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Kanzler-Ohrfeige: Arbeitsloser wieder frei

Aus mangelnden Haftgründen ist der 52-jährige Arbeitslose, der Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der SPD-Wahlveranstaltung in Mannheim geohrfeigt hatte, wieder freigelassen worden.

Ein 52 Jahre alter Arbeitsloser hat Bundeskanzler Gerhard Schröder am Dienstagabend bei einer SPD- Wahlveranstaltung in Mannheim geohrfeigt. Der Kanzler konnte jedoch nach dem Angriff weiter am Europafest der baden-württembergischen SPD teilnehmen. Er habe keine äußerlich sichtbaren Verletzungen erlitten, teilte die Polizei in Mannheim mit. Der Angreifer wurde zunächst festgenommen, aber noch am Abend wieder entlassen. Ein Polizeisprecher begründete dies mit mangelnden Haftgründen. Zudem habe eine ärztliche Untersuchung keine Hinweise auf eine Erkrankung des Mannes erbracht.

Motiv noch unbekannt

Der Tatverdächtige aus dem Großraum Bad Krozingen (Breisgau- Hochschwarzwald) hatte den Kanzler nach Polizeiangaben mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Über seine Motive wurde zunächst nichts bekannt, weil er die Aussage verweigerte. Schröder selbst lehnte am Abend in Mannheim eine Stellungnahme zu dem Vorfall ab.

Die baden-württembergische SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt sagte am Abend: "Wir werden in dieser Sache natürlich auch strafrechtlich vorgehen." Man müsse merken, dass in der Demokratie das Wort zähle und wolle keinem Mut machen, sich aggressiv gegen andere zu verhalten, sagte die Politikerin, die nach eigenen Angaben bei dem Vorfall anwesend war.

Polizei handelte sofort

Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg sagte, was genau vorgefallen sei, hätten nur ganz wenige mitbekommen. Der Angreifer sei sofort nach der Tat von Personenschützern des Bundeskriminalamtes überwältigt worden, hieß es bei der Polizei.

Der Zwischenfall ereignete sich, als Schröder am Abend bei einem Empfang für neue Parteimitglieder Autogramme gab. Der Mann trug einen Anzug. Nach Stegs Angaben hatte der Täter ein Papierschild für Neumitglieder am Arm getragen. Ob gegen den Mann wegen Beleidigung oder Körperverletzung ermittelt wird, blieb zunächst offen. Warum der 52-Jährige sich dem SPD-Regierungschef so habe nähern können, müsse noch geklärt werden, hieß es bei der Polizei.

Deutsche Politiker waren in der Vergangenheit schon häufiger Opfer von Angriffen bei Wahlveranstaltungen. Die schlimmsten Vorfälle betrafen 1990 den damaligen Saar-Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (SPD) und den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): Lafontaine wurde von einer geistig verwirrten Frau bei einer SPD- Veranstaltung in Köln in den Hals gestochen; Schäuble erlitt durch Schüsse eines ebenfalls verwirrten Mannes so schwere Verletzungen an der Wirbelsäule, dass er querschnittsgelähmt ist.

Schröder warb in seiner Rede in Mannheim erneut für die EU- Osterweiterung, die dauerhaften Frieden bringe. Die EU könne Beispiel für andere Regionen, wie etwa den Nahen Osten, werden. Zudem setzte er sich für die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen mit der Türkei ein.

DPA / DPA