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Millionengeschäft Scamming: Zuerst die Herzen - dann das Geld

Es ist eine regelrechte Industrie: Mit falschen Profilen erobern Betrüger aus Westafrika im Internet einsame Männer und Frauen. Die Opfer sind doppelt ruiniert: finanziell und emotional.

Von Felix Hutt (Text) und Per-Anders Pettersson (Fotos)

Autos in Accara

Protzige Autos sind ein Markenzeichen der Internetbetrüger und werden gern hergezeigt, wie hier vor einer Shoppingmall in Accra

Sie sollten in der Schule sein, aber dort verdienen sie kein Geld. Sie sollten noch Träume haben, aber damit verdienen sie auch kein Geld. Und so sitzen die Jungen schon am Vormittag im Internetcafé. Die Luft steht, die Hauptstraße, die den Slum Sabon Zongo in Ghanas Hauptstadt Accra durchzieht, lärmt herein. Business nennen sie ihre Suche nach Clients, nach Opfern, die sie mit falschen Profilen ausnehmen. Facebook, Yahoo Messenger, ICQ - die Balken der Chatfenster tanzen in den Monitoren, die Tastaturen klappern, auf dass ihnen viele reiche Obronis, Weiße, ins Netz gehen. Internetcafés breiten sich über Accra aus wie der Smog. Hier trifft sich der Nachwuchs. Hier beginnen die Karrieren der Scammer - der Betrüger. Hier liegen die Brutstätten von Sakawa - dem Internetbetrug unter Anleitung von Schamanen. Den Begriff kennt jeder in Ghana, auch wenn niemand etwas damit zu tun haben will. Sakawa ist längst eine Schattenindustrie, in der Millionen umgesetzt werden.

Erstkontakt im sozialen Netzwerk Lokalisten am 04. 12. 2014 um 09:22 Uhr: "Bentley-1" an "aneger": "hallo, mein Name ist Bentley. ich bin hier auf der Suche nach einer Frau für eine ernsthafte Beziehung. Ich werde gerne mehr über Ihr wissen, lg"

Veteranin in Sachen Partnersuche

Gut sieht es aus, das Profil dieses Bentley Jones, der Anette Eger*, 44, anschreibt. Amerikaner, Arzt, Single, 45 Jahre alt. Auf den Fotos ist ein schicker weißer Mann zu sehen, genau ihr Typ. Er hat eine sportliche Figur, ein tolles Lächeln, und dann diese Bilder mit seinem Sohn, die beiden auf dem Volksfest, beim Angeln, auf dem Sofa, schlafend - hinreißend.

Eger ist begeistert. Sie lebt in einer kleinen Wohnung in München, an den Wänden hängen Wikingermotive, sie mag das Mittelalter, Ritterspiele, solche Sachen. Sie ist nicht dick und nicht dünn, träfe man sie in der U-Bahn, sie fiele nicht weiter auf. Eger sagt, sie sei "schon immer Single". Eine Veteranin in Sachen Partnerschaftssuche. Dabei hat sie so viel erlebt, dass man sie nicht mehr überraschen kann. Denkt sie.

... und vermögend sei er auch

Man könne doch ins Englische wechseln, seine Muttersprache, schlägt Bentley Jones vor. Wie er auf sie gekommen sei?, fragt sie. Ihr Profil habe ihm gefallen, antwortet er. Über die nächsten Wochen gefällt ihm dann alles an ihr. Er macht ihr Komplimente, nennt sie seine "Queen" oder "Honey". Er schwärmt von einer gemeinsamen Zukunft. Auf ihre Fragen gibt er stimmige Antworten. Die Mutter seines Sohnes sei bei der Geburt gestorben, er sei Witwer. Und das Geld, um das er sie bittet, als sie glaubt, den Richtigen gefunden zu haben, das bekomme sie zurück, er sei vermögend. Eger ahnt nicht, dass sie alles an ihn verlieren wird. Ihr Herz, ihr Selbstwertgefühl und ihr Geld.

