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Extremsport: Schneller. Höher. Tot

Warum laufen Menschen in klirrender Kälte einen Berg wie die Zugspitze hinauf? Weshalb riskieren sie - wider jedweder Vernunft - ihr Leben. Wie gefährlich ist die Droge Extremsport? Hier finden Sie die Erklärungsversuche von Psychologen und Extremsportlern.

Sie konnte ihre Arme nicht mehr bewegen vor Kälte, sie konnte nicht mehr richtig sehen, weil die Tränen an ihren Augen immer wieder zu Eisklumpen gefroren. Ein paar Mal hat sie an den Tod gedacht. Doch dann ist Uschi Eichner weitergelaufen. Am Ende wurde sie beim Lauf auf die Zugspitze am Sonntag die Zwölfte in ihrer Altersklasse - und hat schon das nächste Ziel vor Augen: In zwei Wochen will die 36-Jährige den Karwendel-Berglauf mitmachen. Sie sagt: "Es ist eben ein besonderer Kick, zu wissen, dass man etwas bewältigen kann, was nicht jeder schafft."

Uwe M. und Hans P. haben auch geglaubt, sie könnten den 16 Kilometer langen Spurt bis hoch zur Zugspitze bewältigen. Sie zahlten je 60 Euro Startgeld und liefen vom österreichischen Ehrwald aus direkt in den Tod. Sie seien an Unterkühlung und möglicherweise auch an Herz-Kreislaufproblemen gestorben, sagen die Rechtsmediziner. Und viele Leute fragen sich: Warum tun sich Menschen so etwas an? Freiwillig? Warum riskieren Extremsportler für ihren Erfolg das Leben?

Nur das Ziel im Auge

Henning Allmer, Professor am Institut für Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln, sieht zwei Erklärungen für die Motivation zu Extremleistungen. Zum einen sei es die persönliche Herausforderung. "Die Athleten wollen die eigenen Leistungsgrenzen austesten. Im Mittelpunkt steht die Frage: Was kann ich meinem Körper zumuten. Wo stößt der Körper an seine Grenzen?", sagt Allmer.

Viele Sportler suchten nach extremen Erlebnissen, nach ungewöhnlichen Erfahrungen und Emotionen. "Hier ist nicht die Ausdauer entscheidend, sondern der Nervenkitzel, die Sensation. Wie etwa beim Bungee-Springen und River-Rafting." Für den Psychologen kann Extremsport eine Droge sein, mit der sich Athleten in eine Art rauschähnlichen Zustand bringen. Allmer: "Auf dem Weg zu ihrem Ziel entwickeln sie einen extremen Tunnelblick. Sie haben nur das Ziel im Auge, das führt dazu, dass sie körperliche Beschwerden schlicht nicht spüren beziehungsweise nicht ernst nehmen."

Helmut Reitmeir ist zweimaliger Berglauf-Senioren-Weltmeister und amtierender Europameister. Seit 15 Jahren läuft er dem ultimativen Kick hinterher. Immer wieder hat der 64-Jährige versucht zu erklären, was ihn treibt: "Mich hat mal jemand gefragt: warum nehmt ihr nicht den Lift? Das ist doch so: Der Berg ist da, steht vor einem und wir wollen hoch und zwar so schnell es geht." Reitmeir fügt hinzu: "Der Gipfel ist dabei alles, da mache ich keine halben Sachen. Die ersten Spuren im Schnee, das Glitzern der Kristalle, da vergisst man jede Erfrierungs-Erscheinung." Extremsport sei wie eine Droge. Man müsse aufpassen, dass man ihr nicht verfällt.

Für Reitmeir gehört das richtige Einschätzen der Natur und der eigenen Fähigkeiten zu einem Wettkampf dazu. Wenn es zu gefährlich wird, müsse man sich das auch eingestehen. "Reinhold Messner hat seine Touren sehr oft abgebrochen - und nur deshalb lebt er noch", ist Reitmeir überzeugt. Bei Extremtouren wie dem Zugspitzenlauf müsse man über eine mehrjährige Erfahrung bei derartigen Läufen verfügen. 40 Prozent der Teilnehmer des aktuellen Zugspitzenlaufes hätten dort nichts verloren gehabt.

Eingeschworene Gemeinschaft

Auch Astrid Benöhr aus Bergisch-Gladbach warnt: "Man gerät während eines solchen Wettkampfes schon in einen besonderen körperlichen Zustand. Aber es ist die Kunst, den Sport so zu betreiben, dass er nicht zu einer Sucht wird und man seinen Körper schädigt." Die 50-Jährige ist weltweit die einzige Frau, die mehrmals einen Zehnfach-Triathlon durchgehalten hat. Dabei muss sie 38 Kilometer ohne Unterbrechung schwimmen, anschließend 1800 Kilometer Rad fahren und dann die zehnfache Marathondistanz über 422 Kilometer laufen. Ein Massensport sei das logischerweise nicht. Auch einen Trend, dass immer mehr Menschen Extremsportarten betreiben, die dafür nicht vorbereitet sind, kann sie ebenso wenig erkennen wie Helmut Reitmeir. Der erfahrene Bergläufer sagt: "Viele denken, wir hätten einen großen Zuwachs, das stimmt aber nicht, es kommen kaum junge Athleten nach. So kommt es, dass immer noch viele alte Dackel, wie ich, mitlaufen." Reitmeir meint: "Die jungen Leute nehmen lieber das Mountainbike."

Uschi Eichner sieht in ihrem Verein eher eine eingeschworene Gemeinschaft Gleichgesinnter, die über den Sport zu einer Art Familie zusammengewachsen ist - und versteht, warum man trotz Wetterwarnung an den Start geht. "Der Lauf ist ja nur einmal im Jahr, den lässt man nicht einfach fallen, nur weil die Wettervorhersage nicht optimal ist." Das Schicksal der beiden toten Läufer macht sie zwar nachdenklich. "Aber das ist für mich kein Grund, nicht weiterzumachen."

Von Manuela Pfohl; Malte Arnsperger, Christian Gressner, Tonio Postel, Volker Königkrämer