim ist 29. Er will sein Leben hier verbringen, in seiner Heimatstadt. Er will sie wiederaufbauen. Er will es schaffen.

Er träumt davon, dass Raqqa ein Vorbild für Syrien wird. Ein freier, toleranter Ort. "Der Welt zeigen, dass wir nicht die IS-Stadt sind", sagt er. Vergangenes Weihnachten feierten die Christen zum ersten Mal wieder eine Messe in einer der zerstörten Kirchen. Das mache ihn stolz, sagt Ibrahim.

Raqqa, gerade noch die Hauptstadt des IS in Syrien, die Stadt, in der sie Sklaven verkauften und Anschläge planten, soll eine Keimzelle der Demokratie werden. Eine zweite Revolution, eine bessere. In ein paar Monaten, sagt Ibrahim, sollen hier, mitten im gefährlichsten Land der Welt, Wahlen stattfinden.

Das ist sein Plan. Im Moment noch eher eine Hoffnung.

Kinder spielen im Hof der Houari-Boumedienne-Schule, die während der Kämpfe stark beschädigt wurde. Im Haus gegenüber residierte die Religionspolizei des IS

Kinder spielen im Hof der Houari-Boumedienne-Schule, die während der Kämpfe stark beschädigt wurde. Im Haus gegenüber residierte die Religionspolizei des IS

Ahmad Ibrahim ist ein kräftiger Mann mit einer sanften, leisen Stimme. Er eilt auf Menschen zu und macht dabei so schnelle Schritte, als sollten alle sofort spüren: Der meint es ernst.

Opfer zu Bürgern

Er ist jemand, der auch an seinem freien Tag ins Rathaus kommt, er kümmert sich, er kennt die Details. Er weiß, wie viele Bagger es im Moment in der Stadt gibt, einer Stadt voll mit Schutt: neun. Er weiß auch, wie viele Krankenwagen die Amerikaner gerade für ganz Raqqa aufgetrieben haben: zwei. Und wie viel Geld seine Gemeinde hat, wenn die Gehälter bezahlt sind: null.

Ibrahim träumt gern von Toleranz, von Demokratie, er kann aber auch im nächsten Satz über Wasserleitungen sprechen. Die seien das Dringendste, damit seine Bürger da draußen nicht mehr zu Wassertanks gehen müssen. Fließendes Wasser, sagt Ibrahim, sei die oberste Priorität. Endlich Handynetz. Und, so schnell wie möglich: die Häuser wieder aufbauen. Aus Opfern wieder Bürger machen.

Als Ibrahim das sagt, vibriert das Rathaus, eine Explosion, nicht weit weg. Er springt auf und sieht aus dem Fenster, ein paar Hundert Meter entfernt steigt eine Rauchsäule auf. Vielleicht haben die Aufräumteams eine Mine detonieren lassen. Vielleicht war es aber auch ein Anschlag. Oder ein Unfall, überall in der Stadt hat der IS Sprengfallen hinterlassen.

Ahmad Ibrahim, 29, Bürgermeister von Raqqa

Ahmad Ibrahim, 29, Bürgermeister von Raqqa

Niemand weiß, was passiert ist, aber auf der Straße geht das Leben weiter. Die Raqqawis erschrecken nicht mal, als sie den Knall hören.

Sie sind trotzig. Sie kehren zurück aus den Flüchtlingslagern, auch wenn es ihr Haus nicht mehr gibt, sie fangen an, den Schutt wegzuräumen, den die Luftangriffe hinterlassen haben, und sie machen das oft selbst, weil sie nicht auf die Gemeindeverwaltung warten wollen, deren Liste ist lang.

Wenn man durch Raqqa läuft, sieht man die Menschen überall arbeiten, aufräumen, etwas reparieren. Man spürt den Willen. Im Zentrum, in den Ladenstraßen um den Naim-Platz, wo der IS die Köpfe der Toten ausstellte, ist das Leben zurück. Als Erstes hat der Parfümladen wieder aufgemacht. Die süßlichen Düfte der Islamisten sind nicht mehr so gefragt, die Menschen möchten nach Jasmin duften.

Erschöpft vom Überleben

Daneben der Schneider für Hochzeitskleider, der bis zur Befreiung nicht arbeiten konnte, die bunten Stoffe waren verboten. Jetzt hat er eine Stange mit Kleidern mitten auf die Straße gestellt. Ein bunter Fleck im Staub, fast eine Demonstration: Wir leben noch.

