Steigende Lebensmittelpreise Der indische Aldi-Effekt


Auch in Indien sind die gestiegenen Preise für Lebensmittel deutlich zu spüren - sowohl in den armen Bevölkerungsgruppen als auch in der Mittelschicht. Noch leidet das Land aber still. Ansätze, wie die Krise überwunden werden kann, fehlen. Die Hoffnung liegt auf dem kommenden Monsum.
Von Teja Fiedler

"Alles wird teurer und teurer, fast jeden Tag," stöhnt der Mumbaier Rickshaw-Fahrer Pritam, "vor einem Jahr kam meine Frau beim Einkaufen von Lebensmitteln noch mit tausend Rupien im Monat klar, jetzt reichen tausend Rupien nur noch für drei Wochen." Tausend Rupien sind knapp 20 Euro. Für einen Mann, der im Monat 5000 Rupien verdient, ist das eine Menge Geld. Geld, das hinten und vorne nicht mehr ausreicht. Seit eine offizielle Inflationsrate von 7,4 Prozent ganz Indien schockt, ist vor allem den Armen - und das sind zwei Drittel der Bevölkerung des 1,2-Milliarden-Volks - mehr als klar: sie müssen den eh schon sehr eng geschnallten Gürtel noch enger schnallen.

Dabei sind sieben Prozent Inflation nur ein statistischer Wert. Für Nahrungsmittel, also den Dingen, die für die Armen am wichtigsten sind, ist sie längst deutlich im zweistelligen Bereich. Reis, Hülsenfrüchte, Speiseöl - die Preise steigen und steigen. Und die Aussichten sind trübe. Denn die Explosion der Preise ist ein globales Phänomen. Um 45 Prozent sind sie laut Jaques Diouf, dem Präsidenten der internationalen FAO (Food and Agriculture Organisation) in den vergangenen neun Monaten gestiegen. Besonders Reis, Mais und Weizen sind weltweit knapp geworden. Die Gründe für diese Explosion liegen auf der Hand: Missernten durch den Klima-Wechsel, gestiegene Fleisch- und Milch-Produktion, für die überproportional viel pflanzliche Nahrung eingesetzt werden muss, höhere Energie- und Transportpreise, Aufgabe von Flächen zum Anbau von Lebensmitteln zugunsten gesteigerter Produktion von Bio-Treibstoff und natürlich auch künstliche Verknappung durch Horten.

Indien leidet still

In Afrika sind schon die ersten Hunger-Unruhen ausgebrochen. Der indische Sub-Kontinent hält noch ruhig und leidet still. Da in diesem und im nächsten Jahr in der größten Demokratie der Welt mehrere Wahlen auf Landes- und Bundesebene anstehen, melden sich überall die Politiker zu Wort, mit mehr oder minder guten Vorschlägen, den Armen zu helfen. Die Stadt Mumbai hat für drei Monate die mittelalterlich anmutenden Einfuhr-Zölle auf Zucker, Speiseöl und Tee ausgesetzt, die bisher an der Stadtgrenze entrichtet werden mussten - das soll die Inflation drücken. Die Regierungspartei im Bundesstaat Karnataka verspricht den Millionen, die offiziell als "Menschen unterhalb der Armutsgrenze" anerkannt sind, Reis für zwei Rupien pro Kilo - etwa einem Zehntel des wahren Preises - davon erhofft sie sich deren Stimmen. Die Bundesregierung will eine Million Tonnen Speiseöl und 1,5 Millionen Hülsenfrüchte einführen und an die Bedürftigen für nur 15 Rupien pro Liter verkaufen (der Marktpreis liegt bei über 100 Rupien). Und sie hat wie viele asiatische Nationen die Ausfuhr der Reissorten verboten, die im Land am meisten verzehrt werden. Zusätzlich hat sie die bisher gültige Importsteuer von 36 Prozent auf Weizen gestrichen.

Die Mittelklasse steigt derweil von Markenartikeln auf billigere Produkte ohne großen Namen um - eine Art indischer Aldi-Effekt. Und hofft, dass die "food crisis" endlich einem Missstand zu Leibe geht, der Indien schon lange plagt. Wegen unzureichender Lagerung, mangelnder Kühlung und katastrophaler Transportbedingungen verrotten im Land jährlich geschätzt zwanzig bis dreißig Prozent der Ernte.

Eine gute Nachricht hellt das trübe Bild etwas auf. Der Monsun, die Lebensquelle der indischen Landwirtschaft, soll laut den Meteorologen in diesem Jahr trotz Klimawandel und völlig ungewöhnlicher Regenfälle bereits im März und April ganz normal ausfallen. Schon frohlockt der Wissenschaftsminister: "Da gibt es dann genug Wasser, alles wächst gut und es kommen mehr Nahrungsmittel auf den Markt."


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