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#nichtegal - Anerkennung für Mütter: Frauen sitzen in der "Perfekt"-Falle

Wir haben gefragt, was Ihnen nicht egal ist und Hunderte Zuschriften bekommen. Einigen Themen sind wir nachgegangen. Heute antworten wir Dorothee Brauweiler, die sich als Mutter nicht anerkannt fühlt.

Von Viktoria Meinholz

In den Wochen vor der Wahl hieß es ständig, Deutschland gehe es gut, es müsse nur so weitergehen. Das Gerede über die Wohlfühl-Republik hatte uns in der stern-Redaktion wütend gemacht. So entstand die Aktion "Es ist uns nicht egal". Nachdem stern-Mitarbeiter und zahlreiche Prominente aufgeschrieben haben, was ihnen nicht egal ist, meldeten sich hunderte Leser bei uns. Auf ihre Zuschriften wollen wir nun Antworten auf stern.de geben.

Dorothee Brauweiler ist nicht egal, dass das, was sie als Mutter tagtäglich zu Hause leistet, so schlecht geredet wird.

Ob Betreuungsgeld, Kitaplätze oder Elterngeld: Über wenig wird in Deutschland so freudig gestritten wie über die Familienpolitik. Auch der Brief von Dorothee Brauweiler hat viele Leser interessiert, über 500 drückten auf den "Gefällt mir"-Button. Doch hat sie Recht mit ihrem Gefühl, dass Vollzeitmütter in Deutschland keine Anerkennung erfahren?

"Ja, hat sie. Man wertschätzt die Leistung dieser Mütter nicht", sagt Corinna Onnen, Professorin für Familiensoziologie und Gender Studies an der Universität Vechta. "Das traditionelle Familienbild hat eigentlich seit den 1960er Jahren ausgedient. Seitdem ist es nur noch eine der Optionen und kein Zwang mehr. Inzwischen muss sich jede Frau legitimieren, wenn sie zu Hause bleiben will."

Perfekte Mutter - perfekte Frau

Dass Frauen nicht mehr auf ihren Beruf verzichten müssen, wenn sie Kinder bekommen, ist eine positive Entwicklung. Aber warum geht damit eine Abwertung der nicht arbeitenden Mutter einher? "Das Konzept der Vollzeitmutter ist in der Gesellschaft nicht mehr Konsens. Die arbeitende Mutter ist das neue Ideal", sagt die Professorin. Dadurch haben Mütter, die ihre Kinder zu Hause betreuen, an Ansehen verloren.

Doch auch wenn heute jede Frau schnell wieder arbeiten gehen soll, habe sich an den alten Mutteridealen wenig geändert. "Die Frau soll noch immer alles sein. Perfekte Mutter, perfekte Ehefrau und jetzt auch noch perfekte Arbeitnehmerin. Wenn aber in der Familie etwas schief läuft, ist immer noch die Mutter schuld", erläutert Onnen. Die moderne Mutter soll beruflich erfolgreich sein - aber bitte auch weiterhin Kindergeburtstage organisieren und leckere Pausenbrote schmieren. Die Erwerbstätigkeit ist dazugekommen, aber die "alten" Vorstellungen einer guten Mutter sind geblieben. Die Frau hängt dazwischen - und wird bewertet.

Jeder weiß es besser

"Eigentlich darf man sich in Deutschland nicht in die Privatsphäre und die Familie einmischen. Die Kernfamilie aus Mutter, Vater, Kind bleibt traditionell gesehen für sich", sagt Corinna Onnen. Der Staat könne nur intervenieren, wenn etwas Substanzielles schief läuft, Vernachlässigung oder Missbrauch vorliegen. Das sei in anderen europäischen Ländern nicht so. In Frankreich zum Beispiel übernimmt auch der Staat Verantwortung für die Erziehung. In Deutschland eigentlich unvorstellbar. "Aber jetzt will sich auch hier die Politik einmischen. Es wurden und werden Maßnahmen verabschiedet, die Mütter zurück ins Berufsleben bringen sollen und so die Familienstruktur verändern", erklärt Onnen. Dadurch sind Familien- und Erziehungsformen zum öffentlichen Thema geworden. Zu einem viel diskutierten Thema, zu dem jeder eine Meinung hat.

Und dabei ist egal, ob kinderlos oder schon lange nicht mehr im gebärfähigen Alter: Wie Kinder richtig erzogen werden sollten, wissen sie alle. Auch Mütter kämpfen oftmals gegeneinander und für den von ihnen gewählten Weg. Aber warum eigentlich? Kann nicht jede Mutter, ob sie nun ihr Kind in einer Kita betreuen lässt oder es zu Hause versorgt, anerkannt werden? Der Großteil der Mütter kümmert sich liebevoll um seine Kinder - das ist und bleibt das Wesentliche.

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