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Rumänien-Serie, Teil 3: "Dieser Block ist unser Schicksal"

Vier Personen, ein Pianino, ein Schlagzeug, zwei Computer, eine Elektro-Orgel und ein Siamkater - das alles auf 50 Quadratmetern. Immer schon. Und wahrscheinlich noch für eine ganze Weile. Ein normales Leben in Bukarest.

Von Karin Spitra

Oanda (44) und Ion (49) Dimitriu* (* = Name von der Red. geändert) sind zufrieden. Ihre beiden Söhne - 17 und 11 Jahre alt - sind gesund "und machen keine Probleme", wie sie erleichtert feststellen. Zusammen leben sie in einer für unsere Verhältnisse winzigen Wohnung. Auf 50 Quadratmetern stapeln sich Bücher, Computer, Musikinstrumente, und dann gibt es auch noch ihren Siamkater Linus. Es ist wuselig und eng, aber gemütlich.

Gute Substanz

Oanda lebt seit ihrer Geburt in der Wohnung. Der Block wurde 1961 gebaut und hat sechs Aufgänge, mit jeweils 65 bis 70 Appartments je Aufgang. "Das hängt von der Größe der Wohnungen ab", erklärt Oanda, "denn es gibt durchaus kleinere." Das sei noch ein richtig alter Block, "gute Substanz" erzählt Ion. So wurde seit den 70ern nicht mehr gebaut, die neueren Blocks seien alle Schrott, aber hier sei das Parkett noch ordentlich verlegt, die Wände gut gedämmt. Diese Appartments wurden von den Behörden in den 60ern oft als Dienstwohnungen an die Beamten vergeben - so kamen Oandas Eltern dazu.

"Ich sage oft zu Ion 'Lass' uns doch nach einem Haus irgendwo schauen', aber er will nicht. Immer hat er etwas zu meckern. Dies gefällt ihm nicht, das gefällt ihm nicht. Ich glaube, dieser Block ist unser Schicksal." Ion schweigt. "Die Lage ist aber auch wirklich sehr gut, wir sind praktisch im Zentrum, an der Piazza Unirii. Früher war direkt vor unserem Block ein Bauernmarkt. Bevor ich einkaufen ging, habe ich mich auf den Balkon gestellt und mir ausgesucht, was ich haben will," schwärmt Oanda. Und Ion gibt zu, als Student immer von einer Wohnung in genau diesem Block geträumt zu haben. "Kein Wunder, dass es mit dem Haus nichts wird," erkennt Oanda. Manchmal, erzählt sie im Scherz, käme ihr schon der Gedanke, dass er über sie nur an die Wohnung kommen wollte.

Wohnungen sind in Bukarest Mangelwaren

So klein die Wohnungen nach unseren Standards auch sein mögen, in Bukarest sind sie tatsächlich heiß begehrt. Die Immobilienpreise sind innerhalb von vier Jahren quasi "explodiert", wie Ion erzählt: "Hat man 2002 noch knapp drei Euro pro Quadratmeter in einer guten Bukarester Lage gezahlt, dann kostet das heute schon 30 Euro." Wer nicht früh ins Eigentum investiert hat, kann es sich jetzt nicht mehr leisten. So werden Mietwohnungen zur Mangelware. Auch im Block der Dimitrius steht nichts länger als ein, zwei Wochen leer - die zentrale Lage ist wohl ein gutes Argument. Viele ausländische Firmen mieten so eine Wohnung für ihre Mitarbeiter. "Was ich allein schon auf dieser Stiege alles erlebt habe," seufzt Oanda.

Erst vor zwei Jahren hätte ein netter älterer Herr die Nebenwohnung gemietet. Engländer sei er gewesen, immer wieder mal für einige Wochen im Lande. Und immer hätte er sich so rührend um die Staßenkinder gekümmert. "Neue Kleider hat er ihnen gebracht, ihnen erlaubt, sich bei ihm zu waschen," erinnert sich Oanda. Und auch zum jüngsten Sohn sei er sehr nett gewesen. Bis eines Tages die Polizei vor der Tür stand - er war ein international gesuchter Pädophiler. "Letztes Jahr war es dann eine Prostituierte, die in der Wohnung ihre Freier empfangen hat," berichtet Ion. Sie hätten gar nicht mehr gewusst, wie sie den Kindern die Geräusche erklären sollten. Nach einigen Wochen sei ihr dann gekündigt worden.

