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Helmut Schmidt: "Ein Politikertyp, der nicht mehr existiert"

Altbundeskanzler Helmut Schmidt wird in diesem Jahr 90 Jahre alt - und ist auf dem Höhepunkt seiner Popularität angelangt. Cooler als Til Schweiger, geachteter als Willy Brandt: Die Deutschen verehren den Hanseaten. Politikwissenschaftler Peter Lösche erklärt im stern.de-Interview, warum.

Herr Lösche, warum haben die Deutschen ihren Bundeskanzler Helmut Schmidt in den letzten Jahren wiederentdeckt?

Er verkörpert einen Politikertypus, der heute nicht mehr existiert. Schmidt verfügt über eine ungeheure politische Erfahrung, war Hamburger Innensenator, Bundesverteidigungsminister, Wirtschaftsminister, Finanzminister, Fraktionschef und Bundeskanzler. Als Minister hat er in der Wirtschafts- und Verteidigungspolitik klare Akzente setzen können, in seiner Zeit als Kanzler hat er dafür gesorgt, dass wirtschaftliche Krisen die Bundesrepublik weit weniger stark erreichten, als anzunehmen war. Er war überzeugt von dem, was er tat, und hat es gegen Widerstände durchgesetzt. Schmidts heutiges Ansehen ist darüber hinaus auch darin begründet, dass er sich in der Öffentlichkeit verständlich machen konnte. Das schaffen nicht viele.

Also war Schmidt ein prinzipienfester Politiker?

Das klingt vielleicht ein wenig zu moralisch. Anders als Brandt war Schmidt in seiner aktiven Zeit kein ausgeprägt charismatischer Politiker. Schmidt verstand es, konzeptionell zu denken. Und er hat strategisch gehandelt.

In den 90er Jahren war Helmut Schmidt weit weniger hoch angesehen. Wohl auch, weil seine historische Leistung von den Einheitsjahren unter Helmut Kohl überdeckt wurde.

Helmut Kohl war ja dann, wenn man das so salopp formulieren will, an einer bestimmten Stelle weg vom Fenster - zur Zeit der Parteispendenaffäre im Jahr 2000. Ein weiterer Grund für Schmidts Renaissance ist, dass wir seitdem keinen Kanzler gehabt haben, der beim strategischen Denken auch nur im Entferntesten an Schmidt heran gekommen wäre. Das gilt mit kleinen Einschränkungen auch für die Fähigkeit, politische Vorhaben gegen Widerstände durchzusetzen. Die einzige Ausnahme ist dabei die Agenda-Politik von Gerhard Schröder.

Helmut Schmidt wird als authentischer Mensch wahrgenommen. Er lässt sich zum Beispiel das Rauchen nicht verbieten.

Ich glaube, dass er sehr bewusst seine Authentizität in den Medien ausspielt. Er sagt sehr genau, was er will - eben auch, wenn es ums Rauchen geht. Eine mitunter sehr schlitzohrige Eigenschaft. Das zelebriert er seit seiner Zeit als Hamburger Innensenator.

Warum gibt es den Politikertypus nicht mehr, den Schmidt verkörpert?

Politiker sind heute sehr spezialisiert. Das konzeptionelle Denken ist schwieriger geworden, weil die Welt komplexer geworden ist. Außerdem sehe ich weit und breit keinen Politiker, der so eine reichhaltige Biografie wie Schmidt hat.

Waren Politiker wie Helmut Schmidt durch die besonderen Verhältnisse der Nachkriegszeit inspiriert? Als es galt, ein moralisch wie wirtschaftlich zerstörtes Land wieder aufzubauen? Eine große Aufgabe ...

... die ja kurioserweise nicht von der jungen Generation bewältigt wurde, sondern von einem Mann wie Konrad Adenauer. Schmidt war kein Idealist. Er gehörte zu einer sehr pragmatischen Generation. Skepsis gegenüber den Eltern verband sich mit Kritik an jeglicher Form von Pathos. Ich glaube nicht, dass er durch diese große Aufgabe geprägt worden ist.

Frei von Pathos, pragmatisch: Man sagt ja Schmidt, auch aufgrund seiner Biografie, oft etwas Soldatisches nach. Führte er wie ein Offizier?

Nein, ein Offizier befiehlt. Schmidt hingegen konnte durchaus - wie wir heute sagen würde - im kleinen Team führen.

Interview: Sebastian Christ