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Baerbock, Scholz und Laschet Drei Erkenntnisse aus dem letzten TV-Triell vor der Bundestagswahl

Olaf Scholz (l.), Annalena Baerbock (M.) und Armin Laschet beim dritten TV-Triell bei ProSieben in Berlin
Das letzte direkte Aufeinandertreffen vor der Bundestagswahl: Olaf Scholz (l.), Annalena Baerbock (M.) und Armin Laschet beim dritten TV-Triell bei ProSieben in Berlin
© Willi Weber / ProSieben / Seven.One / DPA / DPA
Im letzten Triell vor der Bundestagswahl schießen sich Olaf Scholz und Annalena Baerbock auf Armin Laschet ein. Der wirkt nicht so, als glaube er selbst noch an seinen Sieg.
Von Simone Deckner

Das letzte Triell ist vorbei – und somit auch die letzte Chance, die drei aussichtsreichsten Bewerber um die Nachfolge von Angela Merkel direkt miteinander vergleichen zu können. Und auch, wenn auf Twitter vielfach gelästert wurde, man brauche ein weiteres Triell ungefähr so dringend wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt, so sind Entscheidungshilfen doch dringend geboten: Laut Umfragen weiß noch immer jeder Vierte nicht, wen er oder sie am 26. September wählen soll. Die Moderatorinnen Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch machten klar, dass es ihnen explizit um jene Unentschlossenen ging bei ihrer Befragung von Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU/CSU) und Annalena Baerbock, die am Sonntag live auf Sat.1, ProSieben und Kabel Eins übertragen wurde.

Aber: Wer konnte am meisten überzeugen? Gab es Überraschungen? Was bleibt haften von diesem letzten medialen Gipfeltreffen der Kanzlerkandidaten?

Drei Erkenntnisse, die wir aus diesem Triell mitnehmen:

1. Annalena Baerbock und Olaf Scholz schießen sich gemeinsam auf Armin Laschet ein

Es war ungefähr zur Halbzeit des Triells, als Annalena Baerbock ungläubig den Kopf schüttelte: "Ich frage mich, was mit ihnen eigentlich los ist, Herr Laschet?", fragte sie und wirkte ehrlich entgeistert. Zuvor hatte Laschet sein "Nein" zum Mindestlohn von 12 Euro verteidigt, er hatte Kinderarmut zwar als "schrecklich" bezeichnet, aber Hartz-IV-Sanktionen für unabdingbar erklärt und bei der Klimapolitik erklärt, er wolle lieber auf die "Kreativität" von Automobilkonzernen setzen statt auf Verbote und einen frühen Ausstieg aus der Kohleverstromung. Baerbock hatte genug gehört. Er stehe "für eine Politik aus den 90er-Jahren", attackierte ihn die Grüne.

Und sie war damit nicht allein. Olaf Scholz ging Laschet ebenfalls scharf an: Als Scholz davon sprach, dass es nicht sein dürfe, dass man in Deutschland von einem Vollzeitjob nicht leben könne und abermals für die Erhöhung des Mindestlohns warb, unterstellte ihm Laschet bloße Wahlkampfversprechen. Scholz reagierte für seine Verhältnisse geradezu emotional: "Herr Laschet, das ist vielleicht der Unterschied zwischen ihnen und mir: Ich mache das nicht, weil gerade Wahlkampf ist. Ich erhebe diese Forderung schon seit ein paar Jahren. Mir geht es um die Würde der Bürgerinnen und Bürger, das ist allerdings, was uns vielleicht in dieser Frage unterscheidet." 

Scholz hielt sich mit Kritik an den Grünen auffallend zurück, betonte stattdessen Gemeinsamkeiten, etwa beim Thema Pflege, wo beide Parteien nicht nur bessere Bezahlung sondern auch mehr Personal fordern. 