Hochzeitsgesellschaften fahren hupend durch die Stadt, sie dürfen wieder feiern, wenn sie sich vermählen, auch wenn in manchen Autos Kalaschnikows oder Pistolen bereitliegen, für den Fall, dass sich ein untergetauchter IS-Mann von der Fröhlichkeit provoziert fühlt. Die Stadt, heißt es, sei noch voller Schläferzellen.

Verlässt man das Zentrum, findet man auch Geisterviertel, in die sich niemand traut, weil noch überall Sprengfallen des IS versteckt sind, an Türen, in Kinderpuppen, als Steine getarnt, ganze Straßenzüge sind ohne Menschen. Und nachts, sagen die Raqqawis, sei es der Diebe wegen zu gefährlich.

Einziges Transportmittel über den Euphrat sind die kleinen Fährboote. Brücken müssen neu gebaut werden

Einziges Transportmittel über den Euphrat sind die kleinen Fährboote. Brücken müssen neu gebaut werden

Die Raqqawis wollen vergessen und weitermachen, aber sie sind bitter geworden. Viele wollen nicht mit Journalisten reden, sie sagen: Uns hilft doch auch keiner, wieso sollen wir euch helfen?

Sie sind: müde. Erschöpft vom Überleben. Sie misstrauen Fremden, öffnen sich nicht gern, sie teilen in Freund und Feind ein, sie wittern Gefahr. Sie hätten gelernt, sagt ein alter Mann nach dem Gebet in einer zerstörten Moschee, sich auf alles einzustellen, sich mit allem zu arrangieren. So komme man durch, sagt der Mann, so übersteht man Revolutionen, Regime, Terroristen, Milizen. Es sind die Opportunisten, die überleben.

Es riecht in Raqqa

Der Westen hat sich nach der Befreiung zurückgezogen, man kann auch sagen: die Menschen im Stich gelassen. Ein Budget für Wiederaufbau hat Donald Trump gerade gestrichen. Von deutscher Hilfe ist in Raqqa nichts zu sehen.

Ahmad Ibrahim, der Bürgermeister, weiß, dass er seine Demokratie vergessen kann, wenn niemand neue Häuser baut. Im Nebensatz sagt er: "Die Häuser, die die Amerikaner bombardiert haben." Und er wird keine Wahlen abhalten können, wenn die Leute nicht bereit sind zu wählen, wenn sie Angst haben oder einfach keine Lust auf Politik.

Häuser aufbauen, Menschen aufbauen, das ist sein Job.

Es ist der nächste Morgen, acht Uhr früh, als sich die Männer vom First Response Team treffen, sie tragen blaue Jacken und rote Helme, und sie ziehen sechs Tage die Woche los und bergen die Überreste der Verschütteten.

Blick vom Rathaus: Rauch nach einer Explosion

Blick vom Rathaus: Rauch nach einer Explosion

Es riecht in Raqqa, etwas Beißendes, etwas Süßliches liegt in der Luft, vor allem in den Straßen zwischen den Schutthaufen, die mal Häuser waren. Es ist der Geruch der Leichen, die noch unter den Trümmern liegen, jetzt noch, über ein halbes Jahr nach der Befreiung.

Man sieht die Zerstörung, wenn man durch Raqqa geht, aber es ist die Nase, die einen daran erinnert, was die Zerstörung mit sich brachte: ausgelöschte Leben, überall. Ganze Familien begraben unter ihren eingestürzten Häusern.

Leichen in Plastiktaschen

Nachbarn melden dem First Response Team, wenn sie unter einem zerstörten Haus Tote vermuten, die Adresse kommt dann auf die Liste. Seit Januar haben sie über 700 Leichen geborgen.

Bevor sie losfahren, kommt heute ein junger Mann auf sie zu, er trägt eine Schiebermütze und einen Vollbart, und er spricht so leise, dass man ihn kaum hört. Er erzählt, dass sein Bruder gestern einem Bagger dabei zusah, wie dieser Schutt wegräumte. Der Bagger stieß auf etwas, eine nicht detonierte Fliegerbombe wahrscheinlich. Es war der Knall, den man im Rathaus hörte.

