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US-Wahl 2020 Joe Biden mag auch nach dem TV-Duell in Führung liegen – die Wahl gewonnen hat er noch lange nicht

Sehen Sie im Video: Trump nach zweitem TV-Duell – "Ich bin die am wenigsten rassistische Person im Raum" – Twitter liefert ihm den Gegenbeweis
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Die meisten Amerikaner wissen, ob sie ihre Stimme lieber Donald Trump oder Joe Biden geben werden. Daran dürfte auch das TV-Duell nichts geändert haben. Doch die Präsidentschaftswahl wird möglicherweise nicht an der Wahlurne entschieden.

Wäre der US-Wahlkampf ein 3000-Meter-Hindernislauf, dann hätten die Kontrahenten mit dem TV-Duell als Wassergraben nun die letzte, kniffelige Hürde genommen. Wie dabei üblich, sind sowohl der Amtsinhaber als auch sein Herausforderer etwas nass geworden, doch keiner der beiden hat sich der Länge nach hingelegt oder ist ins Stolpern geraten. Wer auch immer auf eine Ende-Oktober-Überraschung oder gar Wende im Rennen ums Weiße Haus gehofft hatte, wurde enttäuscht. Donald Trump und Joe Biden scheint auf den letzten Metern der Zielgeraden allerdings etwas die Puste auszugehen.

Die zweite von ursprünglich drei geplanten TV-Debatten bewies einmal mehr, dass der US-Präsident, obwohl immer für eine Überraschung gut, im Grunde ein One-Trick-Pony ist, wie es im Englischen heißt: Jemand, der nur über ein einziges Mittel verfügt, das er aber wieder und wieder anwendet. In seinem Fall, sich in den Mittelpunkt zu drängeln, ganz gleich um welchen Preis. Beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Präsidentschaftskandidaten Ende September war das gut zu beobachten. Trump quasselte in einer Tour dazwischen, schnitt Biden bei jeder Gelegenheit das Wort ab, was weder höflich geschweige denn staatsmännisch war, aber dafür effektiv. Denn anschließend drehten sich mal wieder die ganzen Diskussionen um ihn: den notorischen Streithansel aus dem Weißen Haus.

Das überforderte Kind bei der Adventsaufführung

Sein Herumgepöbel, seine Lästereien und sein feines Gespür für das Publikum machen Donald Trump zu einem begnadeten Bühnenredner. Doch wann immer er gezwungen ist, sich zusammenzureißen, also ausnahmsweise mal nicht er selbst zu sein, wirkt der US-Präsident wie ein überfordertes Kind bei der Adventsaufführung. So auch jetzt wieder bei der Fernsehdebatte in Nashville. Körperlich weiterhin um einiges präsenter als der drei Jahre ältere Biden, wirkte der Republikaner dennoch ungewohnt defensiv. Seine Berater würden es wohl diszipliniert nennen, doch die Zuschauer sahen einen 74-jährigen Mann, dem sein bester, weil einziger Trick abhandengekommen war: die Rücksichtslosigkeit. 

Inhaltlich hatte der Amtsinhaber meist nicht mehr zu bieten als die üblichen Selbsthuldigungen ("Haben die Coronakrise vorbildlich gemanagt") und den eher neuen Versuch, Bidens Glaubwürdigkeit mit dessen angeblichen Verbindungen in die Ukraine und nach China in Zweifel zu ziehen. Wie auch schon im Wahlkampf vor vier Jahren bedient sich Trump dazu dubioser E-Mails, die wie durch ein Wunder in den letzten Tagen vor der Abstimmung aufgetaucht sind. Was genau an den Vorwürfen dran ist, ist unklar. Nach dem Stand der Dinge haben sie nicht das Zeug für eine wahlentscheidende Wende. Joe Biden also musste im Grunde nicht viel anderes tun, als die verzweifelt wirkenden Angriffe des US-Präsidenten ins Leere laufen zu lassen. Und viel mehr tat der Demokrat auch nicht.

Sehr viele Amerikaner haben schon abgestimmt

Anders als zu diesem Zeitpunkt 2016 gibt es bei der aktuellen Präsidentschaftswahl nur noch wenige unentschlossene Wähler. Sehr viele von ihnen haben sogar bereits abgestimmt: entweder per Brief oder über die Möglichkeit des so genannten Early Votings. Etwa die Hälfte der Stimmen wurden bereits abgegeben, anders gesagt, ein großer Teil der Wahl ist bereits gelaufen und wer weiterhin unschlüssig ist, dem dürfte diese Diskussion kaum weitergeholfen haben. Für Donald Trump ist das eine schlechte Nachricht, denn er liegt in den Umfragen hinten, er ist es, der die Auseinandersetzung hätte deutlich gewinnen müssen. Stattdessen aber verkauft er sich, der mächtigste Mann der Welt, weiter als "Underdog", der heroisch gegen "das System" kämpft.

Von diesem Amtsinhaber wird Joe Biden nichts zu befürchten haben, eigentlich könnte er die letzten Meter auf der Ziellinie nun in aller Ruhe zu Ende joggen. Jedenfalls dann, wenn alles mit rechten Dingen zugeht – was aber noch nicht sicher ist. Schließlich sind wir im Jahr 2020. Das Trump-Lager, konservative Juristen sowie zahlreiche andere Aktivisten jeder politischen Couleur haben bereits Klagen gegen die Präsidentschaftswahl vorbereitet. Mal geht es um die Abstimmung per Post im Allgemeinen, mal um "Wählerunterdrückung" im Besonderen. Einige Gerichte haben auch schon entschieden, etwa über die Zulässigkeit längerer Auszählungsfristen für Briefwahlstimmen.

US-Wahl wird am 3. November nicht gelaufen sein

Auch wenn die eigentliche Wahl am 3. November stattfinden wird, haben schätzungsweise mehr als 100 Millionen Amerikaner (Brief- und Frühwähler) jetzt schon ihre Stimmen abgegeben. So viele wie noch nie zu diesem Zeitpunkt. Und obwohl Joe Biden landesweit aller Wahrscheinlichkeit nach die meisten Stimmen bekommen wird, ist die Wahl alles andere als gelaufen. Wegen der Massen an zu erwartenden Klagen und Einsprüchen, sind sich viele Experten nicht einmal sicher, ob das Wahlleutegremium, das letztlich den US-Präsidenten wählen wird, den Termin Mitte Dezember überhaupt wird halten können. Sicher ist: Ohne erheblichen Widerstand werden Donald Trump und seine Unterstützer Joe Biden nicht ins Weiße Haus einziehen lassen.


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