Tolle Villa - mit Senkgrube

Außerdem kommen immer mehr Familien aus den Vorstädten zurück. "Das Pendeln zehrt schon sehr an den Nerven", vermutet das Paar. Und erzählt, dass viele Hausbesitzer auch ordentlich übers Ohr gehauen wurden. Es gäbe viele Villenviertel in den Vororten, wo zwar tolle Häuser stünden, die aber keine Kanalisation hätten. Je fünf Villen teilen sich eine Senkgrube, zwei Mal wöchentlich kommt dann ein Tankwagen und pumpt die Fäkalien weg. Bei den Überschwemmungen im letzten Sommer wurden natürlich auch die Senkgruben geflutet - und den Leuten schwappte der Inhalt in die Häuser. "Und dann die ganzen Glasfronten - sieht toll aus, ist aber bei den heutigen Energiepreisen nicht mehr zu bezahlen", berichtet Oanda.

Da sei ihre Wohnung schon deutlich günstiger. Als Eigentümer müssen sie zwar keine Miete zahlen, aber unter 300 Euro Kaltmiete sei sowas am Markt gar nicht zu bekommen. Dann kämen noch 100 bis 150 Euro Betriebskosten hinzu und nochmals rund 30 Euro für den Strom. "Für uns ist das kein Problem", meint Ion. "Aber was macht eine Rentnerin mit einer Durchschnittsrente von knapp über 100 Euro?" Für die sei das Leben sehr schwer geworden.

"Wir kommen durch"

Den Dimitrius hingegen geht es für rumänische Verhältnisse sehr gut, ihr Familieneinkommen liegt bei 1100 Euro im Monat. Ion ist Geschäftsführer zweier ausländischer Firmen, Oanda arbeitet bei einer Bank. "Wir kommen durch," sagt Oanda dazu. Aber große Sprünge könne man sich trotzdem nicht leisten, kein zweites Auto, keine Wahnsinnsurlaube im Ausland. "Unser Luxus ist, dass wir beim Einkaufen nicht auf den Preis achten müssen. Für einen Wochenendeinkauf geben wir soviel aus, wie meine Eltern für einen halben Monat haben", sagt Ion. Schon vor dem EU-Beitritt seien die Preise so gestiegen, dass es mittlerweile organisierte Busreisen nach Budapest und Wien gäbe - zum Einkaufen.

Und dass sie mittlerweile wieder ihre Kreditkarten zurückgegeben hätten. Es sei zwar ein schönes Gefühl gewesen, einfach so einkaufen zu gehen, aber am Jahresende wäre dann der dicke Hammer gekommen: In Rumänien verrechnen die Kreditkartenfirmen als Gebühr 25 Prozent des Kartenumsatzes. Nicht nur die Dimitrius hoffen nun auf eine mäßigende Wirkung der EU-Gesetzgebung. "In etwa einem halben Jahr haben wir dann auch die letzten Raten abgezahlt", fasst Oanda ihre Lehre aus dem Abenteuer Kapitalismus zusammen.

Die Kinder werden es besser haben

"Vorher gab es Geld, aber wir konnten uns nichts dafür kaufen - jetzt könnten wir alles haben, was wir uns nur wünschen, aber nun fehlt das Geld. Ich weiß nicht, was besser ist", meint sie verträumt. Aber in einem sind sich die Dimitrius einig: Ihre Kinder werden es einmal besser haben. "Sie können alles machen, überall hin gehen. Sie können im Ausland studieren oder im Land bleiben - aber sie haben die Wahl", meint Ion. "Und wir werden wohl in diesem Block sterben," schiebt Oanda nach.

Im nächsten Serien-Teil erfahren Sie, warum eine 72-Jährige immer noch zwei Mal pro Woche arbeiten muss - und warum es auch vorher nicht besser war.

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