Es riss einen Krater in die Erde, die Teile des Baggers flogen in alle Richtungen, der Baggerfahrer starb sofort. Und der Bruder ist seitdem verschwunden. Ob die Helfer vorbeikommen könnten und nach ihm suchen?

Männer beten in einer zerstörten Moschee

Männer beten in einer zerstörten Moschee

Sie versprechen es ihm.

Vorher fahren sie noch zu einem Haus, das auf ihrer Liste steht, das der IS als Medienzentrum nutzte. Kameras liegen zwischen den Betonbrocken. Zwei der Männer steigen auf den Berg aus Schutt und bergen ein Kind, ein Mädchen, der skelettierte Schädel ragt aus einem Kleid hervor. Sie legen es in eine Plastiktasche.

Sie bergen die Leichen nicht nur, sie geben ihnen auch ein Grab. Mittags, wenn mehrere Häuser geschafft sind, fährt das Team zu einem Friedhof. Sie legen die neun Körper von heute in ihren Plastiktaschen auf den Boden und sprechen das Totengebet. Dann verteilen sie die Taschen in einem Graben und schütten Erde darüber.

Gebrauchsanweisung für den Alltag

Als sie fertig sind, kommt ein Greis auf sie zu, er sucht das Grab seines Sohnes. Einer der Helfer findet auf seinem Tablet den Namen, im Büro wird er nachsehen, wo der Sohn begraben liegt, jeder Name wird registriert. Es ist, irgendwie, das Gegenprogramm zu den Bomben, die wahllos töten. Eine Initiative gegen das Vergessen von Verstorbenen, die monatelang unter den Trümmern verrotteten und sich im Geruch vereinten, den sie über die Stadt legten.

Im Moment, in dem sie begraben werden, sind sie wieder einzelne Menschen, für jeden ein eigenes Grab mit einer Nummer und einem Namen.

Als das Team an dem Bombenkrater eintrifft, ist der Mann, der seinen Bruder vermisst, verschwunden. Nachbarn erzählen, ein Krankenhaus habe sich gemeldet, der Bruder sei dort eingeliefert worden. Lebend. Einer der Helfer sagt, das sei die erste gute Nachricht seit Monaten.

Aufräumen: Trümmer eines Krankenhauses

Aufräumen: Trümmer eines Krankenhauses

Ahmad Ibrahim, der Bürgermeister, fährt währenddessen in einem Kia-Minivan durch die Stadt. Er trifft einen Mitarbeiter, der überall in Raqqa Wände bemalt. Bunte Motive, auf denen Menschen lächelnd Ratschläge geben: Schau links und rechts, wenn du über die Straße gehst, oder: Verschütte kein Wasser, das du aus den Tanks schöpfst.

Gebrauchsanweisungen für einen Alltag, für eine schöne neue Normalität, in der die Gefahren nicht mehr Minen und Bomben sind, sondern Autofahrer, die nicht auf Fußgänger achtgeben.

Araber gegen Kurden

Ibrahim ist der erste Bürgermeister von Raqqa seit dem IS, er hat nicht von allein etwas zu sagen, er muss sich Autorität verschaffen. Er eröffnet das erste Treffen der neuen Ingenieurskammer, er schaut sich an, wie weit die Arbeiten an den Wasserleitungen sind. Bei jedem bleibt er eine Weile stehen und hört zu. Er will die Menschen gewinnen, für sich, für die Demokratie und für diese seltsame neue Lage, in der sich die arabische Stadt Raqqa im Einflussbereich der Kurden wiederfindet.

Raqqa ist von den SDF befreit worden, den "demokratischen Kräften Syriens", einem Verbund aus Kurden und einigen Arabern. Unterstützt vom Westen, vor allem von der US-Luftwaffe. Die SDF sind eng verbündet mit der PKK, weshalb die Türkei sie eine Terrororganisation nennt. Tatsächlich hängen die Kurden überall Bilder des PKK-Führers Abdullah Öcalan auf, der in der Türkei im Gefängnis sitzt.

Helfer bergen die sterblichen Überreste eines Mädchens

Helfer bergen die sterblichen Überreste eines Mädchens

Das sind einige Widersprüche, vielleicht ein paar zu viele für eine langfristige Stabilität. Die Türkei tut alles, um den Hass der Araber anzufachen, nicht wenige hier betrachten die Kurden als Ungläubige, als Feinde. Araber gegen Kurden, das ist der Krieg, der sich andeutet.

