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"Anne Will" Von unfairen Gästen und ehrlichen Ansagen

Moderatorin Anne Will hatte CDU-Mann Volker Bouffier nicht unter Kontrolle
Moderatorin Anne Will hatte CDU-Mann Volker Bouffier nicht unter Kontrolle
© NDR/Wolfgang Borrs
Anne Will hatte ihre Gäste nicht im Griff. Während Volker Bouffier sich ins Aus redete, mahnten andere zur Ehrlichkeit in unterschiedlicher Ausprägung.
Von Andrea Zschocher

Es ist das alte Spiel, Politiktalkshows geben vor Sendungsbeginn ein Thema vor, auf welches dann in der Sendung gar nicht eingegangen wird. Diesen Vorwurf kann man Anne Will in weiten Teilen auch machen, ihre Einstiegsfrage: "Noch eine Woche bis zur Wahl - was ist uns das Klima wert?" wurde natürlich nicht beantwortet. Und auch wenn es inhaltlich über weite Teile tatsächlich um Klimaschutz ging, es bleibt der Vorwurf, dass Will diese Wahlsendung zwar mit Gästen aus CDU, SPD, den Grünen und der FDP füllte, der Faktencheck, der für die Einordnung des Gesagten eine Woche vor der Wahl aber extrem wertvoll gewesen wäre, außen vor blieb. Gerade in Anbetracht der nahenden Wahl und bei einem so komplexen Thema wie Klimaschutz sollten die Zuschauenden sich aber nicht auf ihr Gefühl verlassen, was stimmen könnte, sondern evidenzbasierte Fakten präsentiert bekommen. Wo ist eigentlich der Buzzer der logo! Kinderreporter*innen, wenn man ihn mal wirklich braucht?

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

Saskia Esken (SPD), Parteivorsitzende

Cerstin Gammelin, Journalistin der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin

Robert Habeck (Bündnis 90 / Die Grünen), Parteivorsitzender

Christian Lindner (FDP), Partei- und Fraktionsvorsitzender im Bundestag

Volker Bouffier (CDU), Stellvertretender Parteivorsitzender und Ministerpräsident in Hessen

Unfairer Volker Bouffier

Anne Will hatte in ihrer eigenen Sendung einen schweren Stand. Nicht nur, dass Christian Lindner sie mehrfach unterbrach, weil er sich von ihr missverstanden und falsch zitiert fühlte, Volker Bouffier hörte gleich vollkommen auf, (auf) sie zu achten. "Unfair" fand sie das, vor allem den anderen Gästen gegenüber. Dieses Verhalten, einfach mal weiterquatschen bis man selbst glaubt, den Punkt gemacht zu haben, ist aber auch eines, dass Stimmen von Wählenden kosten kann. Denn die "Times up" Bewegung macht zurecht auch vor deutschen Politiker*innen nicht mehr Halt.

Natürlich geht es im Wahlkampf dafür, Werbung für die eigene Partei zu machen. Aber so ungehobelt alles zu ignorieren, was andere in einer Talkshow beitragen könnten, das fiel schon extrem unangenehm auf. Ins gleiche Horn stieß Bouffier übrigens, in dem er Saskia Esken konsequent als "Frau Eskens" ansprach und auch hier taub für Korrekturen war. Kann man machen, zeigt dann aber auch eher das Klischee vom alten weißen Mann, der jahrelang die deutschen Politiktalkshow dominierte. Pünktlich zur Bundestagswahl zu fordern, jetzt beim Thema Klimaschutz mal "schneller zu werden", ist sicher auch nicht ganz der richtige Ansatz.

Weiter so geht nicht mehr

Immerhin, dieses Zugeständnis machte Bouffier, es könne auch in seinen Augen nicht weitergehen wie bisher. Sahen alle anderen Politiker*innen in der Runde naturgemäß genauso.

Mit einer Sache allerdings hatte der stellvertretende Parteivorsitzende Recht. Klimapolitik geht nicht ohne die Menschen. Er warb dringend dafür bei allen Maßnahmen und Ideen, "das Vertrauen zu erhalten". Für ihn, wie auch für die FDP und auch die Grünen, ginge, in unterschiedlicher Ausprägung, Klimaschutz nur mit staatlicher Hilfe bei gleichzeitigem Vertrauen in Innovationen. Während sich Christian Lindner allerdings fast schon reflexartig "Wohlstand und Wachstum" wünschte, machte Robert Habeck deutlich, dass die Erreichung des 1,5-Grad-Ziels nicht ohne massive Einschränkungen zu erreichen sein wird.

Eine Zeit voller Zumutungen

Es wird, sagte er, eine Zeit "voller Zumutungen" sein. Aber diese Ehrlichkeit bräuchte es in seinen Augen, um die Wählenden nicht zu enttäuschen. Würde es ein weiter so mit der GroKo geben, würde die Politik scheitern oder zum Wortbruch führen. Die Pläne seien "zum Scheitern verurteilt, wenn wir nicht in die Pötte kommen." Für die Grünen keine Option. Und das, obwohl auch ihr Wahlprogramm nicht reicht, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. "Wir sind schon die Ehrgeizigsten", sagte Habeck und wies darauf hin, dass da eben auch die Hoffnung auf Innovationen mitspielt. Hier liegt eine Nähe zur FDP, die Christian Lindner sichtlich freute. Es wirkte, als würden hier schon erste Koalitionsverhandlungen mal aufgenommen werden, auch weil Linder direkt schon betonte, welche Gemeinsamkeiten es zwischen den Parteiprogrammen doch gäbe.

"Anne Will": Von unfairen Gästen und ehrlichen Ansagen

Weitere Themenpunkte:

  • Robert Habeck klärt auf Mehrfach grätschte der Grünen-Politiker dazwischen um Gesagtes einzuordnen. Das Problem dabei: Robert Habeck befindet sich ebenfalls im Wahlkampf. Nur die wenigsten Zuschauenden können einschätzen, ob seine Einordnungen denn den Tatsachen entsprechen.
  • Journalistin zweifelt an Ehrlichkeit Cerstin Gammelin gab zu bedenken, dass die Wahlprogramme der Parteien nicht zur Realität passen würden und wies darauf hin, dass der gesellschaftliche Konsens oftmals außer Acht gelassen werden würde. Dabei sollten Politiker*innen viel ehrlicher sein und sagen: "Es kostet was und es kostet auch Verhaltensänderung."

Über weite Teilen blieb diese "Anne Will" Sendung einfach ärgerlich, weil zum Einen durch das Zwischenquatschen überhaupt nichts mehr zu verstehen war. Aber auch weil die Moderatorin ihrer Aufgabe den Talk zu moderieren nicht nachkam. Am Ende der Sendung wurde den Gästen dann einfach das Mikrofon abgedreht, damit wenigstens die Abmoderation noch möglich war. Immerhin, die heiße Phase des Wahlkampfs ist bei "Anne Will" nun durch, sie tritt erst wieder an, wenn die Wahllokale am nächsten Sonntag geschlossen sind.


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