Berlin vertraulich! Sind wir nicht alle ein wenig "spinnert"?


Wowereit glaubt, dass Deutschland für einen schwulen Kanzler bereit ist. Und in der CSU stellte man jüngst fest, dass jede Partei einen "spinnerten Flügel" hat. Doch es gibt auch richtig ernste Themen: die Rettung der Bocksbeutel zum Beispiel.
Von Hans Peter Schütz

Über nichts klatschte Polit-Berlin vergangene Woche begeisterter als über die frühe Biografie, die sich der Regierende Bürgermeister der Hauptstadt hatte aufschreiben lassen. Klaus Wowereit hat darin ("...und das ist auch gut so") sowie in den PR-Interview danach nichts ausgelassen. Weder, dass er zeitweilig bi war, noch dass er es für möglich hält, dass ein Schwuler auch einmal Kanzler werden könnte. Die Berliner Opposition hatte es damit wieder einmal, wie so oft, schwer, überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Die CDU lästerte fortwährend über "Wowis Fummel-Fibel". Die Freien Demokraten versuchten auf die fast seriöse Tour, dem Berliner Polit-Liebling eins auszuwischen. Die Liberalen verschickten ein Buch mit dem anspruchsvollen Titel "Klaus Wowereits Ideen für mehr Wirtschaftswachstum und mehr Jobs in Berlin." Klar, es stand kein Buchstabe drin.

*

Alles war wie immer: Stoiber pur hielt Einzug auf der letzten Sitzung des Bundesrats. Natürlich, wie immer, kam er zu spät. Selbstverständlich trug einer seiner Nahesteher, wie immer, den Aktenkoffer voraus, so dass er bereits rechts von seinem Stuhl stand, als er sich setzte. Wie immer drängelten sich vier Höflinge um ihren Ministerpräsidenten. Und wie immer ging er, ehe die Länderkammer ihre 104 Tagesordnungspunkte abgearbeitet hatte. Nur ans Rednerpult ging er bei seinem letzten Auftritt vor dem Gremium, dem er fast 25 Jahre angehört hatte, nicht mehr. Leider, denn es ging auf dieser Sitzung auch um die Rettung eines bayerischen Juwels, wenn nicht gar eines Heiligtums: die fränkische Bockbeutelflasche, die ihren Markenschutz durch die EU-Regelungswut verlieren soll. Prompt setzte die politische Spekulation ein. Stoiber rede nur deshalb nicht, weil sein Nachfolger Günther Beckstein Franke ist und ebenso der Joachim Herrmann, CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag. Beide verdächtigt er, zu Recht, seinen Sturz nachhaltig betrieben zu haben. Und da soll er diesen Franken den Bockbeutel retten? Den braucht er nicht. Schließlich hat er von SPD-Chef Kurt Beck eine Flasche Riesling Spätlese zum Abschied bekommen, Jahrgang 2002, dem Jahr, als er fast Kanzler geworden wäre.

*

Statt Stoiber war indes Absurdes im Bundesrat zu hören. Die Länderkammer diskutierte, wie die deutsche Sprache in der EU zu stärken sei. Es sprach: Willi Stächele, Minister im Stuttgarter Staatsministerium. Ausgerechnet der, stöhnten da einige, der gehört doch zu denen, die alles können, nur kein Deutsch.

*

Eine politische Weisheit rutschte unlängst CSU-Landesgruppenchef Peter Ramssauer raus, ob absichtlich oder aus Versehen, blieb im Dunkeln. Ramsauer: "Jeder hat einen spinnerten Flügel in seiner Partei." Jetzt rätseln sie in der CSU, wer gemeint ist. Parteifreundin Gabi Pauli etwa? Wenn ja, bleibt die Frage, weshalb er sie als so interessant bezeichnet hat "wie der Dreck unterm Fingernagel."

*

Keineswegs beschäftigt der Anti-Terrorismus-Kampf Innenminister Wolfgang Schäuble ganztägig, wie man aus der Häufigkeit seiner einschlägigen Wortmeldungen zu diesem Thema schließen möchte. Manchmal findet er noch Zeit, sein Heimatland Baden-Württemberg ins verdiente Licht zu rücken. So unlängst in "Chrismon", dem Magazin der evangelischen Kirche. Im Streitgespräch mit dem russisch-deutschen Schriftsteller Wladimir Kaminer ("Russendisko") nannte er zunächst Baden den "schönsten Teil Deutschlands." Auf Kaminers Frage, weshalb dann Badener und Schwaben in Mengen nach Berlin ziehen, antwortete Schäuble: "Weil sonst in Deutschland nichts laufen würde. Wir müssen nämlich in der Hauptstadt dafür sorgen, dass das Land vorankommt. Wir sind nämlich die besten." Auch die besten bei der Wahrung des freiheitlichen Rechtsstaats?

*

Hätte man es je für möglich gehalten? Dass die Parlamentarischen Geschäftsführer von CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne jemals in aller Kollegialität mit den Amtskollegen von Die Linke frühstücken? Schließlich halten die Altparteien die Neuen für arge populistische Hallodri. Und doch sind sie jetzt alle einer Einladung der Linken zu einem "Roten Frühstück" gefolgt. Möglich gemacht hat das politische Wunder der CSU-Geschäftsführer Hartmut Koschyk, der unlängst die Geschäftsführer der anderen Parteien zum Weißwurst-Frühstück eingeladen hatte. Die Linken revanchierten sich ohne Rot zu werden: Mit roten Platzdeckchen, roten Servietten, roten Früchten, roter Wurst, rotem Traubensaft, rotem Wodka-Likör (am frühen morgen!) und roten Gummibärchen. Koschyk allerdings zog eine klare rote Linie gegen denkbare Unterstellungen politischer Nähe, indem er sagte: "Beim Essen sind wir tolerant, auch was die Farbe anlangt. Deshalb haben wir keine Angst vor solchen Frühstücken."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker