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Simbabwe: Warum ein deutscher Journalist fliehen musste

Aus Furcht vor einer drohenden Verhaftung musste DPA-Korrespondent Jan Raath, 57, aus Simbabwe fliehen, wo er 30 Jahre lang gearbeitet hatte. Der Bericht schildert seine letzten Tage in dem Land und die Beweggründe seiner Flucht.

Mir schlug das Herz bis zum Hals, während ich den Grenzbeamten beobachtete. Sollte es an alle Grenzübergänge eine Festnahmeverfügung gegen mich geben, konnte man mich hier noch stoppen. Doch nichts geschah. Er schaute kurz in meinen Pass, knallte einen Stempel hinein und gab ihn lächelnd zurück. Zehn Minuten später war ich in Botswana, außerhalb der Reichweite von Präsident Robert Mugabes Geheimpolizei. Innerhalb von 24 Stunden hatte ich 30 Jahre meines Lebens als Journalist in Simbabwe hinter mir gelassen - und trat am Donnerstag mit einem Pritschenwagen und drei Taschen voller persönlicher Dinge ein neues Leben an.

In den vergangenen fünf Jahren,

in denen Mugabe immer brutaler gegen jede kritische Stimme im Lande vorging, hatte die schrumpfende Schar unabhängiger Journalisten immer wieder einmal über Fluchtpläne für den Fall drohender Verhaftung gesprochen. Doch als er eintrat, war ich absolut unvorbereitet. Nicht mal meine zweimonatige Ausweisung 1986 - für eine Überschrift über einen meiner "Times"- Artikel, die nicht ich geschrieben hatte - hatte mich vorbereitet.

Es begann Montagnacht mit heftigem Pochen am verschlossenen Tor meines Hauses in Harare. Der Wachmann erklärte, zwei Männer in einem Auto begehrten Einlass. Als wir die Alarm-Sirenen aufheulen ließen, fuhren sie fort. Um 10.00 Uhr kamen dann zwei Polizisten in Zivil ins Büro, das ich mir mit zwei Kollegen in einem heruntergekommenen Hochhaus im Zentrum teile. Die Beamten erklärten, sie untersuchten Hinweise auf unsere Verwicklung in Spionageaktivitäten.

Unsere Anwältin Beatrice Mtetwa kam wenig später und konnte nur lachen, als sie den Grund hörte. Nach einer weiteren Stunde kamen drei Kripo-Beamte der berüchtigten "Law and order"-Abteilung. Sie lehnten es ab, sich auszuweisen, und beschuldigten uns der illegalen Tätigkeit als Journalist. Nach den im Januar verabschiedeten neuen Mediengesetzen sind Journalisten ohne Genehmigung der amtlichen Medienkommission Verbrecher, denen bis zu zwei Jahre Haft drohen. Die Anwältin erklärte, dass wir in den vergangenen drei Jahren immer wieder vergeblich unsere Akkreditierung beantragt hätten.

Solange ein solcher Antrag

aber nicht abgelehnt wurde, ist nach den Gesetzen die weitere journalistische Tätigkeit erlaubt. Doch das interessierte die Beamten nicht sonderlich. Sie brachten dann eine Computerspezialistin ins Büro. Die inspizierte kurz Computer und Telefonanlage, die die Polizisten für geheimes Überwachungsmaterial hielten. Danach meinte sie, dass eventuell die Satellitenschüssel im Hof ohne Genehmigung aufgebaut sein könnte. Tags darauf war dann niemand von uns im Büro, als zehn Polizisten ohne Durchsuchungsbefehl unsere Computer, Schreibtische und Unterlagen unter die Lupe nahmen.

Der jungen Computer-Spezialistin sah unsere Anwältin später zu, wie sie die Festplatte erforschte. Als sie dann angebliche Hinweise auf Banküberweisungen von ausländischer Währung entdeckte, meinte sie triumphierend: "Wir haben ihn!" Nichts davon hätte nach Ansicht der Anwältin für ein Verfahren gereicht. Wir haben immerhin alle außerhalb Simbabwes gearbeitet und daher auch Bankkonten im Ausland.

Insgesamt 15 Polizisten hatten drei Tage lang bei Durchsuchungen und halbherzigen Verhören nur vage Anhaltspunkte für etwaige Vergehen gefunden. Es war klar, dass sie nach einem Vorwand suchten. Ende März stehen Parlamentswahlen in Simbabwe an, und die Regierung geht mit eisernem Griff gegen die oppositionelle Bewegung für Demokratischen Wandel (MDC), Menschenrechtsgruppen und Journalisten vor. Auch wir erwarteten Ähnliches.

Am Mittwoch warnte die Anwältin: "Mir wurde gesagt, dass sie euch schnappen wollen." Ihre Quellen hätten ihr berichtet, dass die Polizei Gesetze bemühen wolle, die eine Verhaftung von 28 Tagen ohne jede richterliche Verfügung ermöglichen - und diese Haft kann auf unbestimmte Zeit verlängert werden!

Das reichte,

um einen Entschluss zu fassen. Ich parkte mein Auto bei einem Freund und lieh mir dessen Wagen - die Polizei kannte ja unsere Auto-Kennzeichen. Nur zwei enge Freunde waren eingeweiht. In den vergangenen drei Tagen hatte ich am Telefon nur verschlüsselt gesprochen und aus Furcht vor Mithörern stets andere Telefone genutzt. Ich habe auch nicht mehr zu Hause geschlafen. In der Nacht fuhr ich die 550 Kilometer bis zur Grenze nach Botswana. Nicht einmal von Samson, meinem Kater, konnte ich mich verabschieden.

(Jan Raath hat am 17. Februar 2005 Simbabwe verlassen, sein Bericht entstand am 20. Februar)

Jan Raath/DPA / DPA