Kommentar Krieg ist hässlich. Ach was


Deutsche Soldaten haben in Afghanistan mit einem Leichenschädel gespielt. Das ist abscheulich. Aber einen sauberen Krieg hat es noch nie gegeben. Napoleon hatte Glück, dass es damals noch keine Fotohandys gab.
Von Lutz Kinkel

So, so. Deutsche Soldaten haben also in Afghanistan mit einem Leichenschädel herumgespielt. Einer pflanzte ihn als Kühlerfigur auf den Jeep, ein anderer hält sein entblößtes Glied an den Knochenkopf. "Schock-Fotos" brüllt die "Bild".

Gleichwohl: Schockierend ist eher die Annahme, die diesem Skandal unterliegt. Sie lautet: Es ist möglich, in einem Krieg - und nichts anderes findet in Afghanistan statt, auch wenn die deutschen Soldaten dem Wiederaufbau dienen - sauber zu bleiben. Dieser Humbug lässt sich auch aus der Reaktion herauslesen, die Verteidigungsminister Franz Josef Jung zu Protokoll gab: Das Verhalten der Soldaten sei keinesfalls zu dulden, man müsse gegebenenfalls strafrechtliche Konsequenzen ziehen. Und zwar "mit allem Nachdruck". Danach, so die unausgesprochene Schlussfolgerung, ist die deutsche Soldatenwelt wieder so sauber wie eine Alpenwiese im Morgenlicht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Schädel-Spieler sind keine Mörder, auch keine Faschisten. Es sind Soldaten, die in der normalen Anarchie des Krieges über die Stränge geschlagen und ihre pubertären Machtfantasien ausgelebt haben. Wir sprechen von einem Skandälchen - das aber auf ein tieferliegendes Problem hindeutet.

Wer sich jemals mit Krieg beschäftigt hat, stößt unweigerlich auf Christopher Brownings brillante Studie "Ganz normale Männer". Browning untersucht in seinem Buch das Verhalten des Hamburger Polizeibataillons 101, das im Zweiten Weltkrieg Juden-Exekutionen durchführte. Die Frage, die er stellt, ist universell: Wie kann es passieren, dass sich Familienväter, die zuvor ein bürgerliches Leben führten und aufrechte Demokraten waren, plötzlich in Mörder verwandeln? Browning nennt dafür einige Faktoren. Gruppendruck. Alkohol. Arbeitsteilung bei den Verbrechen. Indoktrination. Die zivilisatorische Hülle des Menschen, so Browning, ist hauchdünn. Es braucht nicht viel, um sie zu zerreißen.

Das geschieht immer wieder. Die Schlächtereien in Vietnam, das Massaker von Srebrenica, Saddams Giftgas-Einsatz gegen Kurden, die Folterungen in Abu Ghreib - die Liste der Barbareien ist lang und wird solange fortgesetzt, wie es Kriege geben wird, also ewig. Krieg ist eben keine geordnete Auseinandersetzung zwischen zwei Völkern oder Gruppen, reguliert von Gesetzen und Ehrenkodizes. Krieg ist auch nicht "chirurgisch" zu führen, wie es uns die westliche Rhetorik immer wieder vorgaukelt. Krieg ist ein Meer an Grausamkeiten.

Gut, dass heutzutage jeder eine Digitalkamera oder ein Fotohandy dabei hat. Das verschafft der alten Tradition, dass sich Täter mit ihren Taten brüsten, mehr Publizität. Die Aufnahmen in Abu Ghreib haben keine Reporter gemacht, sondern die Beteiligten selbst. Die Fotos von den Schädel-Spielereien der Bundeswehr wurden offenbar ebenfalls von den Soldaten selbst gemacht. Irgendwann finden solche Bilder offenbar ihren Weg in die Medien. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass uns bei der Zeitungslektüre der Kaffee im Hals stecken bleibt.

Natürlich muss Verteidigungsminister Jung einschreiten, das Image der Bundeswehr ist beschädigt. Aber das ist nicht überraschend. Das ist der Preis, den die Deutschen für ihre Wiedereingliederung in die Reihe der souveränen, mitunter auch Krieg führenden Staaten zahlen müssen. Immer wieder.


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