Ex-Geisel Rudolf Blechschmidt "Die waren scharf auf das Lösegeld"


Rudolf Blechschmidt, Ex-Geisel in Afghanistan, hätte nach eigenen Worten Wochen früher befreit werden können. Dem stern sagte er, der afghanische Geheimdienst habe die Verhandlungen aus "Geldgier" erschwert. Auch das Verhalten deutscher Diplomaten sei irritierend gewesen.

Der fast drei Monate lang als Geisel der Taliban festgehaltene Rudolf Blechschmidt erhebt schwere Vorwürfe gegen zwei afghanische Behörden. Dem stern sagte er, dass die afghanische Polizei eine schwere Mitschuld an seiner Entführung treffe. Der afghanische Geheimdienst sei zudem Schuld an der gescheiterten ersten Freilassung und hätte offenbar bedenkenlos seinen Tod in Kauf genommen. Das Verhalten der offiziellen deutschen Stellen habe er widersprüchlich erlebt.

Dem stern sagte Blechschmidt, dass ihn genau jene Polizei-Eskorte an die Taliban verraten hätte, die er zum Schutz für eine Fahrt zu einem Staudamm angefordert hatte. Ein mit einer Schrotflinte bewaffneter Afghane habe sie am Stausee bereits erwartet und einen Signalschuss abgegeben, woraufhin mehrere schwer bewaffnete Taliban von zwei Seiten auf sie zugestürmt seien. "Die Polizisten standen am Hang und haben auf die Taliban gewartet", so Blechschmidt. "Ich hab' im Auto noch eine Beretta-Pistole gehabt, aber mir überlegt: Wenn die Polizisten nicht schießen, ist das zu gefährlich, wenn ich mir mit den Taliban ein Feuergefecht liefere."

Tat war nicht politisch begründet

Die Hintergründe der Entführung seien kaum politisch motiviert gewesen, da die Kidnapper nach eigenen Angaben gar nicht genau gewusst hätten, wen sie da verschleppen: "Die wussten, dass Ausländer kommen, die den Damm reparieren wollen - und die haben im Zweifelsfall Geld. Das war's."

Als Blechschmidt am 27. September freigelassen werden sollte, sei es der afghanische Geheimdienst gewesen, der dies aus Geldgier vereitelt habe: "Die waren scharf auf das Lösegeld und hatten gedacht, sie könnten die Taliban übers Ohr hauen", sagte Blechschmidt dem stern. "Sie wissen, wo und wann das Geld übergeben wird und greifen sich die Vermittler. Aber sie waren zu dilettantisch, haben sofort zugegriffen und sind beobachtet worden. Da musste die Botschaft erstmal tagelang zusehen, das Lösegeld zurückzubekommen."

Da der Geheimdienst die beiden Vermittler sowie zwei ihrer Verwandten festgenommen hatte, seien die weiteren Verhandlungen massiv erschwert worden: "Der Geheimdienst wollte sein Gesicht wahren und hat behauptet, die seien Topterroristen. Die dürfte man auf keinen Fall laufen lassen. Dabei waren das einfache Taliban."

Der afghanische Präsident Karzai sei dadurch in eine heikle Lage geraten, denn gegen die Freilassung von Taliban-Anführern hatte es in vorherigen Entführungsfällen massive Proteste westlicher Regierungen gegeben. Der afghanische Geheimdienst habe sich bis zum Schluss gegen die Freilassung der von ihm festgenommenen Unterhändler und deren Angehörigen gesträubt. Dass er, Blechschmidt, am Ende überhaupt freigekommen sei, habe er nur dem massiven Druck der Bundesregierung zu verdanken.

Direkte Verhandlungen scheitern an Diplomaten

Das Verhalten des deutschen Krisenstabes und der deutschen Botschaft schildert Blechschmidt differenziert: Einerseits hätten die BKA-Beamten und der deutsche Botschafter in Kabul sich vehement für seine Freilassung eingesetzt. Doch auch das Verhalten einzelner deutscher Diplomaten habe seine Lage erschwert: Am 15. August habe er in einem Telefonat mit dem stellvertretenden deutschen Botschafter die Botschaft des lokalen Taliban-Kommandanten übermittelt, der rasch und ohne Vermittler zu einer Einigung kommen wollte. "Aber der Diplomat sagte nur: 'Ich telefoniere nicht mit den lokalen, nur mit den Taliban ganz oben, die treffen die Entscheidungen!' Da war nichts zu machen", so Blechschmidt zum stern. Eben jene direkten Verhandlungen mit den Geiselnehmern seien dann später aufgenommen worden und hätten auch zum Erfolg geführt, "nur eben erst Wochen später".

Christoph Reuter und Markus Götting print

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