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Gerhard Schröder: Er kann nicht verlieren

Seit der Bundestagswahl ist Überstehen nicht mehr alles. Gerhard Schröder will unabwählbar Kanzler bleiben, egal, wie. Schließlich hat er dafür auch alles gegeben.

So sieht einfach kein Verlierer aus. So sieht einer aus, der den Tod gesehen hat mit seinem weißen Licht, der seinen Körper da unten irgendwo am Boden sah, der Stimmen hörte und schöne Klänge von irgendwoher. Zeit und Raum waren aufgelöst, die Macht zu leben und zu sein schon längst verloren. Und jetzt auf einmal kehrte er mit rasender Geschwindigkeit zurück in sein reales Leben. Er fühlte sich stärker und lebendiger als jemals zuvor. Wer einmal alles verloren hat im Geiste, der gibt es im Leben nicht mehr her. Genauso ist es Gerhard Schröder am Sonntag ergangen.

Er hatte sich mit seinen Getreuesten oben im Kanzleramt getroffen, es gab Kaffee, und noch einmal genossen sie den Blick aus dem Panoramafenster auf den Reichstag. Sie waren auf Auszug gestimmt, auf Abschied von der Macht. Die kleine Willy-Brandt-Bronze war in Gedanken längst verpackt, das Gemälde von Baselitz mit dem koppheister gehenden Adler in einer Umzugskiste. Dann kamen die ersten Zahlen, und sie fuhren in die SPD-Zentrale. Dort saßen Schily, Struck und Steinbrück, und auch der olle Stolpe. Sie alle staunten wie Dreijährige im Legoland: die CDU weit unter 40 Prozent? Das hieße doch: kein Auszug, kein Abschied, oder was?

Schröder setzte

sein mächtiges Raubtierkinn auf, legte die strenge Furche zwischen die Augen und beschloss, ein Sieger zu sein. Einer, der sich von niemandem und schon gar nicht von dieser Frau da und den ihren aus dem Amt jagen lassen würde. Die Agenda Merkel würde es mit ihm noch lange nicht geben! Das fanden alle gut, irgendwie. Weiter haben sie erst mal nicht gedacht. Masterplan? So was brauchen Situationsstrategen nicht. Mal gucken, wohin das führt. Es war kurz nach 19.30 Uhr, als Gerhard Schröder, 61, sich im Foyer der Parteizentrale trotzig zum Kanzler ausrief.

"Spinnt der jetzt?", fragte ein einsamer Nordrhein-Westfale entgeistert, "das gibt das Ergebnis doch gar nicht her." Aber auch der Einsame korrigierte sich schnell. Denn rings um ihn war eine Stimmung ausgebrochen wie im Clubheim, wenn einer gegen alle Voraussagen den Verein doch noch in die Bezirksklasse schießt. Es ist nämlich nicht nur so, dass Gerhard Schröder am Sonntag sich selbst zurück in seinen Körper geschossen hat, er hat all die Nahtoten seiner Umgebung ebenfalls ins Irdische zurückgeholt. Die ersten liegen ihm dafür bereits zu Füßen.

Kämpfen, fallen, aufstehen. Niemand kann das schöner als Schröder. Dieses Kind, das man früher wegschickte. Das zu unwürdig war für den Schulbetrieb der höheren Pinkel. Dem selbst der Pfarrer keine Chance gab. Guck dich doch mal an! Ein Winzling war er, kam aus dem Piss-pot und wollte in die Schlösser. Dieser Kerl mit dem quadratischen Schädel aus dem Behelfsheim von Wülfer-Bexten. Er war ein Nichts und wollte alles. Jedenfalls dachten das die anderen und ließen ihn sicherheitshalber nicht rein.