Ibrahim, der gebürtige Raqqawi, soll sicherstellen, dass es dazu nicht kommt. Dazu gehört der seltsame Kompromiss aus Islam und PKK. "70 Prozent von Mohammed und Öcalan sind identisch", sagt er.

Er hat sich in den Kriegsjahren ein Weltbild zurechtgelegt, ein flexibles. "Ich habe zwei Vorbilder", sagt er. "Das eine ist der Prophet Mohammed, der in der Wüste die Menschen für sich gewonnen hat. Das zweite ist Öcalan, der Kurde, dessen Ideen im ganzen Nahen Osten umgehen."

Ibrahim ist ein Mensch, der es gut meint, der immer Lösungen sucht, Kompromisse. Ein Versöhner, kein Spalter, keine schlechte Wahl für diese Stadt.

Moralcode der Beduinen

Er träume davon, sagt er, zurück in seinem Büro, dass den Raqqawis die Freiheit gefällt und dass sie davon erzählen. "Wir haben überall im Land Verwandte", sagt er, "mit denen wir in Kontakt sind, auch in den Regimegebieten. Wenn wir hier Erfolg haben, dann bekommen die Syrer überall davon mit."

Ibrahim sagt, wie er sich die Gesellschaft vorstellt, und das erzählt viel über Raqqa und Syrien. Er glaubt an den jahrhundertealten Moralcode der Beduinen. Eine gewisse moralische Strenge, aber auch Toleranz. Ibrahim findet den Westen "unmoralisch", in Europa "verkaufen sich die Frauen", die Sitten seien zu locker.

Man müsse aufpassen, sagt er, dass man nicht vom Extrem des IS ins andere Extrem der Morallosigkeit rutsche. Manche Frauen in Raqqa sind schwarz verschleiert, als wäre der IS noch an der Macht. Andere schminken sich greller als je zuvor, als wollten sie die Freiheit auskosten, wer weiß, wie lange sie bleibt.

Die geborgenen Toten werden beerdigt

Die geborgenen Toten werden beerdigt

"Die Menschen sind verunsichert", sagt Ibrahim. "Wir müssen sie wieder auf den rechten Weg führen."

Frauen als Kellnerinnen einzustellen, zum Beispiel, das gehe nicht, man dürfe die Frauen nicht ausnützen, das sei ihnen gegenüber respektlos. Andererseits kann er sich vorstellen, dass es in Raqqa künftig Alkohol zu kaufen gibt, die Christen der Stadt hätten ein Recht darauf. Es ist ihm auch egal, ob sich eine Frau verschleiert oder ob sie enge Jeans trägt.

Er hat, vor dem Krieg, in Aleppo studiert, Ingenieurwesen. Zurück in Raqqa erlebte er die Revolution und wie der IS die Stadt überrollte. Er verhielt sich wie die allermeisten: sich an die Regeln halten, die Familie beschützen, durchhalten und hoffen, dass es vorübergeht.

Stunde null

Als die Kurdenmilizen vor Raqqa standen, flüchtete er mit seiner Frau und der gerade geborenen Tochter aufs Land. Er stieß auf eine Gruppe von Raqqawis, die den Wiederaufbau planten. Sie warben ihn als Ingenieur an. Die Gruppe wuchs, und Ibrahim, das war klar, würde einen guten Chef abgeben. Manche fanden ihn zu jung, zu unerfahren. Andere widersprachen, er sei ein Macher, er habe Ideen, er könne die Menschen motivieren. Seit Januar leitet Ibrahim die neue Gemeindeverwaltung. Er ist der Bürgermeister der Nachkriegszeit.

Farbtupfer: Graffiti der kurdischen Befreier

Farbtupfer: Graffiti der kurdischen Befreier

Der Bürgermeister der Stunde null.

Nicht weit vom Rathaus sitzt der Mann auf seinem Moped, der seinen Bruder suchte, er fährt durchs Stadtzentrum, ziellos, sein Gesicht ist leer. Er war in der Klinik, erzählt er, aber nicht lange, denn der Mann, von dem es hieß, es sei sein Bruder, war ein Fremder.

Eine Verwechslung, es gibt so viele Suchende und so viele Vermisste in Syrien, da kommt vor, was nicht vorkommen darf: dass einer hofft, sein Bruder habe überlebt, und es stimmt nicht. Sein Bruder, er ahnt es, ist höchstwahrscheinlich tot.