Sie tappt in eine Falle. Hinter dem Profil verbirgt sich ein Scammer aus Ghana, ein Betrüger. Für die Täter ist Scamming Business, für alle anderen ein Verbrechen, das viele Opfer in den finanziellen und emotionalen Ruin treibt und einige sogar in den Selbstmord. Zwei Welten verweben sich, die sich nie begegnen würden, gäbe es nicht in der einen Armut und in der anderen Einsamkeit. Die Anette Egers suchen die Liebe, die Sakawa-Boys ihr Geld. Als Brücke dient das Internet. Afrika, das ist längst nicht mehr nur der Kontinent der Seuchen und Savannen. In jeder Provinzstadt gibt es mittlerweile Internetcafés, in Städten wie Lagos, Nairobi oder auch Accra hat sich eine lebendige Startup-Szene gebildet. Das schafft Chancen für Geldgeber, Unternehmer genauso wie Betrüger.

Party der Sakawa-Boys

Vater mit Sohn: Mit diesem Foto hat der Scammer Anette Eger für sich gewonnen (kl. Bild). Die Sakawa-Boys feiern in einem Club

Er nennt sich Ghost und hat Angst. Vor uns Weißen, die sich für Sakawa interessieren. Wir könnten Ermittler sein, FBI, CIA. Und was, wenn die anderen erfahren, dass er mit Fremden über Sakawa redet? Die würden nicht lange fackeln. Es braucht fünf Tage, bis er sich zum Treffen in der Baracke eines Bekannten, nicht weit vom Internetcafé, überreden lässt. Hier im Slum, wo es nach verbranntem Müll riecht, das Abwasser an den Straßen entlangrinnt, Vieh sich an den Mauern erleichtert und Familien zusammengepfercht hausen, herrscht die Art Perspektivlosigkeit, die Karrieren wie die von Ghost für viele erstrebenswert erscheinen lässt. Die jungen Scammer sehen in Musikvideos Rapper vor teuren Autos mit halb nackten Mädchen, und sie wünschen sich nichts sehnlicher, als schnell an viel Geld zu kommen, um auch so ein Leben führen zu können. Nicht mehr mühsam den einen Cedi, etwa 20 Cent, auftreiben müssen, den die Stunde Internet im Café kostet. Reich sein!

Reich sein!

Einen Beruf hat Ghost nie gehabt, keine Schule besucht. Er ist um die 30 Jahre alt und seit über zehn Jahren im Sakawa-Business. Ghost trägt neue Sneakers, eine Designerjeans und hat einen Laptop dabei, auf dem er seine Tricks zeigt. Er arbeitet von zu Hause aus, mit einem Modem, nicht wie die Anfänger im Café. Ghost fährt einen Toyota Camry, besitzt ein Motorrad, hat seinen Eltern ein Haus gekauft und lässt sich selbst eines bauen, natürlich nicht im Slum. Wenn er feiern geht, lädt er seine Freunde ein. Und die Mädchen, die auf der Tanzfläche zeigen, was sie zu bieten haben. Ghost gibt sein Geld immer aus. Er behauptet, dass er über hunderttausend Dollar mit Sakawa verdient hat.

Menschliche Körperteile als Bezahlung

Mit leisen Worten, als wäre der Raum verwanzt, beschreibt er den Modus Operandi eines Romance Scammers. Besonders wichtig sei dabei sein Priester, der dafür sorge, dass er gutes Business bekomme, sagt Ghost. In den Gesellschaften Westafrikas spielen Schamanen auch in Großstädten eine zentrale Rolle. Ob in der Liebe oder beim Geschäft - kaum eine Entscheidung wird ohne die Hilfe der Priester getroffen. Auch die Scammer sind ihnen hörig. So rational sie ihre Coups planen, so abergläubisch hängen sie an ihren Mentoren, die sich für ihre Dienste teuer bezahlen lassen. Einige Priester sollen sogar nach toten Tieren oder nach menschlichen Körperteilen als Bezahlung verlangen.

Zu Beginn jedes Scams steht das Profil, sagt Ghost. Er arbeitet mit verschiedenen Profilen in vielen Netzwerken. Für jedes legt er eine neue E-Mail-Adresse an. Ob sein Profil sich als Mann, Frau, schwarz, weiß, jung, als schwul oder heterosexuell ausgibt, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass das Profil keine Lücken oder Fehler hat. Über Google-Suche oder Websites mit Fotoarchiven besorgt sich Ghost Bilder. Die Protagonisten sollten am besten ein Allerweltsgesicht haben. Manche Scammer benutzen auch Fotos ihrer Freundinnen oder Schwestern, wenn sie Männer ausnehmen wollen, die auf der Suche nach schwarzen Mädchen sind.