Wer solche Demütigungen erlebt hat, wer das Oben und Unten so wie er am eigenen Leib erfuhr, wird stumm auf ewig, oder er kämpft trotzig wie kein Zweiter. Der macht weiter, bis er endlich geliebt wird. Irgendein Gen hat ihm gesagt, dass die zweite Variante die richtige ist. "Das muss, das kann, das werden wir gewinnen!", hat der junge Schröder in der Kabine angeordnet, wenn seine Elf vom TuS Talle nach der ersten Halbzeit hinten lag und die anderen zehn deshalb die Köpfe hängen ließen. Dabei sei er auf und ab gelaufen wie ein hungriges Tier.

"Wir müssen die jagen", rief der etwas ältere Schröder bei der Bundestagswahl 1994, als sein ungeliebter Parteigenosse Scharping als Kanzlerkandidat nicht weit hinter dem Amtsinhaber Kohl lag, "lass uns doch 'ne große Koalition versuchen." Und dabei ging er noch viel heißhungriger in der Bonner SPD-Baracke auf und ab. Schröder wollte immer jagen, kämpfen und siegen. Er wollte allen zeigen, wie das geht, denn er kannte die Tricks und die Muster. Doch Scharping wollte nicht jagen, er wollte seine Ruhe. So macht man's nicht, dachte Schröder, und gewann vier Jahre später sein eigenes Kanzlerspiel. Wenn man nur eins will im Leben, hat er immer gesagt, dann kriegt man's auch.

Als er im Mai 2005 trotzig seinen Neuwahlplan ausrief, fragten sich viele schon einmal: "Spinnt der jetzt?" Im Juni fielen die Sozialdemokraten in Umfragen auf 26 Prozent, sie ließen die Köpfe hängen und fühlten sich wie tot. Aber das zu sagen traute sich niemand. Denn in der bangen Zeit zwischen Schröders Ankündigung und der Entscheidung des Präsidenten war der Kanzler umhergetigert, getrieben vom Wunsch, endlich Beute zu machen.

Über eine mögliche Niederlage zu reden oder, wie sie es nannten, über das "Schiefgehenkönnen" am Wahltag, das war tabu. Schröder musste zusehen, wie die, die ihn gestern noch hofiert hatten, Journalisten und Fernsehobere, die er stets mit seiner Jovialität und seinem Saint-Émilion Grand Cru so gut bedient hatte, wie all diese sich plötzlich auf die Seite der anderen schlugen. Wie Treue auf einmal nichts mehr galt. Das muss das Demütigendste für den Medienkanzler gewesen sein. Zu sehen, wie sie ihn fallen ließen - "Guck dich doch mal an!" - und wegschreiben wollten. Das wird er denen heimzahlen. Er kann ein schrecklicher Gewinner sein.

Aber natürlich waren die Zeiten, in denen er sich zurück in den Pisspott schicken ließ, längst vorbei. Und dann begann schon der Wahlkampf. Mit jedem Tag warfen die Endorphine in seinem Blut größere Blasen, wuchs sein Charisma wie eine Herkulesstaude im Wald, der Fighter folgte dem Ruf der Straße.

Eine Woche vor der Wahl

war er zu einem Fest eines Freundes an die Hamburger Elbchaussee gekommen. Es gab Seeteufel vom Grill, Hummer und Filet, Damen mit Kelly-Bags und Herren mit Hermès-Carré. Vom Erkerzimmer aus, in das er sich kurz zurückgezogen hatte, konnte Schröder das noble Hanseatenvolk sehen, die oberen Dreihundert, die wie bei einem Kricket-Turnier auf der Wiese warteten. Die würde er auch gleich im Sack haben, wird er gedacht haben.

Denn die deutsche Wirtschaft wollte zwar die Politik der CDU - aber ihn als Kanzler. Und wenn er einmal mit seiner launigen Rede begonnen, sein Charmebolzenlächeln angeknipst und schließlich den Furor des Willens und Wollens gestartet hatte, dann gaben sich ihm alle, aber wirklich auch alle hemmungslos hin. Schröder ist leutselig, im wahrsten Sinne des Wortes. Er ist selig unter Leuten. Das ist sein Geheimnis, sein Trick. Wer ihn aus der Nähe erlebt hat, ist für Merkel verloren.