2. Armin Laschet hat kein Ass mehr im Ärmel

Alle Beobachter waren sich zuvor einig: Wenn CDU-Kandidat Armin Laschet noch die Trendwende schaffen will, muss er im letzten Triell gegen Olaf Scholz punkten. Womit? Fast egal. Doch der 60-Jährige wirkte von Beginn an fahrig und argumentierte oft umständlich. Laschet redete zwar insgesamt am längsten, wiederholte aber oft nur Altbekanntes. Etwa beim Thema Armut: "Meistens geht Armut einher mit mangelnder Arbeit", benannte er das Offensichtliche. Es sei "schlimm, wenn Eltern keine Arbeit haben". Laschets Rezept: mehr Arbeitsplätze. Dass in einem Einspieler eine alleinerziehende Mutter erzählte, dass sie ihre Tochter kaum noch sieht, weil sie in zwei Jobs 50 Stunden die Woche ackern muss, um über die Runden zu kommen, schien für ihn jedoch kein Widerspruch zu sein.

Einzig beim Thema, woher denn das ganze Geld für die geplanten Änderungen, etwa in der Klimapolitik, kommen solle, machte Laschet ("Wir brauchen eine starke Wirtschaft") Punkte. Doch schon beim Thema Pflege holperte er wieder: "Ich will, äh  … als Bundeskanzler die Pflege zu einem Thema ... zu dem großen Thema der nächsten Jahre machen." Überzeugend ist anders.

3. Man kann Politik mit Micky-Maus-Heften machen

Linda Zervakis sorgte für den Überraschungseffekt des Abends: Als Kind eines Kiosk-Besitzers habe sie früher an der Quelle für Micky-Maus-Hefte gesessen. Bereits 1993 sei in dem bunten Blättchen die Abholzung des Regenwaldes schon Thema gewesen. Zervakis zu Laschet: "In der CDU werden anscheinend nicht so viele Comichefte gelesen, oder warum sind wir 30 Jahre später noch immer nicht viel weiter?" Laschet konterte, damals habe mit Klaus Töpfer ja ein CDU-Politiker "das Klimathema vorangebracht wie kein anderer". Baerbock: "Ja, aber die Lehren daraus hat ihre Partei nicht gezogen!" Da war es für die Grüne dann auch vorbei mit dem Koalitionsvorgeplänkel und sie griff die GroKo und auch Olaf Scholz an. "Die nächste Bundesregierung muss eine Klimaregierung sein. Wir dürfen beim Klimaschutz keine halben Sachen mehr machen."

"Scholz hat keinen Fehler gemacht"

In der anschließenden Triell-Analyse sah die Journalistin Düzen Tekkal die Grüne auch vorn: "Es gab eine Gewinnerin: Baerbock. Sie war on fire!" In der Forsa-Umfrage landete die Grüne jedoch auf dem letzten Platz (25 Prozent) hinter Laschet (27 Prozent) und Scholz (42 Prozent). "Scholz hat keinen Fehler gemacht", so das Fazit des internationalen Kampagnenberaters Julius van de Laar, Laschet habe hingegen nicht das so dringend benötigte "Momentum" gehabt.

Baerbock, Scholz und Laschet: Drei Erkenntnisse aus dem letzten TV-Triell vor der Bundestagswahl

Wem das alles nicht half, war Jenke von Wilmsdorff. Der Mann, der durch seine Selbstversuche bekannt geworden ist, haderte nach dem Triell: "Mich hat es nicht überzeugt. Alle Kandidaten sind in Skandale verwickelt. Ich will jemanden, dem ich blind vertrauen kann." Die Moderatorin Marlene Lufen riet ihm, keine unrealistischen Erwartungen zu pflegen: "Wir suchen den Bestmöglichen." Kolumnist Jan Fleischhauer wiederum monierte, das Olaf Scholz sich nicht explizit gegen eine Koalition mit der Links-Partei ausgesprochen habe. Moderatorin Claudia von Brauchitsch hatte die Bilder der drei Kandidaten nach dem Triell da schon süffisant kommentiert: "Die sind echt froh, dass das vorbei ist."


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