Hutt und Pettersson

Autor Felix Hutt (l.) und Fotograf Per-Anders Pettersson hatten es in Ghana schwer, einen redseligen Scammer zu finden

Je mehr Fotos aus dem privaten Umfeld zu finden sind, umso glaubhafter das Profil. Hinter einem Vater, der mit seinem Sohn posiert, wie bei Anette Eger, vermutet man keinen Scammer. Das Alter legt Ghost nach der Zielgruppe fest, die er ansprechen will. Den Namen testet er bei Google, er darf nicht zu selten vorkommen. Als Anette Eger "Bentley Jones" googelt, tauchen Hunderte Beiträge zu einem britischen Musiker gleichen Namens auf.
23. 12. 2014, 01:30:16
Bentley Jones: Ich will Dir ein Geheimnis erzählen, mein Lebensgeheimnis: Ich habe eine Kiste mit Geld bei einer Sicherheitsfirma in Ghana deponiert. Die Kiste enthält Geld und Dokumente für das Projekt.*
Nach ihrem Kennenlernen erzählt Jones, dass er als Arzt der US-Army in Kabul stationiert sei, aber nach einer Frau suche, mit der er sich eine Zukunft aufbauen wolle, die seinem siebenjährigen Sohn eine gute Mutter wäre. Eger und er kommunizieren jetzt jeden Abend. Sie hat die Webcam eingeschaltet, er darf das nicht, Verbot der Army. Eine Masche, die gern benutzt wird, oft bitten Scammer ihre Opfer auch, sich auszuziehen, als Druckmittel für später.

Moralische Fragen stellt er sich nicht

Vor Weihnachten schreibt Bentley von der Box mit Geld, die in Ghana deponiert sei. Damit wolle er, der Kardiologe, eine Privatklinik in Deutschland aufbauen. Aber die UN benötige Zolldokumente für die Box, Gebühren für die Firma fielen an, nichts Großes, nur seien ihm in Kabul die Hände gebunden. Ob Eger nicht über Western Union Geld nach Accra überweisen könne? Eger überweist 1800 Euro, überweist 2000 Euro, sie überweist und überweist, und als Gehalt und Erspartes die Überweisungen nicht mehr auffangen, da nimmt sie zwei Kredite auf.

Die moralische Frage, was er seinen Opfern antue, stellt sich für Ghost nicht. Er hält die Mehrheit der Weißen für reich und verzweifelt. Das Geld tue ihnen doch nicht weh. Gefühle hätten bei Sakawa nichts zu suchen, ein einziges Mal habe er etwas für eine Frau empfunden - und die Kommunikation sofort beendet.

Ghost ist Ingenieur, Arzt, Unternehmer

Ghost erzählt, dass er seine Profile mit Berufen versieht, die als angesehen gelten, Ingenieur, Arzt, Unternehmer. Anders als in Afrika geben viele User aus der Ersten Welt in den Netzwerken ihr wahres Alter und ihren Beziehungsstand an, ergänzen ihre Profile mit echten Fotos. Dies macht es Scammern leicht. Ghost schreibt an Frauen über 40, die Single sind und nicht attraktiv aussehen. Sie sind anfälliger für Komplimente. "More lonely, more desperate", sagt er.

Vor dem Erstkontakt besorgt er sich E-Mail-Verteiler oder sammelt E-Mails bei Facebook. Diese Adressen "bombardiert" er mit einem Anschreiben. Mit einer einzigen Mail schreibt er Hunderte potenzielle Opfer auf einmal an. Er wirft den Haken aus, sagt Ghost. In dieser ersten Mail schreibt er, dass ihm ihr Profil gefalle, sie hübsch aussehe. Dann erzählt er von sich, seinem Beruf, seinen Wünschen. Offen, aber nicht aufdringlich, seine Worte dürfen sein Opfer nicht bedrängen. Scammer tauschen untereinander die Musteranschreiben, auf die sie die meisten Antworten erhalten haben.