"Übrigens", visionierte Schröder in jenem Hamburger Erkerzimmer, wenn das am Wahlsonntag nicht eindeutig hinhaue, dann rufe er um fünf nach sechs den Edi an. Das wäre doch eine schöne Koalition: Er und der. Er konnte schon immer gut mit Edmund Stoiber. Wie oft haben sie sich früher als Ministerpräsidenten-Kollegen im "Weißen Bräuhaus" zu München getroffen und über die Nichtskönner in den anderen Ländern abgelästert! Schon 1998 hätte er lieber mit den Schwarzen koaliert als mit den Grünen. Eigentlich hat er dann seine SPD mit den Grünen regieren lassen, mit Trittin, Roth und Ströbele. Er selbst regierte mit Joschka Fischer. Genau genommen war das in all den Jahren eine doppelte Koalition.

Jetzt also Edi und er. Und dann nur die Besten aus beiden Parteien ins Kabinett. Er bliebe erst einmal Kanzler, Stoiber würde Vize und Außenminister, Wolfgang Clement wieder Wirtschaftsminister, Fritze Merz würde Finanzminister, Otto Schily weiter Innenminister und Horst Seehofer übernähme den Gesundheitsposten. Nach zwei Jahren dürfe dann der Edi ran, der Wulff, der Koch oder wen die anderen sonst so in petto hätten. "Israelische Lösung" nennen die Strategen so etwas. Zwei Jahre wir, zwei Jahre ihr. "Tolle Idee", staunten die im Erkerzimmer.

Dann ging "Ol' Blue Eyes" zu den Gästen hinunter und redete - aber nicht darüber. Woher nimmt dieser Mann nur die Kraft?, fragten sich die Zuhörer, als er längst gegangen war. Schröder wirkte wie ein biologisches Wundersystem, das große Energiemengen aus sich selbst heraus produzieren kann. Wenn das Land das auch könnte, sagte einer, wären wir alle Sorgen los. Gleich mittwochs darauf sprach Schröder noch einmal in Hamburg. Es war der Auftritt eines Volkstribuns. Der Applaus wollte kein Ende nehmen.

Danach setzte er sich

mit dem Publizisten Manfred Bissinger, dem Maler Bruno Bruni und seinem Anwalt an einen Vierertisch im Restaurant "Paolino" an der Außenalster und aß Pasta. Er war beseelt und zufrieden. Vor ihm lag das weiße Licht des Mondes über dem Wasserspiegel der Alster. Auf einmal stand eine Frau am Tisch und sagte: "Meine Schwester hat heute Geburtstag, können wir ein Foto machen?" Da war niemand, der sie abgehalten hätte, kein unsichtbarer Bannkreis, keine Schwelle, keine Angst vor dem Menschen Schröder, der zufällig auch Bundeskanzler war.

Schröder sprang auf, egal wie erschöpfend der Tag gewesen war und wie gern er seine Ruhe genösse, und sagte zu einem Nebenstehenden, wie er es tausend Mal schon gesagt hat: "Hier, mach doch ma 'n Fotto." Der Anwalt drückte ab, und noch mal und noch mal. "Woher nimmt dieser Mann nur die Gelassenheit?", fragten sich die Gäste an den Nebentischen.

Spät in der Nacht des großen Wahltag-Gefühlskinos saß Schröder mit wenigen Freunden im Kanzleramt. Mag sein, dass die SPD an diesem Sonntag nicht wirklich gesiegt hatte. Aber er selbst und das gierige, politische Raubtier, das in ihm lebt, hatten wenigstens bis zum Umfallen gejagt, gekämpft, gesiegt - und Beute gemacht. Und das war es doch eigentlich, worauf es ankam.

Ulrike Posche, Andreas Hoidn-Borchers

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