Die Explosion hat die Außenmauer ihres Hauses abgerissen, die Familie wohnt jetzt wie ausgestellt zur Straße hin. Und irgendwo unter dem Schutt, vielleicht nebenan, vielleicht einen Block weiter, liegt sein Bruder, und er wird jeden Tag an ihm vorbeigehen, ohne es zu wissen.

Und die Idee von Freiheit, von einem neuen Aufbruch, die ist weit weg. Ein Auskommen, ein heiles Haus, das will er, und ansonsten, bitte, möge ihn die Welt in Ruhe lassen. Er zieht sich auf dem Moped seine Schiebermütze weit in die Stirn, sodass sein Gesicht kaum noch mehr als ein Schatten ist, er sagt nichts mehr.

Sie sucht nach Vorräten im eigenen Haus: Schams al-Ahmad in ihrer ehemaligen Küche

Sie sucht nach Vorräten im eigenen Haus: Schams al-Ahmad in ihrer ehemaligen Küche

Die USA warfen Bomben, wenn sie die kurdischen Bodentruppen darum baten. Und jetzt: nichts. Man vertrieb den IS und lässt die Syrer allein. "Die Russen bleiben in Syrien", sagt Ahmad Ibrahim, "sie stützen Assad. Aber der Westen will sich nicht engagieren. Der Westen ist schwach."

Heilige Pflicht

Es sind ein paar Sätze, die ahnen lassen, was in Raqqa noch kommen könnte, wenn Ibrahim scheitert. Hass gegen die Kurden. Hass gegen den Westen. Neue Islamisten mit neuem Namen, die diese Stimmung anfachen und ausnutzen. Das Assad-Regime will Raqqa zurück, seine Truppen sind nur 20 Kilometer entfernt. Die Türkei würde die Kurden gern aus der Stadt vertreiben und eine Islamistenmiliz installieren, wie gerade in Afrin geschehen. Die demokratische Republik von Raqqa ist noch jung, und sie wird vielleicht nicht alt.

Ibrahims Frau hat Angst um ihn, sie möchte, dass er aufhört, vor allem wegen der IS-Schläferzellen in der Stadt. Der Bürgermeister ist ein Ziel, ein Feind. Fragt man ihn, ob er sich schützt, lacht er. Nein, er habe keinen Personenschutz, er lebe mit seiner Familie in einer normalen Wohnung.

Der Bürgermeister in einer Sitzung

Der Bürgermeister in einer Sitzung

"Wer soll es denn sonst machen?", fragt er. Es sei seine heilige Pflicht.

Die Sonne geht fast unter, als eine Frau in einem schwarzen Kleid in einem ausgebombten Haus auf einem Stück Mauerwerk sitzt. Sie hockt da, stoisch, zwischen zerrissenen Kissen, einem zerfetzten Vorhang, einem Fernseher, einer Wanduhr, in der Restelandschaft eines Lebens, das eine Bombe beendet hat. Ihr Leben. Ihr Haus.

Sie kommt jeden Tag, ihr Mann ist weg, sie flüchtete mit ihrem Sohn zu Verwandten, gerade noch rechtzeitig, bevor eine Bombe auf das Haus fiel. Das rettete ihr und ihrem Sohn das Leben. Alles andere hat sie verloren.

Minutenlanges Strahlen

Es mache sie traurig, hierherzukommen, sagt sie, aber sie müsse. Sie sucht nach Dingen, die sie noch brauchen kann. Alte Lebensmittel, die sich unter den Trümmern verbergen. Die ganze Straße ist zerstört, sie könnte überall plündern gehen, aber sie geht immer nur in ihr eigenes Haus. Alles andere käme ihr falsch vor. Sie kriecht unter die Trümmer, schiebt sie zur Seite. Sie stellt sich dabei bloß, die Leute können ihr von der Straße aus zusehen. Die Frau, die ihre eigenen Vorräte ausschlachtet.

Sie ist 44, und würde sie nicht lachen, könnte man sie für älter halten, aber Schams al-Ahmad fängt auf einmal an zu strahlen, minutenlang, sie hört nicht mehr auf, sich zu freuen. Sie hat da, wo mal ihre Küche stand, eine volle Flasche Sonnenblumenöl gefunden.

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