HOME

STICHWORT: Wie die »Kursk« gehoben wird

Die Bergung des vor knapp einem Jahr mit 118 Mann Besatzung verunglückten russischen Atom-U-Boots »Kursk« ist kompliziert, gefährlich und kostet 115 Millionen Mark.

In der Barentssee wird die Weltöffentlichkeit in den kommenden Wochen eine gigantische Rückholaktion verfolgen können. Die Bergung des vor knapp einem Jahr mit 118 Mann Besatzung verunglückten russischen Atom-U-Boots »Kursk« dauert bis September an und kostet vermutlich 50 Millionen Dollar (115 Millionen Mark/58 Millionen Euro).

Die Bergung im Detail

Mit Hilfe einer ferngesteuerten Säge wird zunächst der zerstörte Bug vom Wrack der »Kursk« abgetrennt. Die vordere Torpedokammer ist hochexplosiv und könnte beim Anheben abreißen. Im Meeresboden verankerte riesige Hydraulikzylinder ziehen eine Sägekette abwechselnd durch die Stahlhülle der »Kursk«. Das gleicht dem Wechselspiel beim Sägen eines Holzstammes.

Anschließend werden Taucher vom Spezialschiff »Mayo« aus mit Hochdruck-Wasserstrahlen Löcher in den Rumpf der »Kursk« fräsen. Insgesamt 26 Stahlseile werden mit Ankerhaken an der inneren Stahlhülle der »Kursk« festgeklemmt. Auf dem Wasser geht der 140 Meter lange Ponton »Giant« über dem Wrack in Position. Die 26 Hydraulikheber auf dem Ponton-Rücken können zusammen eine Last von 23 400 Tonnen heben. Das entspricht der Wasserverdrängung des U-Boots.

Die schwierigste Aufgabe: Das Heben

Dann folgt die schwierigste Aufgabe: Computergesteuert ziehen die Hydraulikheber die gigantische Last langsam nach oben. Die Heber können bis zu zwei Meter hohe Wellen ausgleichen, ohne dass die Fracht unten in Schieflage gerät. Bis knapp unter die Wasseroberfläche angehoben, wird die »Kursk« in Richtung Küste geschleppt. Dort greifen zwei jeweils 100 Meter lange Schwimmpontons unter den Havaristen und transportieren ihn in das militärische Trockendock Rosljakowo. Vorrang hat die Bergung der Leichen aus dem Wrack.

Immer wieder schwere Unglücke auf Atom-U-Booten

In den vergangenen Jahrzehnten sind bei Unglücken auf Atom-U-Booten zahlreiche Seeleute ums Leben gekommen. Eine Übersicht der schwersten Katastrophen:

August 2000: Das russische Atom-U-Boot »Kursk« (K-141) der Oscar-II-Klasse sinkt mit 118 Mann Besatzung auf den Grund der Barentssee. Nach einer Woche werden keine Überlebenden mehr an Bord vermutet. Die Unglücksursache ist unklar.

April 1989: Das hochmoderne sowjetische Atom-U-Boot »Komsomolez« (K-278) sinkt nach einem schweren Brand 180 Kilometer vor der norwegischen Bäreninsel. 42 der 69 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Das Wrack wird auf dem Meeresboden abgedichtet, damit kein hochgiftiges Plutonium aus zwei Atom-Torpedos dringt. Es war das einzige Schiff der neuen Mike-Klasse.

Juli 1983: Das sowjetische Boot K-429 (Klasse Charlie-I) sinkt mit 120 Mann an Bord vor der Kamtschatka-Halbinsel. Die Seeleute versuchen, aus 60 Meter Tiefe einzeln an die Oberfläche aufzutauchen. 17 Mann überleben den Aufstieg nicht. Das Boot wird später geborgen.

April 1970: Vor der spanischen Atlantikküste sinkt das sowjetische Atom-U-Boot K-8 der November-Klasse nach einem mehrtägigen Brand. 52 Seeleute sterben.

Mai 1968: Die atomgetriebene amerikanische »Scorpion« versinkt nach einer Torpedoexplosion im Atlantik. 99 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben.

April 1963: Alle 129 Mann Besatzung des amerikanischen Atom-U-Boots »Thresher« sterben beim Untergang im Atlantik. Außenbords verlaufende Rohleitungen hatten dem Tiefseedruck nicht standgehalten.