Ghost auf dem Sofa

Scammer Ghost in der Wohnung eines Bekannten in Accra

Und dann wartet Ghost auf Antworten. Manchmal Tage, manchmal Monate. Wenn Clients antworten, muss er Geduld zeigen, muss ihnen über eine lange Zeit das Gefühl geben, dass sie ihm vertrauen können. Er sortiert Verdächtige und Komplizierte aus - die, die zu viele Fragen stellen. Er arbeitet nur mit Clients, von denen sein Instinkt ihm sagt, dass sie Liebe brauchen. Und egal, wie spät es bei ihm ist, er muss online sein, wenn seine Clients es sind, viele Scammer arbeiten auch wegen der Zeitverschiebung nachts. Ghost muss zuhören, sensibel antworten. Schreibt ihm eine Frau, dass sie dick aussehe, dann antwortet er, dass er auf ihren Körper stehe. Erzählt sie, wie ihr Mann sie verlassen habe, nennt Ghost den Ex einen Idioten. Zweifelt sie daran, je wieder mit einem Mann glücklich werden zu können, schickt er ihr ein Foto des falschen Profils, man werde bald zusammen glücklich sein.

Er kennt sie, die Probleme der ersten Welt

Ghost muss sich in die Probleme der Ersten Welt hineinversetzen, auf sie eingehen können. Er muss es schaffen, dass Menschen am anderen Ende der Welt glauben, er wolle sie verstehen. Diese Fähigkeit entscheidet, wie viel Geld fließen wird. Er muss sein Opfer so weit bekommen, dass es alles für ihn tun würde.

Erst wenn Ghost das Gefühl hat, dass sein Client emotional von ihm abhängig ist, fragt er nach Geld. Dezent. Erst mal geht es um kleinere Dinge. Er brauche einen Laptop, damit sie ungestörter kommunizieren können. Das Kind seines Fake-Profils habe einen Autounfall im Ausland gehabt, er sei gerade verhindert, und die Ärzte müssten bezahlt werden. Wenn sein Client ein paarmal ohne Murren zahlt und Ghost sich sicher ist, dass er jetzt auch nach richtig viel Geld fragen könnte, geht er zu seinem Priester.

Es funktioniert eigentlich immer

Er bringt ein Bild seines Opfers mit, dessen Anschrift und zahlt, wie viel, will er nicht verraten. Der Priester segnet ihn und gibt ihm ein mit weißem Bindfaden umwickeltes Vorhängeschloss mit, an dem eine Nadel hängt. Nach einigen Tagen meldet sich der Priester, es kann losgehen. Ghost sticht die Nadel ins Gesicht seines Opfers, während er um einen vierstelligen Betrag bittet. "Es funktioniert eigentlich immer", sagt Ghost. Die Obronis zahlen.
20. 01. 2015, 22:07:19
Bentley Jones: Du musst alles versuchen, das Geld zu bekommen. Ich verspreche Dir, wenn Du das schaffst, dann werde ich Dir ewig dankbar sein und werde ewig Gründe haben, stolz auf Dich zu sein.

Eger geht es finanziell nicht gut, sie hat schon einen fünfstelligen Betrag in ihren Traum investiert. Bentley will nicht verstehen, dass sie nicht mehr kann, er macht ihr ein schlechtes Gewissen, ohne weitere Zahlungen sei die Box verloren. Anfang Februar 2015 will er nach München kommen, da muss sie mit ihm über alles reden.

Er sagt ihr, dass er aus Kabul über Teheran nach München reisen werde. Sie nimmt sich frei, macht sich schick, fährt zum Flughafen. Kein Bentley. Eine Frau kontaktiert sie, Jones sei auf dem Weg nach Teheran angeschossen worden. Eger wacht langsam auf.

Ein unüberwindbarer Berg von Scham

Sie sei früher mehr rausgegangen, sagt Eger, heute bleibe sie oft zu Hause. Sie hat einen Nebenjob angenommen, um die Schulden in den Griff zu bekommen. Die Scham liegt vor ihr wie ein unüberwindbarer Berg. Sie hat sich im Internet einer Gruppe anderer Opfer angeschlossen, sie tauschen sich aus, das hilft. Einer hat über 100 000 Euro verloren, eine andere kann den Verlust ihres Geliebten nicht begreifen, sie will nach Ghana und sich rächen. Eger hat Strafanzeige erstattet, aber der Fall wurde eingestellt. Wie sollen Ermittler einen Scammer in Ghana auftreiben, dessen digitale Präsenz erfunden ist? Der kommt, nimmt und verschwindet. Wie ein Geist.

Diese Reportage ist im aktuellen stern erschienen



*Name von der Redaktion geändert
*aus dem englischen Original




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