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Castortransport: Dannenberg - eine Stadt im Widerstand

Wer kurz vor der großen Anti-AKW-Demo durch Dannenberg spaziert, sieht die Hauptstadt der "Republik Freies Wendland" in stiller Gelassenheit. Kein Wunder, denn man ist erprobt im Widerstand.

Von Manuela Pfohl, Dannenberg

Beschaulicher Backstein, Bürgerhäuschen, niedliche Blumenbänkchen vor den kleinen Läden, in denen es selbstgesponnene Schafwolle, Biokäse und Tongeschirr aus der eigenen Töpferei gibt. Das ist Dannenberg im Wendland, kurz vor der großen Anti-AKW-Demo. Die Sonne scheint und vor dem italienischen Eiscafé sitzen ein paar Leutchen, die gemütlich ihren Cappuccino schlürfen. Dieses brave 14.000-Seelen-Städtchen soll das Nest des Widerstands gegen den Castortransport sein?

Die beiden Jungs, die mit ihren Fahrrädern in Windbreakern und dicken Thermohosen auf dem Marktplatz stehen, sind augenscheinlich irritiert. Nichts weist auf den ersten Blick darauf hin, dass sie sie hier richtig sind. "Sagt mal, irgendwo soll es hier einen Infoladen von den Castorgegnern geben", fragen sie ein paar Dannenberger Mädels. Die kichern. "Welchen? Da gibt es mehrere."

"Dass wir zur Demo gehen, ist doch klar"

Tatsächlich muss man nur genau hinschauen. Dann sieht man sie überall, die Signale des Protestes gegen den Atommüll, der gerade auf dem Weg von Frankreich ins Wendland ist, dort bereits ein erstes Mal von Aktivisten gestoppt wurde und nur ein paar Kilometer von Dannenberg entfernt in Gorleben eingelagert werden soll. Es sind die gelben und schwarzen X, die in den Schaufensterscheiben liegen, auf Fahnen an den Hauswänden wehen, an Autospiegeln baumeln und auf die Straße gesprüht sind. X - das Zeichen für "X-tausendmal quer", einer Initiative aus Dutzenden Gruppen und genau so vielen Aktiven, die den Widerstand gegen den Castortransport organisieren.

Bis zu 50.000 Menschen werden zur großen Demo vor den Toren Dannenbergs erwartet. 16.000 Polizisten sollen ihnen gegenüberstehen. Im Vorfeld wurde etwas von Hubschraubern gemunkelt, die als Wasserwerfer eingesetzt werden sollen. Im Restaurant "Zur alten Post", wo ein paar ältere Damen sich zum Kartenspielen versammelt haben, erzählt ein Gast, dass sogar die Bundeswehr eingesetzt werden soll, um im Notfall die Castorgegner in Schach zu halten. "Gott oh Gott", sagt ein Frau, die deutlich jenseits der 65 ist und mit ihrem Mann aus Quickborn gekommen ist, das in der Nähe liegt. "Da mag man gar nicht dran denken." Und trotzdem: "Dass wir zur Demo gehen, ist doch klar, man kann doch nicht einfach zusehen, wie wir hier immer weiter zugemüllt werden."

"Da muss jetzt mal Druck gemacht werden"

Widerstand will auch die Dannenbergerin zeigen, die sich in einem kleinen Antiquariat zu einem Plausch eingefunden hat. Eigentlich wollte sie mit dem bejahrten Antiquar, der inmitten unzähliger Bücherstapel auf einem dicken alten Ledersessel sitzt, über Gott und die Welt schwatzen. Doch nun sind sie doch wieder beim Thema Nummer eins gelandet. Als sie vor Jahren aus Hamburg ins Wendland zog, ahnte die Frau noch nicht, dass sie das Thema Atommüll einmal so berühren würde. "Aber wenn ich jetzt sehe, dass die Laufzeiten für die Atomkraftwerke verlängert werden sollen und dass da immer mehr Müll produziert wird, den sie dann immer zu uns bringen, dann macht mich das wütend", sagt sie. Und: "Da muss jetzt mal richtig Druck gemacht werden."

Schräg gegenüber, wo "X-tausendmal quer" seinen Infoladen hat, kündigen die Castorgegner genau diesen Druck an. Am Abend, als die kleinen Läden in der Innenstadt schon längst geschlossen haben, sitzen die Aktiven unter einer Lichterkette und planen den Widerstand für die nächsten Tage. Dabei, darin sind sie sich einig, seien alle Formen zivilen Ungehorsams wichtig. Welche damit gemeint sind, ist allerdings nur halboffiziell. Von "Castor schottern" und Massenblockaden ist die Rede. Der Rest wird per Handy besprochen. Man will der Polizei nicht zuviel verraten. Denn in Dannenberg geht es kurz vor der großen Demo auch ein bisschen konspirativ zu.

Stacheldraht, Irrlichter und das große X

Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat die Demonstranten aufgerufen, sich friedlich und besonnen zu verhalten. "Das Recht auf Demonstrationsfreiheit rechtfertigt nicht, sich selbst oder das Leben anderer Menschen zu gefährden", betont der CDU-Politiker am Freitag in Berlin. Der Transport sei notwendig, weil man die Lasten der Vergangenheit nicht anderen aufbürden könne. Nach Röttgens Worten ist neben dem aktuellen Transport noch ein weiterer aus Frankreich mit Castor-Behältern vorgesehen. Er soll im kommenden Jahr stattfinden. Auch dann werden die Atomgegner sicherlich wieder zur Stelle sein - mit allen Mitteln des zivilen Ungehorsams.

Dass die Polizei solche Ankündigung ernst nimmt, wird am anderen Ende der Stadt deutlich, am Verladebahnhof, wo am Sonntag der Castor von der Schiene auf die Straße nach Gorleben umgeladen werden soll. Stacheldraht und dutzende Polizeiwagen schirmen den Bahnhof ab. In einiger Entfernung sieht man Taschenlampenlichter blitzen. Irrlichter, die irgendwo im Gelände verschwinden. Dann plötzlich steht da mitten auf der Straße ein großes Kreide-X.

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